Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 4. (21.1.1880)
- Date
- 1880-01-21
- Page
- Seite 37 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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„Und dennoch war Jemand hier," sagte der Arzt plötzlich, indem er aus den Händen der Kranken das kleine Päckchen nahm. „Wer hat ihr dieses gegeben?" Niemand wußte es. Der Rabbi öffnete dasselbe. Es enthielt ein Paar Tefillin. Auf der Rückseite des Packetes stand der Name „Jakob, Sohn Josua's," dieselben waren von geronnenem Blute überdeckt. „Meines Sohnes Tefillin!" ries der Rabbi erschrocken. „Was hat das zu bedeuten? weiß ich ja doch, daß Jakob sie mit sich genommen, als er das Vaterhaus vor mehreren Jahren verließ, um in den Krieg zu ziehen gegen jene wilden Kosaken, die Unglück und Elend über unser Städtchen gebracht. Wer klärt uns dieses Räthsel auf? Welches Unglück ist abermals über mein Haus gekommen?" „Ich werde mir die Freiheit nehmen, dies zu thun," sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und der Fremde, der kurze Zeit vorher im Hause des Rabbi gewesen, trat in das Gemach. „Ihr — wer seid Ihr?" „Wer ich bin, ist ja hierbei Nebensache, die Hauptsache ist, wie ich denke, zu erklären, wieso dieses Packet in die Hände dieses Mädchens kam, und das ist ganz einfach. „Euer Sohn selbst hatte mir das Packet übergeben, um es hieher zu bringen. Euer Sohn blieb auf dem Schlachtfelde, zum Tode getroffen. Ich war sein Freund, sein bester Freund, ich wollte ihm helfen, hals auch, so lange es möglich war, doch gar bald gab er seinen Geist in meinen Armen auf. Ich ellte hieher, um sein Vermächtniß abzugeben, bin auch meinem Versprechen getreulich nachgekommen, und wie Euch, so habe ich eauch diesem Mädchen erzählt." „Unglückseliger! was habt ihr gethan?" rief der Arzt. Die Frau des Rabbi war bei der Nachricht vom Tode ihres Sohnes bewußtlos zurückgefunken, während der Rabbi aufrecht in der Mitte des Gemaches stand, gleich einer aus Marmor gemeißelten Statue- Kein Wort drang über seine Lippen. Plötzlich zuckte diese eherne Gestalt in sich selbst zusammen, krampfhaft drückte er beide Hände vor die Augen, ein Thrünenstrom entstürzte denfelhen, und schluchzend verließ er das Gemach, während der Arzt und die Wärterin sich mit den beiden Kranken beschäftigten. Nur der Fremde blieb noch wenige Augenblicke am Eingänge der Thüre stehen, mit sonderbaren Blicken die kranke Sarah betrachtend, dann entfernte er sich rasch aus dem Hause. „Ein sonderbarer Gedanke war es, der mir da oben kam," sagte er leise vor sich hin, während sein Gesicht einen zufriedenen Ausdruck annahm, „ich muß mir die Sache reiflich überlegen, ich glaube meine Rache hat begonnen." Unten auf der Straße, vor dem Hause des Rabbi, stand noch immer der bleiche Bocher. Sein Gesicht, seine Hände waren von der Kälte erstarrt, doch darauf achtete er nicht, für ihn gab es keine Kälte, in seiner Brust pochte es gar fieberhaft, siedend heiß drang ihm das Blut nach dem Kopfe. „Wenn ste stürbe? wenn sie stürbe, Sarah? Sarah sterben? o nein! nein, das wäre zu hart. O du mein Gott, nimm lieber mich von dieser Erde, durch meinen Tod verliert ja Niemand, gar Niemand etwas. Ich stehe ja allein in der Welt, habe nicht Vater, nicht Mutter, keine menschliche Seele, die mir nahe steht. Doch, wie soll er, mein Wohltäter, mein Lehrer, diesen Verlust ertragen, und ich, kann ich denn leben, wenn ich sie nimmer schauen soll, nimmer ihre liebe freundliche Stimme hören kann. Doch halt! Wer ist dieser Mann, der aus dem Hause kommt," sagte er plötzlich, „sonderbar, zum zweiten Male sehe ich ihn heute schon, und abermals beschleicht mich bei seinem Anblick ein unheimliches Gefühl. Arme Sarah, nein, er muß mir verzeihen, ich kann aber nicht anders, sprengt es mir doch sonst die Brust, ich muß den Rabbi fragen, ob vielleicht doch, doch Hoffnung auf Genesung ist." Und schnell eilte er über die Straße, hinüber nach dem Hause des Rabbi, in welches er eintrat, während der Fremde langsam die Straße hinaufschritt, in Gedanken versunken. 