Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- Seite 40 (sequence 2)
- Language
- German
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— 40 — nicht im Traume einfallen laffen, sondern er war der festen Meinung, Grätz' elfbändige Geschichte sei der Katechismus der Juden! Wie naiv! Herr Treitschke hat vor 3 Monaten so gut gewußt, wie er es heute weiß, daß Herr Grätz ein Schriftsteller ist, wie jeder andere, daß seine Ansichten seine Ansichten sind, die möglicherweise Tausende theilen können, für die aber kein Anderer verantwortlich ist, als er selbst. Aber Herr Treitschke, denke ich, hat sich ins Fäustchen gelacht, als er sah, daß unsere tüchtigsten Vertreter ihm auf die Leimruthe gingen und ihm treuherzig versicherten, Grätz sei nicht Moses und seine Geschichte keine Offenbarung. Gewonnen hat man also mit der Preisgebung Grätz' nicht das Mindeste — aber viel eingebüßt! Es war nicht religiös und nicht moralisch gehandelt, daß man Grätz Treitschken ausgeliefert hat. Schon die Mischna lehrt: Wenn Einer von Frauen verlangt, daß sie ihm eine aus ihrer Mitte preisgeben sollen, widrigenfalls er sie alle bewältigen werde, so sollen lieber alle sich opfern, als daß sie eine Seele aus Israel preisgeben. Machen wir einmal von dieser Lehre die Anwendung auf unfern Fall. Soviel mir bekannt ist, schwelgt Herr Grätz weder in Glücksgütern, noch überhaupt in Lebensgenuß. Der erhoffte Dank und die Anerkennung seiner Glaubensgenoffen — das ist sein Leben, das ist sein Lebensgenuß. Heißt es nun nicht den Mann aufs Tiefste verwunden, wenn man den Treitschke und Konsorten jetzt vor aller Welt zuruft: mache Deinen Streit mit Grätz persönlich aus, Grätz ist nicht das Judenthum und das Judenthum ist nicht Grätz! Ich meine: lieber mußten wir alle das Odium Grätz' tragen — wieviel kommt denn dabei auf den Einzelnen, und wieviel bleibt uns nicht ohne dies zu tragen übrig — als Grätz bloßstellen. Wie sagt doch Antonius? „Was Menschen Uebles Ihun, das überlebt sie, das Gute wird mit ihnen oft begraben." Herr Grätz hat sein Lebtage nicht so viel Ehre für das Gute, was er gethan, geerntet, wie jetzt Unehre für das „Neble" (das man ihm angedichtet. Red.) Es war auch nicht tapfer und Honnet gehandelt, daß man Grätz Treitschken ausgeliefert hat. Wenn unter Sperlinge geschaffen wird, fliegen alle auf und fort und keiner bekümmert sich um den gefallenen oder blessirten Kameraden. Menschen verfahren in der Regel anders. Schon der Corpsgeist erfordert, daß man den angegriffenen Kollegen in die Mitte nimmt. Was auch Grätz gefehlt — er ist ja nur Mensch! — jetzt durfte das von unserer Seite nicht zur Sprache gebracht, jetzt durfte, wenn es von anderer Seite geschah, unsererseits nicht darauf eingegangen werden. Zusammenhalten flößt immer Respekt ein. Diese Tugend ist auch in dem gegenwärtigen Streite in rühmlicher Weise unter uns zu Tage getreten. Um so bedauerlicher ist es, daß man Grätz zur Rolle eines Marodeurs verurtheilt und ihn Amalek preisgegeben hat. Es war endlich auch nicht klug gehandelt, daß man Grätz Treitschken ausgeliefert hat. Es war schlimmer als ein Verbrechen, es war ein Fehler. Treitschke hat sich geschickter Weise hinter Grätz verschanzt, aber seine Stellung mußte demaskirt werden, es mußte ihm gesagt werden: Du bist ein Judenfeind mit und ohne Grätz. Statt dessen hat man ihm gesagt: bezüglich Grätz' hast Du recht, aber wir anderen — nun wir anderen sind, wie ich es schon ausgesprochen habe, bei Treitschke und Konsorten nicht um ein Haar besser angeschrieben, als Grätz Aber der Fehler, der geschehen ist, kann uns theuer zu stehn kommen. