Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- Seite 41 (sequence 3)
- Language
- German
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ih,. .:=%n — 41 — Wohlhabender sind und daher ihre Kinder bester verpflegen und erziehen können als die übrigen Deutschen.*) Auch von den Kindern des christlichen Mittelstandes werden durchschnittlich weniger sterben und durchschnittlich mehr das Gymnasium besuchen als von den Kindern des Proletariats. Je mehr das Proletariat an wirthschaftlichen Tugenden reift, desto mehr wird sich zu seinen Gunsten dies Verhältniß ändern. Und genau dasselbe wird geschehen, wenn die christliche Bevölkerung im Ganzen in denjenigen wirthschaftlichen Tugenden reift, denen die jüdische ihre größere Wohlhabenheit verdankt. Wir glauben nicht, daß ein Naturgesetz die germanischen und slavischen Bestandtheile der Nation verdammt, in alle Zukunft minder betriebsam und minder frugal zu sein, mehr Branntwein zu trinken, leichtsinniger zu heirathen als die semitischen Bestandtheile. Wir dürfen vielmehr hoffen, daß in diesen Beziehungen unsere Ziffer allmählich steigen wird, ohne daß wir nöthig haben, unseren jüdischen Mitbürgern die ihrige zu mißgönnen. Schließlich ist es doch vortheilhafter, wohlhabende Mitbürger zu haben als arme, und bester ist es für uns, wenn die Juden, mit denen wir zusammenleben, gebildet als wenn sie ungebildet sind. WaS den angeblich undeulschen oder gar deutschfeindlichen Charakter des Judenthums betrifft, so vermögen wir auch nicht einmal for arguinent’s sake die von Treitschke ausgestellten Behauptungen zuzugeben. Alles was er für seinen Satz anführt, beweist höchstens, was Niemand leugnet, daß die Juden so gut wie die Germanen ihre Schwächen und Fehler, und daß sie namentlich 168 defauts de leurs qualites haben, wie Jedermann. Den Beweis dagegen, den wir fordern müssen, daß unsere jüdischen Mitbürger im Großen und Ganzen da, wo sie sich mit Staatszwecken beschäftigen, andere als deutsche Staatszwecke verfolgen, daß sie auf dem Gebiete der Wissenschaft der deutschen Forschung gegenüber sich abwehrend verhalten, daß sie ihre weltlichen Jnteresten principiell und praktisch anders als andere Deutsche wahrnehmen, daß bei ihnen der Privategoismus eine besondere nationale Richtung einschlage, daß sie im Kriege sich ihren Soldatenpflichten zu entziehen suchen, wohl gar mit dem Feinde conspiriren, daß sie im Frieden kein Jntereste für gemeinnützige Bestrebungen zeigen, daß sie mit einem Worte schlechte Bürger sind und dem deutschen Geistesleben stumpf, höhnisch oder feindselig gegenüberstehen — den Beweis hat er nicht erbracht. Die einzelnen Beispiele, die er anführt, sind für die Hauptfrage ohne Gewicht; denn für jeden unsauberen semitischen Geist, den er cilirt, kann man hundert unsaubere germanische Geister citiren. Es ist schon an sich sehr mißlich, aus einzelnen Fällen, die zu unserer Kunde kommen, allgemein gültige Regeln für die Beurtheilung einer Nation oder eines Volksstammes abzuleiten, denn es liegt in der Natur der Sache, daß die Ausnahmen als das Auffallende zuerst beobachtet und gemeldet werden. Vollends aber ist es ungerecht, wenn man bei der Vergleichung zweier verschiedener Volksstämme die H e f e des einen mit der Sahne des anderen, wenn man den Judenbengel oder den jüdischen Gauner mit dem christlichen Gentleman und dem germanischen Kernmenschen zusammenstellt. Treitschke geht selbst über diese Stufe der Ungerechtigkeit noch hinaus, indem er die Juden verantwortlich macht für die Verbrechen, deren Opfer sie während so vieler Jahrhunderte gewesen sind. Es sei, meint er, nicht zu erklären, daß andere Völker gerade die Juden ausgewählt batten, um teuflische Grausamkeiten an ihnen zu verüben, wenn nicht irgendwie die Juden schuldig gewesen wären. Das heißt denn doch alle Grundsätze eines ehrlichen Processes auf den Kopf stellen. Weil ich von eineni Andern schändlich behandelt worden bin, soll ich die Vermuthung der Verschuldung gegen