Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 4. (21.1.1880)
- Date
- 1880-01-21
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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zahlreichen Kinder und Enkel und der ganzen Gemeinde eine in gewohnter Weise schwungvolle und tiefergreifende Rede und hob besonders hervor, daß er der Sohn dessen sei, der (n"2 noch am Leben) einst dieses Paar vor 50 Jahren getraut hat. Oesterreich. Wien, 12. Januar. (Or.-Corr.) In einer Correspondenz aus Wien wird die Thalsache erwähnt, daß der jetzige Minister der auswärtigen Angelegenheiten und des kaiserlichen Hauses, Herr Baron Haymerle, von jüdischer Abkunft sei, und da fiel mir ein Gespräch ein, welches jüngst im Thronsaal der Hofburg stattfand. Als nämlich vor einigen Wochen die Delegationssitzungen eröffnet werden sollten, versammelten sich die Mitglieder dieser hohen Körperschaft in der Burg, wo der Kaiser an dieselben eine Ansprache hielt. Selbstverständlich versammelten sich die Herrn einige Zeit früher und erwarteten den Monarchen. Um sich die Zeit zu vertreiben, conversirten sie mit einander. Da bemerkt Herr Baron W., der, um eine Carriöre zu machen, sich als junger Mann taufen ließ, und wirklich eine der obersten Stufen der Beamten- Hierarchie erlangt hat, es sei doch eigenthümlich, daß so wohl, in England, wie in Oesterreich-Ungarn, Männer, die dem Judenthume entsproffen sind, die auswärtigen Angelegenheiten leiten. Hierauf bemerkte Herr Baron Königswarter in Wien: „Sie sehen, es giebt Momente, wo man sich nicht zu schämen braucht, von Juden abzustammen." Der Hieb saß um so fester, da Herr Baron W. sonst seine jüdische Abkunft zu verleugnen sucht. — Am 3. Februar begeht Herr Dr. L. A. Frankl, Ritter v. Hochwart, Secretair der israelitischen Cultusgemeinde, der bekannte Dichter die Feier seines 70. Geburtstages. Frankreich. Paris. Ein geistreich und schön geschriebener Artikel des Herrn Wogue leitet die jüngste Nr. des „Un. isr." ein. Er weift nach, daß der edelste Thierschutzverein das Judenthum mit seinen Geboten der Milde und Schonung der Thiere sei. Schade, daß dergleichen nicht in Blätter dringt, die von Nichtjuden gelesen werden. — Wie das Rischus in seiner bornirten Verbohrtheit sich überall gleich bleibt, zeigt ein von „Arch. isr." auszüglich mitgetheiller Vortrag eines Herrn Masqueray in Rouen: Der Mann beschwert sich darüber, daß seit der Occupation Algiers die Araber durchschnittlich 2 Baumwollenhemden auf den Kopf kaufen, was 36 Millionen Frcs. jährlich macht. Diese kommen in die Taschen der Juden und Mozabiten und diese kaufen nicht in Rouen, sondern von den Engländern. Man hat sie zu französischen Bürgern gemacht — zum Entgelt dafür schädigen sie unfern Handel. Ein Herr Wohl erwidert treffend in einem Algier. Blatte, daß die Manufakturisten von Rouen eS unbillig finden würden, wenn man von ihnen forderte, sie sollten aus Patriotismus Baumwolle in Algier theurer kaufen, als sie dieselbe aus Amerika bekommen. Die weitere Schilderung des bedeutenden Importes aus Frankreich und die ersprießliche Thätigkeit der algier. Juden bietet nichts Neuer, das nützt auch wenig; denn nächstens wird eben diese Thätigkeit ihnen zum Vorwurf gemacht werden. Amerika. New-Aork. Wo der Sabbath die Anziehungskraft eingebüßt, weil geschäftliches Streben nach Gewinn weder Zeit noch Ruhe zur Sabbathfeier gestattet, da ist auch das Belehren von der Kanzel schwer und wenig wirksam. Denn die Hörer fehlen. Sollte man aber die Entfremdeten nicht heranzuziehen suchen? Und wie? vr. Köhler versucht es mit S o n ntagsvorträgen. Gewiß ist es zu jeder Zeit recht, zu belehren und zu lernen, auch ist es möglich, daß mancher Sonntagshörer später ein Sabbathhörer wird. Nur darf an dem Sabbath nicht gerüttelt werden. Sehr rührig ist auch die Thätigkeit der Leiter des