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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-28 · N° 5. (28.1.1880) · p. Seite 42

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 5. (28.1.1880)
Date
1880-01-28
Page
Seite 42 (sequence 4)
Language
German
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42 — „Zwar hat man in neuerer Zeit oft, theils aus irren- , der wissenschaftlicher Ueberzeugung, theils aus innerer Ab« Neigung, die nicht ohne Dünkel gemischt ist, von dem „semitischen" Geiste geredet, der alle jene heiligen Schriften, auch die des neuen Testaments durchziehe und erst ins „Japhetische" übersetzt und umgedeutet werden müsse, ehe er auf dem Gebiet des Glaubens eine bindende Autorität sein könne Kraft dieses semitischen Geistes stehe auch Israel in dem Boden unseres Culturlebens als ein ausländisches Gewächs. Das ist nicht der rechte Standpunkt religiösen Urtheils. Das vielmehr ist die feste Anschauung, welche auch im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt und welche eie Kirche nie aufgegeben hat, daß jener sogenannte „semitische Geist" der Geist Gottes sei; daß er der religiöse Geist sei, der berufen ist, alle Völker zu durchdringen und zu beherrschen, und daher eine Umgestaltung oder Akkommadation an den „germanischen" Geist nicht bedürfe. Was ist denn eigentlich auch dieser germanische Geist, der gerade in dem jetzigen Streit mit Israel so emphatisch gepriesen wird? Wollen wir denn etwa die religiösen Vorstellungen unserer heidnischen Vorfahren mit denen der christlichen Zeitalter unseres Volkes wieder vertauschen? Wollen wir etwa die Cultur unserer in Wäldern hausenden Altvordern zurückrufen, um den Sumpf moralischer Fäulniß einzudämmen? Diesen „germanischen Geist" heute noch auf den Schild zu heben, ist nichts als Phrase und nebelhafte Deutschtümelei! Unser Deutschthum ist Christenthum; das hat unserem Volke seine Cultur gebracht; das hat durch seine universale, die Bildungsmomenle aller Völker in sich ausnehmende Kraft auch das germanische Volk zur edlen Form, zum Behältniß der höchsten göttlichen und menschlichen Gedanken, zum Träger des Geistes gemacht, den man heute in sonderbarer geschichtlicher Verdrehung zum semitischen stempeln will. Und wie auch noch der nationale Ursprung und Typus das Volk des Alten Bundes von den christlichen Völkern trennt, hier, auf dem wahrhaft kosmopolischen Gebiet des Glaubens, berühren sich Christenthum und Judenthum als geistesverwandte Größen, als Söhne eines und desselben Vaters." (Wir kommen auf dieses treffliche Schriftchen, ganz besonders auf das was er sehr Beherzigenswerthes gegen die „sogenannte Judenmission" (2. 19 und 20) und Anerkennendes f ü r Israel sagt, demnächst ansführlich zurück. Red.) Charlottenburg, 15. Januar. (Or.-Corr.) Trotz der epidemischen Judenhetze ist hier, Gott Lob, nichts davon zu verspüren. Herr Stadlrath Moll ist fast eiilstimmig zum Stadtverordneten - Vorsitzenden, der Vorsitzende unserer Gemeinde, einer der 3 hiesigen Schiedsmänner, Dr. Edel, zum Schriftführer, der zweite Vorsitzende unserer Gemeinde, der Herausgeber der ,Menen Zeit". R. Jsaac und der Rechtsanwalt I)r. L a z a r u s bei der jüngsten Neuwahl von 6 Stadtverordneten wredergewählt, (beide mit bedeutender Majorität.) Wenn jüngst hier ein eklatanter Fall von RischuS vorkam, dann ging er von einem „Berliner" aus. Bei der Hochzeit, welche der Commerzienrath Sy (Inhaber der berühmten Gold- und Silberwaarenfabrik Sy u. Wagner) seiner Tochter machte, war der SanitätSralh Hirsch hier als Hausarzt und Hausfreund geladen. (H. hält sich von Juden möglichst fern und als sein Sohn voriges Jahr hier Abiturienten-Examen machte, war im Programme des Gymnasiums seine Confeflion auSgelaflen.) Als solcher war er mit dem Ausbringen des ersten Toastes auf das Brautpaar beauftragt. Nach dem Toaste erhob sich ein bekannter Geschäfts-Herzog, naher Verwandter deS Sy, ging auf H. zu und sagte: „Wie können Sie, verfl. Jude, mir meinen Toast weguehmen. Heberall drängen sich die verfl.Juden vor." Der Gastgeber nahm sich seines Gastes energisch an und soll mit H. noch heute verfeindet sein. H., ein bekannter Judenfeind, der , in seinem