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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-21 · N° 4. (21.1.1880) · p. Seite 36

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 4. (21.1.1880)
Date
1880-01-21
Page
Seite 36 (sequence 6)
Language
German
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— 36 — Nordhausen, 16. Januar. (Or.-Corr.) Gestern hielt Prof. Paulus Cassel im hiesigen Wissenschaft!. Verein einen Vortrag: „Ueber Cypern, Land und Volk in alter Zeit" in welchem er unter vielem Andern wörtlich sagte: „Die Juden bildeten durch ihre Sittlichkeit und den Geist ihres Gesetzes den Gegensatz zu den an Ueppigkeit, Schwelgerei und Unsittlichkeil gewohnten Cyprern." Nach dem beifällig aufgenommenen Vortrag unternahm es der anwesende Rabb. I)r. Leimdörfer im Namen der hiesigen isr. Gemeinde und gewiß im Sinne der gesammten Judenheit für seine Schrift gegen Treitschke ihm zu danken, worauf Casiel demselben erwiderte: „Er hoffe bessere Zeiten und er würde selbst dazu beitragen, daß die Hetzereien auf hören." Nebenher sei bemerkt, daß nicht allein die Vortrags» weise, sondern der ganze geistreiche Inhalt des Vortrags — wie allgemein geurtheilt — echt jüdisch gewesen. Strelitz in Mecklenburg. (Or.-Corr) Hr. Prof. Daniel Sanderhat von unserem Großherzog das goldene Verdienstkreuz der Wendischen Krone verliehen erhalten, eine Auszeichnung, die bis jetzt noch keinem Juden zu Theil geworden. Ein Bruder des ProfesiorS ist S e n a t o r; ebenfalls der erste Jude in Mecklenburg, der ein solches Ehrenamt bekleidet. Coblenz. Nach Privatmittheilungen ist Herr Dreyfuß, Sohn des Rabbiners in Zabern, zum Brüsseler grand radbin gewählt worden. Stuttgart. 29. Decbr. Durch Erlaß vom gleichen Datum hat die Königl. isr. Oberkirchenbehörde das von Dr. Rothschild (Alzey) herausgegebene „Gebet- und R eligionsbüchlein für die erste isr. Jugend, Breslau A. Hepner" den Rabbinaten des Landes für Schule und Haus zur Anschaffung empfohlen. Wien, 16. Januar. In der heut. Sitzung des Finanzausschusses erklärte Minister Haymerle bezüglich der rum. Judenfrage, daß die Lösung derselben durch die rum. Kammer dem Berliner Vertrage nicht entspreche, aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen würde man sich damit wohl begnügen müssen, man werde jedoch von der rum. Regierung Zusagen, betreff, die weitere Entwickelung der Emancipation der Juden, fordern. — (Rumänische „Zusagen" — wer giebt waS darauf?) Krakau. Sonntag, den 28. v. Mts. fand die Generalversammlung des Vereines zur Unterstützung israelitischer Schüler der Mittel- und Volksschulen zu Krakau statt. Die Einnahmen für das Jahr 1879 betrugen 641 Fl.; die Ausgaben 661 Fl. Dieser Verein besitzt ein Stammkapital von 407 Fl. 72 Kr. In Czernowltz hat Rabbiner Dr. Igel mit Genehmigung der Landesregierung eine Lehranstalt des Hebräischen für Gymnasiasten und Realschüler errichtet, in welcher für je 20 Schüler ein Lehrer bestellt ist. Der Unterricht erstreckt sich auf Bibel, Grammatik und Talmud. Schulgeld beträgt 1 Fl. monatlich. Paris. Am 1. Januar ist das Centralconsistorium der franz. Israeliten vom Präsidenten der Republik empfangen worden. — In dem klericalen Rennes (Bretagne) ist der Rechtsprofessor Herr E. Worms zum Gemeinderath gewählt worden. Paris Herr F. Dreyfus, Advokat, ist Cabinetschef des Unterstaatssekretärs der Finanzen geworden. — Die Familie Isaak Pereire speist täglich von 10 bis 1 und von 4 bis 7 Uhr etwa 2400 Dürftige. Sie erhalten Suppe, Gemüse, Fleisch und Wein. Die Vertheilung besorgt Frl. Pereire, unterstützt von ihrer verheiratheten Schwester und mehreren Verwandten. Frau Pereire leitet das Ganze. (Arch. isr.) Bordeaux. Auf Kosten des Herren Osiris Jffla ist in Arcachon, einem klimatischen