Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- Seite 45 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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dunkelt nur die Neligionsbegriffe und pflegt nicht die Toleranz. Ebenso curios wie diese lieberale Verquickung, ebenso curios ist aber auch das Auftreten der christlichen Missionare in Amerika; sie treten offen auf, laden Juden zu Vorträgen ein und suchen sie mit Amaleks Listen zu fangen. Aber der „Sun" hat nicht verfehlt zu erzählen, daß nach einem Berichte des Dr. Wolff in London während 10 Jahren 1*/, Jude bekehrt wurde, was 500,000 Pfd. St. kostete. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Nach der „Allg. ev. luth. Kirch -Zeit." wäre der Ausfall der letzten kirchlichen Gemeindewahlen in Berlin hauptsächlich dem Einfluß der Berliner Stadtbehörden und zwar nicht allein der des jüdischen Stadtverordnetenvorstehers Straßmann nebst Genossen zuzuschreiben, ja dasselbe spricht die Behauptung aus, daß die „semitischen Mitbürger", wenn selbige auch von der directen Theilnahme an den kirchlichen Wahlen ausgeschloffen sind, doch indirect „in der Presse und durch sanften Druck auf ihre Schuldner einen um so intensiveren Druck ausgeübl haben." — Es scheint in der That bereits dahin gekommen zu sein, daß auch nicht das Geringste mehr passiren kann, was nicht grade den Wünschen der orthodoxen Richtung entspricht, ohne daß sofort der Ruf laut wird: „Das hat der Jude gethan" — bemerkt hierzu die „Magd. Zeitg." Berlin, 19. Januar. Die „antisemitische" Bewegung ist jetzt sogar in unsere Gymnasien eingedrungen und es wird unerläßlich sein, daß die Aeltern und Mütter diesem Unwesen wehren, dar sich in seiner ganzen Häßlichkeit zeigt, wenn es sogar das Gemüth unserer Jugend vergiftet. In einem hiesigen Gymnasium ließen Schüler einer Oberklaffe eine Liste circuliren, welche „die Unterzeichneten" verpflichtet, jeden Umgang mit jüdischen Mitschülern zu meiden. Die Folge eines solchen Unfugs ist, daß selbst die christlichen Schüler sich entzweien, denn der Zumuthung, die jüdischen Commilitonen von sich fern zu halten, kommt immer nur ein Bruchtheil nach und die Uebrigen gerathen dann durch ihre Parteinahme für ihre angefeinveten Mitschüler in Conflikt mit den christlichen Judenhetzern. Diese jugendlichen Ausschreitungen sind um so bedauerlicher, als sie auf Anregungen einzelner Familien zurückgeführt werden müffen. Der große Scandal draußen in der Welt wird in den Schulklassen nachgeäfft und erzeugt Empfindungen, die jede normale Entwicklung aufhalten. Berlin. Im neusten Hefte der „Preuß. Jahrb." vervffentlicht Herr Profeffor T r e i t schke eine Erwiderung auf die Broschüren von Paulus Caffel, Harry Breslau und Lazarus. Ludwig Bamberg er hat auf den von Heinrich von Treitschke in den „Preußischen Jahrbüchern" veröffentlichten Artikel geantwortet und zwar in einem „Deutschthum und Judenthum" überschriebenen Aufsatz in dem soeben erschienenen zweiten Hefte der von Rudolf von Gottschall herausgegebenen Zeitschrift „Unsere Zeit". Dieser Aufsatz wird voraussichtlich in den weitesten Kreisen Aufsehen erregen; denn er ist von ebenso ruhiger Haltung wie schlagend und geistvoll in seinen Ausführungen und ganz dazu geeignet, dem Fanatismus, der sich gegen das Judenthum wendet und eine Modekrankheit zu werden droht, einen Dämpfer aufzusetzen. Posen. Jüngst feierte der Israelitische KrankenverpflegungS- und Leichenbestattungsverein sein Stiftungsfest im Keiler'schen Saale durch ein Festmahl zu Ehren der „thätigen Mitglieder", woran auch eine große Anzahl von „beitragenden Mitgliedern" als Ehrengäste theilnahm. Der Vorsitzende des Vereins. Herr vr. Rahmer, begrüßte in herzlichen Worten die Anwesenden und insbesondere das am Tage des Stiftungsfestes neu eingetretene thätige Mitglied, Hrn. Paul Jolowicz, verlas