großen Geschäft principiell keinen Juden beschäftigt und wenn er kann, von keinem kauft, soll die Antisemiten-Liga nach Kräften unterstützen, verschmäht es aber keineswegs, wenn Juden ihn in Nahrung setzen. In den Weihnachtsferien war ich in F ü r st e n w a l d e, wo ich Gelegenheit nahm, die Taubstummenanstalt des Hrn. Reich zu besuchen. Hr. Reich war so freundlich, mich auf mein Ersuchen in die Unterrichts, Wohn- und Schlafräume seiner Zöglinge zu führen Ueberall iu dem in der Milte eines großen, und so weit man trotz des tiefen Schnees sehen konnte, wohlgepflegten Gartens liegenden Häuschen herrschte Ordnung und Zweckmäßigkeit. Ich fand die Kinder in wohlerwärmtem Zimmer, unter Aufsicht spielen und sah mit Verwunderung dt« zierlichen Arbeiten, welche sie spielend fertigten. Frau Director Reich ist eine bewährte Kindergärtnerin. Bei meinem Eintritte grüßten mich die Kinder recht deutlich und verständlich und zwei Knaben von etwa 9 und 11 Jahren rechneten recht wacker im Zahlenkreise bis 100 und konnten mir, trotz meines Bartes, die Worte leicht vom Munde ablesen. Herr R. bedauerte, seine besten und ältesten Zöglinge, die der Ferien wegen in der Heimath waren, nicht vorführen zu können. Tief hat es mich ergriffen, als der ältere der beiden Knaben auf die Aufforderung deS Herrn Direclors klar und deutlich die Brocho recitirte. So wenig klare religiöse Begriffe diesen Unglücklichen beigebracht werden können, um so nothwendiger ist es, daß diese nicht erst durch Religionsunterclcht in christlichen Anstalten verwirrt werden. Da die Anstalt des Herrn R. die einzige jüdische in ganz Deutschland ist, dürfte sie sich von selbst allen jüd. Eltern solcher unglücklichen Kinder empfehlen. Belgard in Pommern, 18. Januar. (Or.-Corr.) Ein höchst erschütternder Fall hat sich in unserer Gemeinde am m'y, dem StUtungstage unserer Cbewra kadischa, zugetragen. Am Abend des gedachten Tages pflegen sich die Vereinsmitglieder noch im Hotel Prinz einzufinden, »m sich nach statt gefundener religiöser Feier über Vereinsangelegenheilen zu besprechen, auch gemeinschaftlich ein kleines Mahl abzuhalten. Wie gewöhnlich, waren Alle pünktlich erschienen, nur einer, der Pferdehändler Hirsch Lew in, ein durchaus achtbarer, ordentlicher Mann, fehlte noch; deffen Gattin, die die Pflegemutter des Vereins ist, war jedoch bereits im Saale anwesend. Ahnungslos setzten wir uns an die Tafel und plötzlich bemerkte ich im Saale unter den Anwesenden ein Geflüster, ich wurde ins Garderobenzimmer gerufen und fand daselbst — die Leiche des Hirsch Lewin vor, noch angelhan im Festgewande. Die Frau, die die Aufsicht über die Garderobe hatte erzählte, der Dahingeschiedene kam heiter und froh ins Zimmer, erkundigte sich, ob schon Viele da wären; kaum hatte er dieses ausgesprochen, stürzte er nieder und — war tobt. Welche Bestürzung alle Auwesendeu bei diesem Falle ergriff und ganz besonders die Gattin, die in freudiger Erwartung, daß ihr Mann bald erscheine» würde, dasaß. läßt sich kaum beschreiben. Wie sich hier bestätigten die Worte des Psalmisten: p^» ^2 ‘ip'a a“7K („Der Mensch in Pracht — überlebt oft nicht die Nacht!") Der Verstorbene ahnte nicht, daß er sein „Festgewmd bald mit dem Todtengewande" vertauschen würde. — Ein ähnlicher Fall trug sich in Stolp an demselben Tage oder Abend zu. Ein Herr Freundlich bekam einen Herzschlag in Mitten der Vereinsmitglieder, wurde nach Hause gebracht und starb daselbst Lublinitz. Den Lesern dieses Blattes ist zweifellos die juden-, resp. semitenfe l ndliche Haltung des Glogauer Landraths bekannt, die sich jüngst in einer daselbst stattgehabten Kreis-Versammlung kundgab. Im Gegensatz zu diesem freut es uns, ein offnes, von hohem Gerechtigkeitssinn zeugendesWort miltheileu zu können, welches der Lanbralh unseres Kreises im „Oberschlesische n Boten" spricht. In Nr. 3 dieses Blattes schreibt derselbe: „Die Beilage 7 der „Schlesischen Volkszeituug" vom 10 Januar 1830 enthält „zum Nothstand in Oberschlesien" einen Artikel aus Lublinitz, der in seinem Schluß Paffus, dahin lautend: „Endlich ging der allseitige Wunsch dahin, man möge bei den bevorstehendem

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