5. Verschwunden. Wochen sind dahin gegangen, und im Hause des Rabbi ist das entschwundene Glück nicht wieder zurückgekehrt. Die Frau des Rabbi hatte sich wieder etwas erholt, nicht so Sarah. Geiftesnacht hält ihr Denkvermögen getrübt, und lächelnd geht sie im Hause umher, Niemanden kennend, nur immer im Gespräche mit abwesenden Personen. Der Frühling war wieder eingekehrt, hatte die ganze Natur neu belebt, gekräftiget. Wald und Flur prangte wieder im ersten saftigen Grün. Der letzte Schnee war geschmolzen, mußte weichen den immer wärmer leuchtenden Sonnenstrahlen, und Schneeglöckchen und Veilchen, die ersten Zeichen des Frühlings, die ersten Sendboten des lieblichen, so gerne gesehenen Gastes, hatten ihren Einzug gehalten. Am frühen Morgen schon durcheilte Sarah den wieder heimisch gewordenen lieben Wald, hier und dort Schneeglöckchen und Veilchen pflückend, welche sie dann zu einem Kranze einigte, sich diesen auf ihr schönes Lockenhaupt drückend, um dann fröhlich singend ihren Heimweg wieder anzutreten. Sie war es so gewohnt vor ihrer Krankheit, und man ließ sie demnach auch jetzt gewähren. Es war ein Traumleben, das sie führte. Tagtäglich eilte sie, wie früher, nach jener Stelle im Walde, wo sie so oft geweilt, setzte sich auch auf die grüne, schwellende Moosbank, welche ihr ihres Vaters Lieblingsschüler Benjamin Levi bereitet. Dann neigte sie sich nieder zu dem zischenden, tosenden Wildbach zu ihren Füßen, und dann flüsterte sie mit tiefergreifendem Wohllaute in der Stimme, während sie die Blumen eine nach der andern in das schäumende Gewäffer warf: „Ziehet hin, ihr meine Lieblinge, Schneeglöckchen und Veilchen, ziehet hin, hin zu ihm, der unter hoher Schneedecke liegt, grüßt ihn von mir viel tausendmal." Man ließ sie gewähren, wußte man ja doch, daß ihr keine Gefahr dabei drohe, daß sie nicht allein sei. Denn kaum, daß Sarah das Haus verließ, sich dem Walde zuwendete, so öffnete sich auch schon die Thüre des gegenüber liegenden Hauses, und der bleiche Bocher trat aus derselben, folgte ihren Schritten, überwachte sie mit liebevoller Zärtlichkeit und geleitete sie dann wieder vom Walde nach Hause. Doch auch der fremde Mann, der die Nachricht vom Tode des jungen Offiziers gebracht hatte und die eigentliche Ursache von dem unglücklichen Zustande Sarah's war, befand sich noch immer in dem kleinen Städtchen, und auch er verfolgte mit lebhaftem Jntereffe die Schritte der Geisteskranken, freilich aus anderer Ursache. Auch er folgte ihr in den Wald, und dort von dichten Gebüschen verborgen lauerte er tagtäglich, ohne gesehen zu werden. Eines Tages befand sich Sarah wieder auf ihrem Lieblingsplatze, hielt in den Händen spielend die Tefillin ihres Bruders, welche der Fremde als letztes Erbtheil dem Rabbi überbracht hatte, und welche die Kranke weder auf gutes noch strenges Zusprechen aus den Händen lassen wollte. Lächelnd schaute sie hinab in die klare Fluth, die sich zu ihren Füßen hinzog, und als sie wieder aufblickte, stand der Fremde vor ihr. „Ich komme von Ihrem Bruder," sagte dieser. „Von meinem Bruder," wiederholte die Kranke lächelnd. „Ja wohl, von Ihrem Bruder. Kommen Sie mit mir, er erwartet Sie!" Vorsichtig schaute der Fremde um sich. „Er erwartet mich?" „Kommen Sie!" und er faßte sie am Handgelenke. Mechanisch stand Sarah von ihrem Sitze auf. „Kommen Sie!" drängte der Fremde, und Sarah folgte ihm lächelnd. Er führte sie an der Hand, geleitete sie den schmalen» wenig gangbaren Waldsteg entlang, der dem Gebirge zuführte, das Städtchen im Rücken lastend. Plötzlich war es, als ertöne Sarah's Name. Sie zögerte und horchte. Doch der Fremde faßte sie schärfer am Handgelenke und zog sie mit sich fort. Sarah stieß einen Schmerzensruf aus. „Vorwärts!" sagte der Mann mit rauher Stimme. (Forts, folgt.)