Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 3. (14.1.1880)
- Date
- 1880-01-14
- Page
- Seite 30 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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'ß f 30 — klägliches Geheul hören lassend, dann aber beginnt er mtt beiden Vordertatzen im Schnee zu scharren, immer tiefer, bis er endlich mit der Schnauze einen Körper unter dem Schnee hervorzieht und damit gar dald in Nacht und Nebel verschwindet. 4. Die blutigen Tefillin. Es war zu Anfang des Jahres 1653. Vier Jahre sind seit jener Nacht verstrichen, welche dem Städtchen Florianow so unheilbringend geworden war. Nur wenige Bewohner deS Ghetto konnten damals vom Tode gerettet werden und auch der Rabbi Josua wurde mit Hottes Hilfe und durch treue aufopfernde Pflege, trotz der schweren Wunden, die er erlitten, dem Leben wiedergegeben. Nur langsam, allmählich trat die Genesung ein, nur schwer erholte er sich. Heute herrschte abermals Verwirrung, Jammer und Wehklagen im Hause des Rabbi. Die 16jährige Sarah, die Tochter des Hauses, lag am Gehirnfieber schwer darnieder. Um das Krankenbett herum standen der Rabbi und desien Frau, den schweren unregelmäßigen Athemzügen der Kranken lauschend, mit vor Angst zitterndem Herzen auf den Ausspruch, des Arztes harrend, der entscheidend sein sollte für das Leben ibres Kindes. „Jede Hoffnung ist vergebens," sagte dieser endlich nach langer Prüfung mit beklommener Stimme, „jede Hoffnung ist vergebens, die Krankheit schreitet immer mehr vorwärts und heute Nacht noch wird die Kranke durch eine Lähmung des Gehirns von ihren Leiden erlöst." „Keine Hoffnung?" schluchzte die Frau des Rabbi. „Keine!" — „O! doch, doch," sagte d-r Rabbi festen Tones, während seine Rechte gen Himmmel zeigte. „Warum furchtsam verzagen, warum verzweifeln? Noch lebt Gott und bei ihm ist noch Hoffnung, und so lange noch ein Funken von Leben in diesem Körper wohnt, darf kein Mensch die Hoffnung aufgeben, es wäre Vermessenheit, denn der Allmächtige kann helfen." Und dieser Trost des so oft und schwergeprüften, glaubensstarken Rabbi richtete auch wieder seine Frau auf, flößte lindernden Balsam in das von krampfhaftem Wehen fast vergehende Mutterherz und mit erneuerter Anstrengung widmete sie sich der Pflege ihres kranken Kindes. Und Gott hat geholfen. Kaum daß die Nacht entschwunden und das zweifelhafte dämmernde Licht den Anbruch des neuen Tages verkündete, schlug die so lange bewußtlos gewesene Kranke ihre Augen auf und ein mattes Lächeln, das ihre Lippen umspielte, gab Zeugniß davon, daß sie ihre Eltern wieder erkannt hatte. Als später der Arzt das Gemach betrat und diese plötzliche Veränderung des Zustandes der Kranken gewahrte, konnte er sich nicht eines lauten Ausrufes der Ueberraschung enthalten. „Wahrlich, Rabbi," sagte er, „Ihr hattet Recht. Wo Hilfe dem Menschen unmöglich schien, dort hat Gott geholfen. Eure Tochter ist gerettet. Die Kranke bedarf nunmehr der vollständigen Ruhe zu ihrer gänzlichen Heilung. Untersaget streng Jedermann das Betreten des Gemaches." Und der Rabbi flüsterte ein stilles heißes Dankgebet für diese glückliche Rettung seines Kindes, dann drückten die Eltern einen Kuß auf die bleiche Stirn Sarah's und verweilten einige Stunden am Krankenlager der zwar geretteten, aber noch sehr schwachen Tochter. Nachmittags erschien die alte Hanne. Es war eine arme Frau, die sich durch Krankenwartung und sonstige dienstliche Handreichungen ihren Lebensunterhalt erwarb. Sie hatte seit Erkrankung Sarah's die Nachtwache bei derselben abwechselnd besorgt. Sie setzte sich in den großen ledernen Lehnstuhl am Bette der Kranken und gar bald verriethen die lauten Athemzüge der Wärterin, daß diese ihren Dienst sehr nachläffig besorgte, daß sie fest eingeschlafen war. Sarah war nun sozusagen allein im Gemache. Sie