Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 5. (28.1.1880)
- Date
- 1880-01-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 5. 1880. Israelitische Jahrgang «ochen-Zchrist^, für die religiösen und soeialm Interessen des Judenthums. Erscheint jeden Mittwoch u. kosiet sammt d'm wöchentlich erscheinenden „Jüdischen Literaturblatt" bei allen P o st ämtern und Buchhandlungen vierteljährlich 3 Mark. Mit direkter Zusendung: Nach Oesterreich 8 fl.; nach dem Auslande: 16 Mk. (20 FrcS. 8 Rub. 4 Dollars) jährlich. Einzelnummern der „Wochenschrift" s 25 Pf., der „Literaturblatts" & 15 Pf. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Rabbiner Dr. M. Wahrner in Magdeburg. Magdeburg, 28. Januar. Inserate für die „W o ch e n s ch r i f t", die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum 35 Pf., (für daS „Lit er atur b l a t t" s 20 Pf.,) find durch fämmtliche Annoncen-Expeditionen oder direct an die Expedition der Israelitischen Wochenschrift in Magdeburg einzusenden. — Bei Wiederholungen Rabatt. Beilagen, 2 6 0 0 Stück, werden mit 15 Mark berechnet. Inhalt: Leitende Artikel r Herr Professor Grätz ausgeliefert! — Christliche Stimmen gegen Treitschke. Wochen- Januar 1880. Schewat 5640. Kalender. Berichte und Correfpondenzen r Deutschland: Magdeburg. Charlottenburg. Belgard. Lublinitz. Homburg v. d H. Mittwoch . . . 28 15 Chamischo ossor. Oesterreich: Lemberg. Donnerstag . . 29 16 Frankreich: Paris. Freitag .... 30 17 Großbritannien: London. Sonnabend . . 31 18 nrr (E. s u. 24 M.) Amerika: Reiv-Dork. Vermischte und neueste Nachrichten: Magdeburg. Berlin. Berlin. Posen. Coblenz. Wien Rom. Brüssel. Paris. Paris. Sonntag.... Montag .... Febr. 1 2 19 20 Inserate. Dienstag . . . 3 21 Herr Professor Gratz ausgeliefert! Boccaccio fand einmal bei Besichtigung einer italiänischen Klosterbibliothek die Handschriften in einem jämmerlich verwahrlosten Zustande. In einem Briefe an einen Freund schildert er denselben voll Unmnthes und schließt mit dem Ausrufe: „Nunc frange tibi caput et fac librum* : „Nun zerbrich Dir den Kopf und mache ein Buch!" Dieser Ausruf fällt mir ein, wenn ich das Schicksal bedenke, das Herrn Professor Gratz bei Gelegenheit der deutschen Judenhetze von einigen Wortführern unserer Sache bereitet worden ist. So erfreulich und wahrhaft herzerhebend einerseits die Thatsache ist, daß so viele von unseren gelehrten Glaubensgenossen gegen die Stöcker und Treitschke in die Arena hinabgestiegen sind, um „für Gott und seinen Gesalbten" zu streiten, so dankbar die Geschicklichkeit und Wärme anzuerkennen ist, welche die Vertheidiger der Juden und des Judeuthums in diesem Kampfe an den Tag gelegt haben, so ist es doch schmerzlich zu sehen, daß manche unter ihnen, und nicht die Unbedeutendsten, keinen Anstand genommen haben, Herrn Prof-ssor Gratz preiszugeben, ihn als Opfer auf den von Stöcker und Treitschke angezüudeten Holzstoß zu liefern. Einige haben es dabei allerdings nicht unterlassen, ihn mit etwas Weihrauch zu bestreuen, um ihm sein Schicksal, wenn nicht angenehnrer, so doch wenigstens wohlriechender zu machen. Andere haben die Gelegeilheit wahrgenommen, an ihm ihr Müthchen zu kühlen; das Höchste aber leistet in diesem Punkte Herr H. V. O p p e n h e i m in der „Gegenwart", er wirft Grütz noch einen tüchtigen Knüppel auf den Holzstoß nach und nennt ihn „taktlos, einseitig, zelotisch". Nun zerbrich Dir den Kopf und schreibe elf Bände*) jüdischer Geschichte! „Ter Jude wird verbrannt" — sagt diesmal nicht der Patriarch, sondern sagen seine Glaubensgenossen. Doch ich besinne mich. Rührt denn nicht das Unglück zum großell Theile von Grätz her? Hat nicht Treitschke diesen Namen an die Spitze des zweiten seiner Hetzartikel gesetzt und denselben „Herr Grätz und sein Judenthnnr" überschrieben? Da mußten doch nothwendig die Vertheidiger des Judenthums auch gegenüber Grätz Stellung nehmen, das Vorwerk Grätz mußte preisgegeben werden, um die Festung des Judenthnms zu halten. Thörichtes Raisonnement! Als ob es Treitschken schwer geworden wäre, auch wenn Grätz nicht existirt hätte, einen Prügelknaben zu finden! Ich möchte Hundert gegen Eins wetten, daß Treitschke bei der Inangriffnahme seiner Hetzartikel an Grätz nicht einmal gedacht hat. Löscht Grätz' Geschichte aus der Geschichte — für die Judenfeinde steht die Sache um kein Haar anders. Einer muß immer herhalten. Seitdenl Moses so unvorsichtig war — er verzeihe mir! — über das Judenthum zu schreiben, seitdem gibt es feine« Autor, der dasselbe Thema behandelt, dem die Judenfeinde nicht etwas am Zeuge flicken Eöitnteit, und Herr H. B. Oppenheim kann es noch erleben, wenn die Sache wieder „los geht", daß man ihn für seine sonst so vortrefflichen Artikel gerade so beim Kopf nimlnt, wie Treitschke und er jetzt Grätz beim Kopf nehmen. „Es rast der See und will sein Opfer haben", aber es ist die Frage, ob wir Mitwirken dürfen, daß es ihm werde, es ist die Frage, ob lvir nicht vielmehr dahin wirken müssen, ihm sein Opfer zu entreißen. Ich denke, daß wir uns nicht lange zu besinnen brallchen, wofür wir uns nt entscheiden haben. Was hat man denn eigentlich damit gewonnen, daß man Grätz fallen ließ? Man hat Herrn Treitschke gesagt: für das, was Grätz schreibt, sind wir anderen Juden nicht verantwortlich. Vortrefflich! Nun ist Herr Treitschke gründlich abgeführt, denn diese funkelnagelneue Idee hat er sich bisher