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob wir nicht durch unser Verhalten gegen Grätz den Boden geebnet haben für eine neue Art von Censur und Denunciation, ich will nur von den Folgen für die jüdische Wissenschaft sprechen. Diese war bisher das Aschenbrödel unter den Wiffenschaften. Geld hat sie bisher Keinem eingetragen, der ihr obgelegen, der einzige Gewinn, der dem jüdischen Gelehrten in Aussicht stand, war die Anerkennung seiner Glaubensgenossen. Jetzt sehen nun strebsame Jünglinge, wie ein Gelehrter, der elf (resp. zwölf) Bände jüdischer Geschichte geschrieben, auf seine alten Tage Komplimente, wie „taktlos, einseitig, zelotisch", von seinen Glaubensgenossen sich an den Kopf werfen lassen muß. Welch' ein Sporn! Wie verlockend! Grätz wenigstens hat Grund mit Baccaccio auszurufen: Nunc frange tibi caput et fac librum! Wien, im Januar. Güdemann. Christliche Stimmen gegen Treitschke. II. Hier der zweite Artikel der „Weser-Zeitung" gegen Treitschke: „Die Gründe, auf welche Treitschke's Ansicht von der Gefährlichkeit des Judenthums sich stützt, sind zweifacher Natur: Einmal gilt es ihm als unzweifelhafter Satz, daß die Juden eine Nation für sich und deshalb, so weit sie Reichsangehörige sind, ein fremdes Element in unserem Gemeinwesen bilden. Sie sind keine Deutsche; sie sind unfähig des deutschen Patriotismus; sie haben ihr eigenes nationales Leben, ihren eigenen Geist, ihre eigenen Ideale, und sie sind bestrebt, dies jüdische VolkSthum zu erweitern, zu befestigen, zur Allein - geltung zu bringen, natürlich auf Kosten des deutschen Volksthums. Zweitens vermehrt sich die Zahl der Juden in unserer Mitte rascher, als die Zahl der christlichen Bevölkerung, namentlich aber nimmt die Zahl der gebildeten Juden ungleich schneller zu, als die der gebildeten Nichtjuden. In kurzer Zeit wird bei uns, so verkündet Treitschke, unter je zehn gebildeten Männern ein Jude sein; denn so ist jetzt das Verhältnis der Schüler unserer höheren Lehranstalten, von denen ein Zehntel dem mosaischen Bekenntniffe angehört, während im Verhältniffe zur Gesammtbevö kerung il,f der richtige Bruchtheil sein würde. Wir muffen gestehen, daß dies Rechenexempel, die Richtigkeit einmal zugegeben, uns nicht so erschüttert, wie Treitschke es vorauSzusetzen scheint. Es macht aus uns einen Eindruck ähnlich wie die Nachweise, daß einmal alle Steinkohlen verbraucht sein werden. Allerdings ist eS mathematisch richtig, daß, wenn die Juden sich stärker vermehren, als die Germanen, dann zu irgend einer Zeit einmal die Juden in Deutschland die Majorität bilden werden. Aber wir haben wirklich zu viel näherliegende Sorgen, als daß wir uns deshalb ängstigen sollten. Ein Mann, der zehntausend Mark zu 4 pCl. wuchern läßt, muß merkwürdig neidisch sein, wenn er schlaflose Nächte hat, weil ein anderer hundertdreiunddreißig Mark zu 4*/, pCt. wuchern laffen kann, und weil im Laufe der Jahrhunderte das kleinere Capital das größere überflügeln muß, wenn der Zinsfuß sich nicht ändert. Wenn der Zmsfuß sich nicht ändert, wenn die Verhältniffe, wie wir sie während einer kurzen Spanne Zeit beobachtet haben, unwandelbar dieselben bleiben, was weder gewiß noch auch nur wahr, fcheinlich ist. Es ist wahr, gegenwärtig ist bei den Juden der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle größer als bei der übrigen Bevölkerung;. eS ist wahr, jüdische Schüler besuchen in relativ stärkerer Zahl die höheren Lehranstalten als nichtjüdische Schüler es thun. Aber woher rührt das? Doch wohl vorzugsweise daher, daß durchschnittlich die Juden