Badeorte, ein prachtvolles Bethaus errichtet worden, welches am Abend des 21. Dec. eingeweiht worden. Der Einweihung folgte die Trauung einer Nichte des Herrn Jffla.. (Arch. Isr.) In Rom fand das Schulfest und die Vertheilung der Preise an die Kinder der isr. Asyle unter großer Betheiligung (die Ministerien, der König, hatten sich vertreten lassen) im Saale des Lyceums statt, dort, wo noch vor wenigen Jahren die intolerantesten Herren weilten. — Die Oberrabbinerstelle ist ausgeschrieben. Rußland. Das Verbot des „Hameliz" soll «egen einer Correspondenz aus Akkermann in Bessarabien, die Blutbeschuldigung betreffend, erfolgt sein. Der Correspondent selbst hat unter Hinweis auf die erlogenen Angaben seines Berichtes das Blatt denuncirt. Der Redacteur hat nunmehr gegen diesen infamen Denuncianten den Rechtsweg beschritten, und soll, wenn das Gericht dem Verleumder verurtheilt, das Verbot aufgehoben werden. Türkei. Eine jüdische Zeitung nun wird auch in Constantinopel erscheinen und zwar in spanischer Sprache und rabbinischer Schrift. Ihr Name ist: Gazeta politica cientifica y literaria. Jerusalem. Die Eisenbahn Jaffa-Jerusalem soll nächstens gebaut werden. — Alle Richter sind auf Befehl der Regierung abgesetzt und neue gewählt worden. Das jüd. Mitglied des obern Gerichtshofes ist noch nicht ernannt. — Aus Safet liegen wieder Klagen vor über die Bedrückung, welche die Mitglieder der für Ge-One projektirten Colonie erleiden, damit sie ihre Angaben über die widerrechtliche Verwaltung der Chalukagelder widerrufen und die Papiere ihres Sendboten Eleasar Rokeach als gefälscht bezeichnen. 34 Männer erklären, sie würden all' diesen Machinationen nicht weichen und daß alle, anderslautenden, noch so sehr beglaubigten Schriftstücke erzwungen seien. (Habazeleth.) Feuilleton. Rabbi und Vagaborrd, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Z e m l i n s z k y. (Fortsetzung.) Mehrere Stunden waren bereits verflossen, alz der Rabbi vorsichtig auftretend, damit er kein Geräusch verursache, sich dem Zimmer seines kranken Kindes zuwenden wollte, als ihm plötzlich ein wilder Schrei aus demselben heftig zusammenfahren machte. Hastig öffnete er die Thüre, doch zum Tode erschrocken blieb er im Rahmen derselben stehen. Sarah saß aufrecht auf ihrem Lager, die Augen weit geöffnet. Ein krampfhaftes heftiges Zucken verzog ihren Mund, während ihre Hände ein kleines Päckchen krampfhaft umschlossen hielten. „Um Gott! Was ist hier geschehen?" fragte der Rabbi, indem er rasch in das Gemach trat und sich dem Belte der Kranken näherte. „Was ist Dir, Sarah? sprich mein Kind, was hältst Du in den Händen?" Zur Antwort erhielt der Rabbi ein gellendes Gelächter, welches aus dem Munde der Kranken kam, ohne daß sich jedoch die Gesichtszüge derselben veränderten, die iinmer gleich starr bleiben. „Hannah, was ist hier geschehen," fragte er die durch daS Schreien aufgeweckte Wärterin. „Ich weiß es nicht, Gott soll mir helfen, ich weiß eS wirklich nicht. Bin nur auf einige Minuten so ein Wenig eingenickt, plötzlich höre ich, daß Sarah lacht, weiß es nicht, warum, Gott soll mir helfen." Bestürzt eilten jetzt auch die Hausleute herbei und schnell wurde um den Arzt gesandt. Doch nur einen einzigen Blick warf dieser auf die Kranke, er genügte, um ihm die Ueberzeugung zu verschaffen, daß die Kranke in Folge einer großen Aufregung wahnsinnig geworden war. „Wer war bei Sarah?" fragte der Arzt den Rabbi mit zürnender Stimme. „Niemand meines Wissens außer Hannah," sagte dieser, „ich habe strengen Befehl ertheill, dieses Zimmer nicht zu betreten, und diese hat ihr Wächteramt vernachlässiget, ist eingeschlafen zu einer Zeit, wo es sich um Leben und Tod hier handelte."

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