mich gelten lassen! Mit diesem Satze würde man wunderbare Dinge beweisen *) Sollte nicht auch die Mäßigkeit und Opfer Willigkeit — bie auch in den untern jüd. Volksschichten herrscht — hieran einigen Antheil haben? (Red. d. Jsc. W.) können, unter Anderem, daß das Urchristenthum, das die meisten Märtyrer zählt, besonders corrupt, daß die Vorläufer der Reformation, gegen welche in allen Ländern mit ausnahmsloser Regelmäßigkeit Feuer und Schwert gewülhet haben im Grunde Bösewichter gewesen seien, u. s. w. Wir sollten denken, aus dem Umstande, daß die Judenhenker gegen ihre Schlachtopfer immer nur ganz vage und unglaubliche Anschuldigungen, z B. die der Hostienschändung und der Ermordung von Christenkindern zu mysteriösen Zwecken, vorbrachten, müsse im Gegentheil geschloffen werden, daß die Juden im Allgemeinen keine ärgere Sünder gewesen seien als andere Leute auch. Von jeher hat man seinen Feinden Gotteslästerung und Religionsverachtung nur dann vorgeworfen, wenn man außer Stande war, ihnen bestimmte und handgreifliche Uebelthaten nachzuweisen. Sind denn die Grausamkeiten, von denen eine breitemsendjährige Geschichte nur allzuviel berichtet, vorwiegend an den schlechteren und verwerflicheren Elementen des menschlichen Geschlechts verübt worden, daß man die Regel aufstellen könnte: Wer gefoltert wurde, ist verdächtig? Lehrt die Beobachtung unserer Natur, daß die teuflischen Leidenschaften in der Menschenbrust gewöhnlich durch Haß gegen die Schlechten entflammt werden? Ist nicht vielmehr gerade das Gegentheil der Fall? ist nicht der Teufel der natürliche Feind der Schuldlosen, und hat nicht an den Marterwerkzeugen aller Zeiten das Blut der Reinsten und Edelsten geklebt? Hat der Pöbel jemals mit Vorliebe die gemeinen Kerle zerrissen? Unter den Steinen und Knitteln eines rohen Haufens, an den langsamen Flammen eines fanatischen Jnquisitionsrichters das Leben auszuhauchen, ist an sich noch nicht ein Beweis hoher Tugend, aber einBeweis desLasters ist es sicherlich noch weit weniger. Eine schwere Verantwortlichkeit lädt auf sich, wer in solchen Zeilen, wo die alten blutgierigen, Dämonen schon auf der Lauer liegen, irgend ein Wort sagt, welches wir wollen nicht sagen die Versolgungswuth beschönigt, aber als solche Beschönigung gedeutet werden kann. Um so schwerer die Verantwortlichkeit, je glänzender das Wort, je angesehener der Sprecher." Wir haben dem Gesagten nichts hinzuzufügen, als ein Wort des Dankes für die Redaction der „Weser-Zeitung", die mitten in dem Staubwirbel den Blick für die Wahrheit sich ungetrübt erhalten und den Muth gefunden hat, für dieselbe selbst dem hervorragenden Parteigenossen gegenüber eine Lanze zu brechen. Diese dem Professor Treitschke von ch r i st l i ch e r Seite aus dem eigenen Lager gewordene Verurtheilung wiegt schwerer als alle Widerlegungsschriften von jüd. Federn. Die Red. der „Jsr. Woch." Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Magdeburg, 22. Januar. Gerechtes und sehr erfreuliches Aufsehen erregt bie'lieue anti judenfeindliche Kundgeb ung des Kronprinzen des deutschen Reiches, die in einem Briefe vorliegt, den derselbe an den Pastor Gruber in Reichenbach i. Schl., den Verfasser der Broschüre „Christ und Israelit", gerichtet hat. Das eigenhändige Schreiben lautet: „Sie haben Mich durch Ueberreichnng Ihrer Schrift „Christ und Israelit" aufrichtig erfreut und zu besonderem Danke verpflichtet. Ich gebe Mich gern der Hoffnung hin, daß Ihr Wort desFriedens in weiteKreise dringe n und die verdiente Anerkenung finden möge. Berlin, den 16. Januar 1830. Friedrich Wilhelm, Kronprinz. Der Verfasser des empfehlenswerthen Schriftchens, der als Pastor auf entschieden christlichem, offenbarungsglünbigem Boden steht, betont darin zunächst die Verantwortung derer, welche die „Judenfrage" wieder angeregt haben, ein Wort, das schon des Verfassers Abscheu erregt. Bezüglich der Gegenüberstellung germanischen und semitischen Geistes heißt es in dem Schriftchen (S. 6):