Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 3. (14.1.1880)
- Date
- 1880-01-14
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. rr. Magdeburg, den 14. Januar 1880. 11. Jahrgang. Ehrenbreitenstein, im Januar. (Or.-Corr.) Unsere kleine, kaum noch Minjan zählende Gemeinde wird am nächsten Sabbath ein seltenes Fest begehen. An diesem Tage werden es 50 Jahre, seitdem Hr. Abraham Loeb, in Coblenz wohnhaft, mit Pflichttreue als Cantor den Sabbath und Festtagsgottesdienst in unsrer Synagoge leitet. Erst im letzten Jahre mußte Hr. Loeb vom Vorbeten am Freitag Abende dispensirt werden, da das Passiven der Schiffsbrücke am kühlen Abende seiner Gesundheit schädigte. Möge der Jubilar noch recht oft in Andacht „die Stimmen des Dankes und des Gesanges" zu Gott emporheben und die Herzen zur Andacht, stimmen. Schweiz. In Neuschlltel und in dem Bern'schen Jura- Gebiet werden die Arbeiter systematisch gegen die Juden gehetzt als ob diese am Niedergehen der Uhrenfabrikation Schuld wären. Es giebt nichts Neues unter der Sonne. Im Mittelalter machten die Juden die Pest, im aufgeklärten 19. Jahrhundert guten und schlechten Geschäftsgang, die Politik. Warum nicht ^am Ende auch das — Weiter? Rotterdam (Or.-Corr.) Seit dem 26. Dec. erscheint hier ein neues jüdisches Blatt, unter dem Namen „Jsraeliet", nicht zu verwechseln mit Mainzer „Israelit", denn ersteres steht auf strengconservativen Boden und ist frei von jeder Verleumdung und Verdächtigung. Die Herren Redacteure sind L. Börstel und Moscoviter, beide bereits durch tüchtige, wissenschafiliche und poetische Arbeiten rühmlichst bekannt. (Wir wünschen dem Blatte ein glückliches Gedeihen und daß es dem Namen Israels, den es an seiner Stirn trägt, Ehre mache. Wir werden uns freuen, seiner in uns. Blatte öfters erwähnen zu können. Red.) Feuilleton. Rabbi und Dagabond, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. (Fortsetzung.) Die Sonne schien hell und freundlich auf das zerstörte Städtchen Florianow und auf die umherliegenden blutigen Leichen hernieder. 4000 Menschenleben waren in dieser einen Nacht durch die mordgierigen Hände der wilden Kosaken lge> fallen. Nach der Plünderung verließ die rohe Horde schleunigst das Städtchen, denn die russischen Verfolger folgten ihnen racheschnaubend. Vorsichtig nahten sich jetzt die geflüchteten Frauen dem Städtchen wieder und gewaltsam jede Regung des Schmerzes fest in ihrer Brust verschließend, suchten sie ihre theuren Zurückgebliebenen auf. Doch der größte Theil der muthigen Streiter schlief bereits den ewigen Schlaf und nur Wenige der Gefallenen konnten gerettet werden. Zwei schöne jüd. Mädchen, welche zwei Kosakenhäuptlinge taufen und sich antrauen lasten wollten, brachten sich selbst um. Die Eine sprang auf dem Wege zur Kirche von der Brücke ins Wasser und fand in den Wellen ihren Tod, die andere beredete ihren Liebhaber, dem sie mittheilte, sie besitze ein Geheimmittel von ihrem in der Kabbala eingeweihten Vater, wodurch sie kugelfest sei, zum Versuch auf sie zu schießen; sie blieb natürlich eine Leiche. Die Tauf nahm Niemand. 