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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-14 · N° 3. (14.1.1880) · p. Seite 26

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 3. (14.1.1880)
Date
1880-01-14
Page
Seite 26 (sequence 6)
Language
German
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8. K. Budapest, 6. Januar. (Or.-Cor.) Fast in allen ungarischen Blättern, welche heute erschienen, wird die Notiz gebracht, daß sich der Kronprinz des deutschen Reiches mit Entrüstung gegen die jetzt in Deutschland auftauchenden judenfeindlichen Gesinnungen geäußert haben soll, und daß er sich deren schäme. Ein klerikales Ungar.Blatt will aber hierfür einen Commentar gefunden haben, und meint: der Prinz muß es selber mit manchem reichen Juden zu thun haben; oder wenigstens auch dem Rechnung tragen wollen, daß 2 getaufte Juden als Minister im deutschen Reich wirken. 8. K. Budapest. Jswzy, der bekannte Judenfeind, der Stöcker Ungarns, soll, wie wir eben hörten, im Stillen an einem judenfeindlichrn Werk arbeiten. Er bedauert, wie er sich jüngst äußerte, daß ihm der Talmud im Original fremd ist, sonst würde er zuvörderst ihm und seinen Satzungen den Krieg erklärt haben; indessen sucht er nur Thatsachen an den Tag zu bringen, durch welche jüdische hochgeachtete Charaktere in ein zweideutiges Licht gestellt werden sollen. Jstvzy soll seine Helfershelfer sogar unter den Großen des Reiches haben, die bedeutende Darlehne und zwar — mit sehr niedrigen Interessen bei Juden oft aufnehmen. Holland. Rotterdam. (Or.-Corr.) Dienstag Abend, den 30. December, fand die bereits in dieser Zeitung angekündigte feierliche Erinnerung an das 12*/,jährige Bestehen der Alliance Jsraelite Universelle in Rotterdam und des segensreich wirkenden, von dem Verein „Nut voor Israeliten in Nederland“ ins Leben gerufenen „Schoolfonds“ statt. Der Vorsitzende Herr Advocat Haantjes eröffnete die Versammlung mit einem Rückblick auf die Entstehung und Entwickelung der Alliance in R., welche auf die Initiation der Herren I. Goudsmit, I. A. Rippe und L. Börstel im Jahre 1869 gegründet wurde. Zurückgehend auf die Vorgänge in Damascus im Jahre 1840 hob er vor Allem das erfolgreiche Wirken Crdmieux hervor und stellte die A. I. U. als einen Weltbund dar, der frei von allem Parteiwesen ihre schützenden Fittige über alle Glaubensgenossen ausbreitet: jetzt noch eine Alliance Jsraelite Universelle, später vielleicht eine Alliance Universelle. Die Festrede wurde von Rabbiner Dr. Frank aus Cöln gehalten, Mitglied des Central - Comitds der A. I. U. in Paris, welche Rede auf die sehr zahlreiche Versammlung (über 600 Personen waren anwesend) einen außerordentlichen Eindruck machte. Indem derselbe die Feier der Alliance und des Schoolfonds mit den ersten Geburtstagen eines theueren Kindes verglich, die nach überstandenen Hindernissen, die das schwache Leben desselben gefährden, mit desto größerer Freude begangen werden, ging er zu dem eigentlichen Thema der Festrede über und behandelte die Fragen: 1) Was ist Religion? Was ist Wissenschaft? 2) Kann die Religion der Wissenschaft, kann die Wissenschaft der Religion nützlich sein? Aus der l*/2 Stunde dauernden Rede können wir nur Einzelnes hervorheben, da dieselbe ohnehin auf Verlangen dem Drucke übergeben werden wird. Nachdem Umfang und Bedeutung der Begriffe „Religion" und „Wissenschaft" auseinandergesetzt war, stellte Redner, indem er das Besprochene recapitulirte, folgende Antithesen auf: Religion kommt von Gott, Wissenschaft von Menschen; Religion ist das große Licht, das Gott für alle Menschen angezündet, Wissenschaft ist eine Fackel, die nur Wenige schwingen; Religion ist constant, konservativ, erhaltend, Wissenschaft ist ewig, flüssig und beweglich; Religion macht den Menschen sittlich, Wissenschaft macht ihn verständig; Religion wurzelt im Herzen, Wissenschaft im Geiste; Religion erwärmt, Wiffenschaft erleuchtet; Religion begeistert, Wiffenschaft überzeugt; Religion eröffnet den Menschen die Pforten des Himmels, Wiffenschaft erschließt ihm die geheimen Gänge der Erde; Religion strebt den ewigen Frieden an, Wissenschaft gedeiht