Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- Seite 44 (sequence 6)
- Language
- German
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— 44 — 13. d. M. einen höchst interessanten Artikel über die antisemitische Bewegung in Berlin und die darüber erschienenen Brochüren, Angriffe und Vertheidigungen unter der Aufschrift: 1sttr68 d’Allemagne, Berlin Janvier. — Encore les juifs, leurs apologistes. Ganz besonders hebt der Correspondent die Widerlegungen des Prof. Grätz gegen Treitschke hervor. Der darauf bezügliche Paffus lautet: „Gerade auf diesen ausgezeichneten Schriftsteller und auf sein großes Werk möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken. Wer sich ernstlich in mitten dieser Bewegung orientiren will, muß mindestens den XI. Band dieser wunderbaren Geschichte der Juden lesen, welcher die Erzählung der seit einem Jahrhundert von den Helden des JudenthumS angestrengten Kämpfe für die Emancipation und den Ruhm ihrer Race enthält." „Ich kenne kein Drama, keinen Roman, welcher das Interesse dieser wahrhaften Geschichte darböte, geschrieben mit einer kräftigen Hand, von einem, mit allen EigenschaftenteS Geschichtsschreibens begabten Manne; exaktes Wissen, Menschenkenntniß, hohe moralische Gesinnung, überlegene Einsicht, festes und sicheres Urtheil und dieses alles verbunden mit einem biegsamen, freimüthigen, potenzirten Styl, der alles mit wenigen Worten sagt, ohne etwas abzuschwächen, noch zu übertreiben. Hr. Treitschke thut offenbar Hrn. Grätz Unrecht, indem er ihn antideutscher Gesinnung und eines Todhaffes gegen das Christenthum anklagt." Darauf theilt der Correspondent die erste Erwiderung des Prof. Grätz gegen Treitschke ausführlich mit. (Vergl. Nr. 51 d. Jsr. Wochschr.v. I.) Ferner übersetzt der Verfaffer des Artikels eine ganze lange Stelle auS dem XI. Band von Grätz Geschichte über die Teutomanie vom Jahre 1815 an und über die Leiden, welche die Juden in Deutschland dadurch zu erdulden hatten und fährt dann fort: „Jemehr das Ding sich ändert, desto mehr bleibt es dasselbe. Dieses Sprüchwort kann man hier anwenden. Noch immer im Namen desselben Tentonismus und im Namen des christlichen Staates laufen die antisemitischen Pamphletschreiber, die Publicisten und Prediger auf die Juden von heute Sturm. . . . Mit Recht oder Unrecht und obwohl sie der Reaktion, welche auf die politische Bewegung von 1848 folgte, Männer wie Stahl und Leo stellten, gelten die Juten als Hauptvertheidiger des Liberalismus. Nun ist der Liberalismus für den Augenblick beim Volke ebenso mißliebig wie bei der Negierung, man hat ihn zum Sündenbock der staatswirthschaftlichen Krisis gemacht, welche seit sechs Jahren das Land heruntergebracht hat. Welch' ein vorzügliches Mittel, den Liberalismus vollständig zu diskrctiren, wenn mau die Juden als seine eifrigsten Anbänger darstellt, die sich in der Mitte des allgemeinen Vorfalls bereichert hätten und so die liberalen Juden als eine Doktorin der Betrogenen und der Charlatane zu schildern." Für diese ebenso verkehrte, wie böswillige Darstellung führt der Correspondent die judenfeindlichen Aufhetzereien Stöckers als Beispiel an und schließt mit Ausführungen H. B. Oppenheims gegen dieselbe. „Es sind noch andere Dinge im Spiel" sagt Oppenheim. „Die von langer Hand angelegte Judenhetze bildet einen Theil eines vollständigen Systems politischer, ökonomischer und klerikaler Reaktion. Ohne es zu merken, arbeitet Treitschke im Dienste dieser Reaktion." Großbritannien. London. Unsere Zeit wird der Historiker einst nicht unpassend die Periode des I u d e n h a s s e s nennen. Bald braucht auch Deutschland sich nicht zu schämen, daß d-.r Menschenhaß gerade hier aus christlich germanischen Gründen die Gemüther verwirrt. Auch in England regt sich's. Verstimmte Politiker, die von den Juden nicht genügend unterstützt werden, die Unzufriedenheit mit der Politik Beaconssields, der aus jüdischer Familie stammt, suchen Bundesgenossen im politischen Kampfe und regen den Judenhaß an, um durch niedrige Leidenschaft und Verdächtigung einen