dessen Anmeldung, die durch ein in hebräischer Sprache abgefaßtes, die würdigen Bestrebungen des Vereins hervorhebendes Gedicht eingeleitet war und einen besonders freudigen und erhebenden Eindruck auf die Anwesenden machte. Aus dem hierauf felgenden Bericht des Vorsitzenden über die Wirksamkeit der Vereins im verflossenen Jahre, entnehmen wir Folgendes: Der Verein zählt circa 1100 beitragende und circa 60 thätige Mitglieder, welche Letztere 103 Nachtwachen persönlich bei erkrankten Personen abhielten. Außerdem wurden von den besoldeten Krankenwärtern und Wärterinnen unter Aufsicht und Anleitung des Vorstandes 300 Tagdienste und 600 Nachtwachen abgehalten. Die Leichenbestattung wurde von den thätigen Mitgliedern an 76 erwachsenen Personen und an 37 Kindern vorgenommen. Hunderten von kränklichen und theilweise arbeitsunfähigen Personen wurden namhafte wöchentliche Unterstützungen zu Theil, während eine große Anzahl von Kranken in der Latz'schen Anstalt unter sorgfältiger Verpflegung und gewissenhafter ärztlicher Behandlung Aufnahme fand. Coblenz. Im „Arch. iSr." berichtet ein „Ben-Moschä" über den Artikel des Hrn. Rabbiners von Wiesbaden, den Zehnten der palästinensischen Eßrogim betreffend, in einer Weise, entstellend und verdrehend, daß er richtiger Ben-Korach unterzeichnet hätte. Nicht „um einen braven Juden in seinem Geschäfte zu stören", sondern um die mit der Orthodoxie Schacher treibenden Orthodoxen zu entlarven, wie sie den Unwissenden mit frommklingenden Redensarten kövert, hat Hr. vr. Süßkind den Artikel geschrieben. Arch. iSr. ist das Opfer einer Täuschung geworden, welche ihrer ganzen sonstigen Haltung in's Gesicht schlägt, und vermieden hätte werden können, wenn die Redaction auf die Besprechung der Sache in unserem wissenschaftlichen und publicistischen Thcile gebührend geachtet hätte! Wien. Auf die telegraphische Anfrage aus Pest an den Professor Herrn Billroth, ob er nach Pest kommen wolle, um den Zustand des im Duell schwer verwundeten RedacteurS Verhovay zu untersuchen und eventuell an ihm die Entfernung der Kugel vorzunehmen, antwortete derselbe Folgendes: „Nachdem ich Herrn Verhovay nicht kenne, so ersuche ich Sie. mir bis Mittag telegraphisch das übliche Honorar von 500 fl. anzuweisen, dann komme ich Abends. Billroth." Ungarische Blätter machen, wie begreiflich, recht unfreundliche Glossen zu dieser Depesche des berühmten Chirurgen. Wir wurden unwillkürlich daran erinnert, daß dieser Hr. Billroth eS war, der vor wenigen Jahren den Juden Geldgewinn, Mangel an Idealität und Romantik in verletzendster Weise vorgeworfen. In Rom soll ein Oberrabbiner mit einem Gehalt 5000 Lires jährlich angestellt werden. Brüssel. Die Ansprache, die Herr Astruc im Namen des israel. Consistoriums am 1. Januar an den König vo« Belgien gehalten, hat großes Aufsehen erregt: „Wir, die wir aufgehört haben, ein Volk zu sein und Bürger sind, wir danken Gott, daß er uns leben läßt in einer Zeit und unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, und bttten ihn, da wir die Welt betrachten, wo unsere Glaubensgenossen noch nicht alle befreit sind, Belgien und seine Könige während einer langen Zukunft das beständige Borbild der Völker bleiben zu lassen und das glänzende Beispiel, daß durch das Handhaben weiser, liberaler Gesetze Fürsten und Völker verdienen zugleich die Güter der Erde und den Segen des Höchsten." So lautet der Schluß dieser Rede. Paris. Herr Jsaac Pereire hat 100,000 FrcS. zu Preisen ausgesetzt für Schriften, die die besten Mittel zur Lösung der socialen Frage angeben. In Paris soll's jüngst vorgekommen sein, daß einem christlichen Metzger, der unter Aufsicht eines Schomer koscheres Fleisch verkauft, angeboren wurde, man werde ihm monatlich für 5000 FrcS. Fleisch abnehmen, wenn er an Juden kein Fleisch mehr verkaufen werde. (Arch. isr.)