im niestillstehenden Wettstreit; Religion ist Glauben, Wissenschaft Erkennen; Religion ist die unbestrittene Antwort, Wissenschaft die stets aufgeworfene Frage, u. s. w. Im II. Theile der Rede wurde der Nutzen ausein« andergesetzt, den Religion und Wissenschaft sich gegenseitig leisten; es würde den Raum dieser Correspondenz überschreiten, wollten wir auch nur einen Auszug davon geben; derselbe gipfelte in dem wahren Gedanken, Religion dient der Wiffenschaft und schützt vor Unglauben, und Wissenschaft nützt der Religion und schützt vor Aberglauben. Zum Schluffe auf „Alliance" und „Schoolfonds" übergehend, wies er nach, daß auch diese Religion und Wissenschaft förderten und des Interesses aller Glaubensgenossen im hohen Grade verdienten. Auch war Redner bemüht, die Verleumdungen, die in letzter Zeit gegen die Alliance geschleudert wurden, als ob dieselbe die religiöse Erziehung der Jugend — Ackerbauschule zu Jaffa — vernachlässige, zu entkräften. Mit einem warnten Appell an die Versammlung, „Alliance" und „Schoolfonds“ Wohlwollen und Theilnahme zuzuwenden, schloß der Redner seinen Vortrag, der laut applaudirt wurde. Der Vorsitzende dankte in tief empfundenen Worten dem Redner, der es verstanden, seine zahlreiche Zuhörerschaft zu fesseln und zu erbauen. Nach einer Pause begann der 2. Theil des Programms, der musikalische und declamatorische. Künstler und Künstlerinnen hiesiger Stadt; Frl. Beersmans, Herr Emil Fischer, Herr Wild und ein Dilettant aus angesehener jüdischer Familie, Herr E. M. E., die alle Ausgezeichnetes in ihrem Fache leisteten, gaben dem Ganzen jene Abrundung und Vollendung, die unvergeßliche Rückerinnerungen bei allen Theilnehmenden zurücklassen werden. Auch von einem Erfolg wollen wir Mittheilung machen, Noch an demselben Abend traten mehr als zwanzig neue Mitglieder der Alliance bei, sodaß dieselbe hier in Rotterdam die Zahl 200 übersteigt. Solche Abende mögen noch oft wiederkehren, und es ist der A. I. U. ein großes Feld der Theilnahme in unserer großen Gemeinde erschlossen. L. A. R. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die jüngsten Aeußerungen des Kronprinzen, welche derselbe einem hervorragenden Version dsmitgliede der hiesigen Synagogengemeinde und an anderer Stelle gemacht und die sich auf das Schärfste gegen die in letzter Zeit von gewisser Seite inscentirte Judenhetze wenden, werden vielfach besprochen. Der Kronprinz hat zu verstehen gegeben, wie es in erster Linie nicht statthaft sei, daß Männer, welche berufen sind das Evangelium zu predigen, in solcher Weise, wie es geschehen, zu konfessionellem Hader Anlaß geben. Daß der Kronprinz ein Gegner der extrem Kirchlichen Richtung ist, war längst bekannt und er hat aus diesen seinen Anschauungen auch niemals ein Hehl gemacht. Der frühere Kultusminister Dr. Falk war besonders persona grata im fron* prinzlichen Palais. Der Kronprinz soll zu Herren seiner Umgebung seine Befriedigung darüber ausgesprochen haben, daß seine Aeußerungen über die christlich-sociale Judenhetze correct in die Oeffentlichkeit gekommen seien. Er hat dem Geh. Commerzienrath Magnus, Vorsitzenden des jüdischen Gemeinde- Vorstandes, hundert Mark für seinen Platz bei der in der großen Synagoge stattgehabten Feier aus Anlaß des Nothjtandes in Oberschlesien übersandt. Das Kaiserpaar hatte bekanntlich zu demselben Zwecke 300 M. gesandt; Prinz Karl 300 Mk. Berlin. Wie wenig die in Scene gesetzte Judenhetze den Gesinnungen des Kerns der Bürgerschaft entspricht, zeigt u. a. auch die Thatsache, daß der bisherige Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung, Dr. Etraßmann, gegen den als Juden so scharfe Angriffe gerichtet worden sind, mit 92 von 96 abgegebenen gültigen Stimmen wledergewählt wurde. Auch will man bemerkt haben, daß gewisse Kreise sich neuestens von der antisemitischen Bewegung zurückgezogen haben. Es wird sich wohl auch hier, bemerkt die „Augsb Allg. Zeit.", die Erfahrung wiederholen, die wir beim „Cul-. turkampf" gemacht haben: das gesinnungstüchtige Streberthum, das sich damals gegen die Katholiken wandte, wie jetzt

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