Hebrew College in Cincinnati, welche für das Blühen der Anstalt Sorge tragen. Sie erhält werthoolle Geschenke an Büchern und Geldmitteln, und vr. Wise versteht es wohl, das Interesse warm zu halten. Ebenso ist auch ein Fortschritt in der Ackerbaufrage zu melden. Es ist ein Comitä ernannt worden, welches die Ausführung des Projectes in die Hand tlehmen soll. Möge es nur recht bald zur Wirklichkeit werden und das Comitä die Angelegenheit nicht in seinem Schooße ruhen lassen. — Neue Fragen sind aber auch angeregt worden. Die Gesetze über die Sonntagsfeier haben manchem Israeliten Verdrießlichkeiten und Kosten gemacht. Es wird darum öffentlich die Frage zur Erörterung gebracht, in wie weit diese Sonntagsgesetze zu moderiren sein sollten. Ein müßiger Kopf hat dabei ein Märchen erfunden. Es hätten sich die Hauptgemeinden Europa's verabredet, die Sabbath¬ und Sonntagfrage zu erörtern und zu berathen, ob nicht in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, welche dem Juden seine Pietät gegen den Sabbath, und sein Gehorsam gegen die Sonntagsgesetze bereiten, entweder den Sabbath ganz abzuschaffen, oder seine Heiligkeit auf den Sonntag zu übertragen wäre. Es ist kaum nöthig gewesen, dieses Märchen, das als Telegramm gebracht wurde, zu entkräften. Denn die Sabbathbeobachter haben solche Fragen nicht, die Sabbathverletzer noch viel weniger, denn sie arbeiten am Sabbath und Sonntag. So plump wie dies Sonntagsmärchen, so stark ist auch eine andere aus frommer christlicher Feder geflossene Schilderung amerikanischer Missionsthätigkeit unter den Juden. Es wird da von großen Erfolgen gesprochen und auf eine Zersetzung des Judenthums hingewiesen, vr. Wise weist die Uebertreibung und Unwahrheit in Beidem nach. Recht deutlich mögen die Lebenskräftigkeit des Judenthums die Herren Unitarier empfunden haben, als Prediger vr. G o t t h e i l in ihre Versammlung trat und in 2 ständiger Rede ihnen zeigte, das das Christenthum noch manche Belehrung vom Judenthum empfangen könne. Erfreulich ist daher, die entgegenge - setzte Strömung wahrzunehmen, vr. Helms sucht in dem „American Jsraelite" nachzuweisen, daß das Judenthum auf einer directen Offenbarung beruhe. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der Vortrag desProfeffor vr. Lazarus „Was ist national?" erscheint im Dümmler'schen Verlage demnächst in zweiter Auflage. Der gelehrte Verfaffer liefert nicht allein in dem posidiven Tyeile seiner Rede neue Gesichtspunkte und interessantes statistisches Material, sondern zeichnet sich namentlich in seiner Polemik durch eine Vornehmheit aus, die allen am Kampfe Betheiligten als Muster dienen könnte. Wir werden auf den Inhalt dieses Vortrages noch zurückkommen. Berlin, 14. Januar. Aus zuverlässiger Quelle wird mitgetheill. daß von Bleichröder directe Schritte gethan sind, um den Fürsten Bismarck zu veranlaffen, die von Hrn. Stöcker beschworenen Geister zu bannen; daß der Reichskanzler jedoch diesen Bemühungen gegenüber sich ablehnend verhalten habe. Breslau. Der am 27. Januar 1846 verstorbene Com» merzienrath Jonas Fränckel hat in seinem Testament bestimmt, daß an 5 gewiffen Tagen im Jahre, an denen Angehörige seiner Familie verstorben sind, 660 Mark an christliche und jüdische Arme vertheilt werden. Damit nun daS Curatorium die Zinsenmaffe an wirkliche Hilfsbedürftige im Sinne des Erblaffers vertheilt, wird der Magistrat ersucht, die christlichen hilfsbedürftigen Armen dem Curatorium namhaft zu machen. Die jüdischen Armen wählt die hiesige Synagogen'Gemeinde aus. — Am 29. December, einer der im Legate genannten Sterbetage, erhielten 100 christliche und 120 jüdische Arme je 3 Mark ausgezahlt. Leipzig. Wie wir erfahren, ist dem Herrn SieSkind Siesklnd, Chef des Bankhauses H. C. Plaut, von seiner Geburtsstadt Ballenstedt das Ehrenbürgerrecht verliehen worden.