suchte ihre so lange abwesend gewesenen Gedanken zu sammeln, was ihr jedoch in Folge ihrer Schwäche nicht gelang. Sie fühlte nur, daß sie krank, sehr schwer krank gewesen, lange Zeit, doch was weiter geschehen, konnte sie sich nicht erinnern und gar bald schloß sie erschöpft die Augen und begann zu schlummern. Auch der Rabbi und dessen Frau hatten sich in ihr Schlafgemach zurückgezogen, um endlich auszuruhen von den erschöpfenden Nachtwachen. Nur in dem kleinen, einstöckigen Häuschen, gegenüber auf der Straße, konnte man ein bleiches Gesicht sehen, fest angepreßt an die kleinen Fensterscheiben, das ängstlich hinüberschaute nach dem Hause des Rabbi. Gar seltsam, fieberhaft leuchteten die schwarzen Augen, kontrastirten auffallend mit den langen schwarzen Haaren, die bis tief in den Nacken hineinfielen, mit den bleichen eingefallenen Wangen. Es war der LieblingS-Bocher des Rabbi, Benjamin Levi. Mit bangendem Herzen schaute er hinüber nach dem Hause deS Rabbi, malte sich im Geiste das Krankenstübchen aus, in welchem Sarah lag, —mit dem Tode ringend, wie er glaubte —; und Thräne um Thräne rann über die durch Nachtwachen und anstrengendes Studium der heiligen Bücher abgemagerten Wangen, und ein stechender Schmerz bemächtigte sich seines Herzens und ohne sich selbst von seinem Thun Rechenschaft geben zu können, verließ er seine kleine armselige Stube, deren ganzer Reichthum nur in den wenigen Talmud'Folianten, die er mit großer Liebe studirte, bestand, ging über die schmale morsche Holzstiege hinab auf die Straße. Als er eben seine Wohnung verlassen, sah er eine wüste verkommene Gestalt das Haus des Rabbi betreten. Für gewöhnlich hatte dies eigentlich nichts zu bedeuten, da ja daS Elend und die Noth jederzeit nach Möglichkeit durch die Mildthätigkeit des Rabbi gelindert wurde, und dennoch klopfte das Herz des BocherS heftiger, doch getraute er sich nicht, jetzt in das Haus des Rabbi einzutreten und zögernd blieb er vor demselben stehen. Die Sonne begann bereits hinabzusinken, vergoldete noch einmal mit ihrem flüssigen Feuer Flur und Wald, da pochte es leise an die Thüre der Kranken, welche durch dieses Geräusch aus ihren heilsamen Schlummer aufgescheucht wurde. Sie richtete einen fragenden Blick ringsum, doch Niemand war anwesend, und ehe sie noch Zeit gewann, die alte Wärterin zu wecken, wurde die Thüre hastig geöffnet und ein wild aussehender Mann trat in die nur vom Dämmerlichte des scheidenden Tages erhellte Stube. Ein ängstliches Gefühl, welches Sarah plötzlich beschlich, veranlaßte sie, ihre beiden abgemagerten Hände dem Fremden wie zur Abwehr entgegenzustrecken. Doch ohne dies zu beachten, näherte sich derselbe dem Bette der Kranken. „Dies ist wohl das Haus des Rabbi Josua?" fragte er mit rauher Stimme, „oder bin ich etwa schlecht berichtet?" „Dies ist das Haus meines Vaters, jawohl, aber —* „Ich habe einen gar wichtigen Auftrag an ihn, von einem jungen Offizier, den ich einige Stunden von hier aus dem Schlachtfelde sterbend angetroffen habe; die Brust hatte mehrere Wunden. Ich leistete ihm alle nur erdenkliche Hilfe, jedoch leider vergebens, er starb in meinen Händen " Sarah richtete sich injtinctmäßig von ihrem Lager auf. „Wer war der Offizier?" fragte sie beklommen. „Weiß ich's; seinen Namen nannte er wohl, doch habe ich ihn wieder vergeffen. Er sagte mir, ich solle dieses Päckchen dem Rabbi Josua in Florianow überbringen, ich würde für meine Mühe hier belohnt werden. Doch ich werde später wieder kommen, nehmt einstweilen." Mit diesen Worten zog er ein kleines Packet, deffen Umschlag geöffnet war, aus der Tasche, händigte eS der Kranken ein und entfernte sich aus dem Gemache. Zitternd nahm Sarah das Packet, warf einen Blick auf den Inhalt desselben, dann stieß sie einen gellenden unheimlichen Schrei aus. (Fortsetzung folgt.) u*