gewaltigen Gegner niederzuwerfen. Professor Goldwin Smith Tollemache Sinclair, der Herzog von Argyll und nun auch^— Gladstone tragen das Mar rthum auch nach England. Gladstone sieht in Disraeli einen Gegner seiner orientalischen Politik; er fordert die Israeliten auf, ihm zu folgen, da sie dadurch am besten ihren Glaubensgenoffen im Morgenlande helfen könnten. Er muthet ihnen zu, ihren Patriotismus nach einer egoistischen Nationalpolitik zu bestimmen. Mit Recht haben sich nun hervorragende jüdische Politiker, der liberale Mr. Serjeant Simon und der conservative Mr. Lionel Cohen gegen solche Verdächtigung ihres englischen Patriotismus in der „Times" verwahrt, Karl Blind und Rev. A. L. Green haben in derselben Zeitung Gladsione's Vorwürfe und Zumuthungen zurückgewiesen. Die Nähe der Wahlen hat nun noch einen neuen Ritter auf die Arena gerufen. Mr. T. P. Q. Connor, ein. Londoner Journalist hat eine Biographie von Lord Beaconsfield geschrieben. Er schildert Beconsfield als einen Monte Christo, der angefeuert von den Bildern der ehemaligen glanzvollen Stellung Juda's und erbittert über ihre jetzige Machtlosigkeit, sich zur Lebensaufgabe gemacht hat — an der anglosächsischen Race sich zu rächen. Und — o Entsetzen — in diesem Vernichtungsplan haben sich alle Juden des Landes mit ihm verbunden, und eine auswärtige Politik unterstützt, die England ruiniren müffe. Ja zwischen Juden und Mohamedanern ist eine innige Sympathie und Beaconsfield leitet die Politik, um als Jude an seinen Feinden sich zu rächen. Als Beaconsfield von Berlin zurückkehrte und von Montefiore beglückwünscht wurde, da sei die jüdische Politik siegreich, das sei ein Triumph des Juden gewesen. Trotz dieser antisemitischen Strömung ist zu hoffen, daß Gladstone, der Führer der liberalen Partei, einerseits sein-n Jrrthum einsehen werde, wie es feststeht, daß die englischen Juden in politischen Fragen einen national-jüdischen Standpunkt niemals einnehmen können noch dürfen. — Die „Pall-Mall-Gazette" veröffentlicht jetzt interessante Artikel über den Talmud. Amerika. New-Aork. Die Sabbathfrage — leider noch immer eine Frage — beschäftigt die amerikanischen Juden jetzt mehr als sonst; die Erkenntniß bricht sich immer mehr Bahn, daß der Sabbath conditio sine qua non des Judeuthums ist. Die jüdische Preffe nimmt sich der Sache ernstlich an, die Rabbiner sollen auch hinzugezogen werden, um große Meetings zu veranstalten. Zu wünschen ist, daß in der neuen Welt auch der uralte Minhag (?) an Boden gewiune, vielleicht lernt dann die alte Welt auch Manches für ihre Praxis. Daß das Judenthum nur durch Verbreitung von Wissen gefördert werden kann, ist eine Ueberzeugung, der die jüdische Presse Amerika'- einen erfreulichen Ausdruck gibt. Interessant ist der neueste Versuch, den der „American Hebrew" macht. Ec bringt Uebersetzuugen des Tractates Aboda sarah und historische Darstellungen für die Jugend. So macht sich eine amerikanische Zeitung recht stattlich. In der Thal nimmt hier die Presse eine bessere Stellung ein. Sie ist wirklich der Sprechsal für alles öffentliche Leben der Israeliten, sie ist das Organ für die Vereine der verschiedensten Art und ist ein wirkliches Abbild des jüdischen Lebens. Das ist entschieden praktischer als in Deutschland. In Amerika lesen nicht nur die Rabbiner und Lehrer die jüdische Presse, da liest sie das Haus. — Allerdings ist auch in Amerika nur manches möglich. So hat z. B. au dem großen nationalen Thanksgiving-Tage ein christlich e r G e i ft l ich e r in der I a st r o m'schen Synagoge in P h il a d e l p h i a gepredigt u. die Judeuheit beglückwünscht, weil Jesus daraus hervorgegaugen sei. Freilich Dr. Farueß ist tolerant, die jüd. Gemeinde auch, daß aber diele Glorificiruug des Christenthums in einer Synagoge, welche das Christenthum nicht lehrt, auch keine Lehrhalle für Religionen aller Art, sondern spezifische Lehrstätte des Judenthnms ist, sich vernunftgemäß vertrügt mit dem Zwecke der Synagoge, das scheinen doch auch die amerikanischen Juden nicht mehr behaupten zu wollen. Man ver-