3. EinVagabond. Die Nemesis hatte auch diese tatarischen Kosaken erreicht. Polens Fluren waren verwüstet; rauchende Trümmer, blutig zerfetzte Leichname, die im Freien umherlagen, umkrächzt von Raubvögeln, bezeichneten den Weg, welchen die von den Russen in die Flucht geschlagenen wilden Kosakenhorden unter ihrem Führer Chmielnicki genommen. Ein schwerer dicker Nebelschleier hatte sich über den Kampfplatz gebreitet. Wenige Stunden waren es erst, daß hier die letzten Reste der entmenschten Kosaken mit aller Zähigkeit, die dieser Race eigen, gekämpft, doch vergebens war ihr Widerstand sie mußten endlich weichen, immer weiter zurück. Schritt für Schritt, bis sie unaufhaltsam in wilder Flucht zerstoben, verfolgt von den siegenden Russen, welche ihren Sieg auszunützen verstanden. Das Kampffeld war jetzt wieder einsam mit seinen Todten. Leise schleichend, durch Gräben und Gebüsch gedeckt, nahten sich die Hyänen des Schlachtfeldes, die beutegierigen Elenden, die immer im Rücken der Armeen nachziehen, um die Todten zu plündern. Es waren unheimliche Gestalten, mit wilden, von Laster und Rohheit gezeichneten Gesichtern. Und sie schleichen sich an die am Boden Liegenden heran und leeren ihre Taschen, berauben sie ihrer Kleider und schnell huschen sie vorwärts, sie müssen eilen, denn wenn sie gesehen werden, dann haben sie auf keine Gnade zu hoffen. Eine dieser Gestalten beugt sich über den Körper eines jungen, russischen Offiziers, wendet dessen Taschen um und sucht gierigen Blickes nach Beute, doch nichts sindet sich vor. Schon will der Leichenräuber weiter eilen, da öffnen sich die Augen des Todtgeglaudteu, ein leiser Ton des Schmerzes dringt über die Lippen desselben und er versucht es, sich aufzurichten, doch kraftlos fällt er wieder zurück. „Guter Freund," stammelte er mit zitternder Stimme zu dem vor ihm regungslos Stehenden, „die Vorsehung hat euch mir gesendet, erfüllet mir eine Bitte, die Bitte eines Sterbenden." Der Leichenräuber zögerte; der Verwundete bemerkte es nicht. „Nehmt dieses," sagte er und mit Anstrengung zog er ein kleines von Blut überströmtes Packet hervor, welches er auf der Brust unter dem Waffenrock verborgen gehalten hatte, „nehmt dieses und bringt es meinen Eltern. O! ihr armen Eltern", unterbrach er sich, „wie werdet ihr wohl diese Nachricht ertragen? Bringt dieses Packet meinen Eltern, sagt ihnen, ich bitte euch, der letzte Gedanke ihres Sohnes sei an Gott und die Eltern gewesen. Mein Vater wird euch den Dienst gut lohnen, es ist der Rabbi Josua in dem Städtchen Florianow." Der Leichenräuber schrak anfangs bei Nennung dieses Namens heftig zusammen, ein Lächeln der Schadenfreude überflog jedoch bald das grinsende Gesicht des Vagabonden. Der junge Offizier war ermattet wieder zurückgesunken. Der Leichenräuber verbarg das Packet hastig in seiner Tasche, dann eilte er schnell vorwärts mit den Worten: „Dich will ich für meine Rache aufbewahren!" —- Dichte Schneeflocken wirbeln hernieder, lagern sich auf die Körper der Gefallenen, umhüllen dieselben, bilden ein großes weißes Leichentuch. Eisig kalt heult der Novembersturm über das Feld dahin, fegt den immer dichter fallenden Schnee zu großen Haufen zusammen, während sich der Nebel immer tiefer zur Erde niedersenkt, immer undurchdringlicher. Und über die Schneefläche jagt plötzlich ein riesiger Schatten, seltsam geformt, und dieser Schatten wird immer größer, nimmt immer seltsamere Formen an. Und dieser Schatten nähert sich immer mehr und mehr jener Stelle, an welcher der junge Offizier unter der hohen Schneedecke erkaltet, erstarrt liegt und dort angelangt, hält er plötzlich an. Der Mond bricht durch das Gewölle und beleuchtet einen riesigen zottigen Bernhardinerhund, der mit seiner Schnauze tief in den Schnee hineinwühlt, zeitweilig ein langgezogenes