Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 3. (14.1.1880)
- Date
- 1880-01-14
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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— 24 von der Stadt die Kreistagswahlen auf dem Lande beeinflußt wurden, und witzelte über den Erzengel Gabriel. Als Di-. Gabriel das Wort verlangte, wurde es ihm vom Landrath nicht ertheilt. Der Gemeindevorstand hat remonstrirt, vr. Gabriel persönlich hat eine Jnjurienklage eingeleitet, und eine große Anzahl von Kreistagsmitgliedern sich beschwerdeführend an die Regierung gewandt. Ueber den Verlauf dieser Angelegenheit werde ich Ihnen seiner Zeil berichten. Liegnitz. Am 1. Januar beging der Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde, vr. Landsberg, sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Zur Feier desselben fand Vormittags in der festlichgeschmückten Synagoge ein Fest-Gottesdienst statt. Mittags 1 Uhr beglückwünschten der Vorstand und das Bureau der Repräsentanten-Versammlung den Gefeierten in seiner Behausung und überbrachten ihm das Geschenk der Gemeinde, einen kostbaren Pokal. Von dem Central Comitd der Alliance Jsraelite Universelle und von dem deutsch-israelitischen Gemeinde-Bunde in Leipzig waren prachtvolle Adressen eingegangen. Der jüdische Frauen-Verein verehrte dem Jubilar einen großen, höchst geschmackvollen Teppich und viele andere Gemeinde-Mitglieder erfreuten ihn durch Aufmerksanckeiten verschiedenster Art. Abends vereinigten sich die Freunde Ms Jubilars (über 130 Personen) zu einem Festrssen, bei welchem der älteste Vorsteher, Kaufmann Stahl, den ersten Toast auf Se. Majestät den Kaiser und der Vorsitzende des Vorstandes Herr H. Co h n einen solchen auf den Jubilar ausbrachte. Auch die Filialgemeinde Lüben hatte dem Jubilar einen Pokal gewidmet. Das Fest gab ein sprechendes Zeugniß von der allgemeinen Verehrung, deren sich Herr vr. Landsberg in seiner Gemeinde und weit darüber hinaus erfreut, denn durch seine rastlose Thäligkeit für die Zwecke der Alliance ist der Jubilar in allen deutschen Gemeinden rühmlichst bekannt. Auf die literarische „Festgabe" von Hrn- Josef Natonek, sowie auf die bereits im Druck erschienene „Festpredigt" des Jubilars kommen wir im „Jüd. Literaturbl." noch zurück. —d— Coblenz, im Januar. (Or.-Corr.) Mitten in der Hochfluth der Judenhetze hat sich im November v. I. Hierselbst ein Verein gebildet, der anscheinend nur gesellige Ziele verfolgend, den Namen „Erholung" trägt. Aber richtig geleitet, kann er zu einem festen Damm werden, an dem die Wogen des Judenhaffes sich brechen, der die bisher neben aber nicht m i t einander lebenden Mitglieder der hiesigen Gemeinde eint und verbindet und sie selbstständiger, unempfindlicher werden läßt gegenüber den kleinlichen Ausbrüchen der Gehässigkeit von Seilen der nichtjüdischen Gesellschaft. Dieser Verein feierte in schönster Weise am Abende des 3. d. Mts. sein erstes Vereinsfest. Das Essen war natürlich koscher*) — und doch gemüthlich. Heitere und ernste Ansprachen, Vorträge und Verloosungen zum Besten der Armen, ohne Unterschied der Confeffion, (die 125 M. eintrugen), würzten das Mahl. Im fröhlichen Tanze vergaß die junge Welt, wie schnell die Stunden enteilen. Möge die „Erholung" als einigendes und festigendes Band mil der Zeit alle guten Elemente der Gemeinde umschlingen — damit im geselligen Verkehre die Gegensätze sich abschleifen und die Alle einigende jüdische Liebe und Milde wohlthätiges Wirken und friedliches Zusammenleben Aller fördern. Mühlhausen in Thüringen, 31. Januar. (Or.-Corr.) Heute, am Schluffe des Jahres 1879, haben wir die sterbliche Hülle des 22 Jahre alten cand. med. Max Walla ch von hier zur letzten Ruhe bestattet. Derselbe war im Augusta- Hospital in Berlin einer Kopfwunde erlegen, die er im Duell erhallen hatte. Verschiedene Tagesblätter wollten erfahren haben, daß das Duell aus „religiösen Gründen" entstanden sei. Das war jedoch nicht der Fall. Der Tod des so sehr befähigten Jünglings macht in der hiesigen Bürgerschaft den *) Es ist erfreulich, dies aus „Coblenz* zu vernehmen; denn leider giebt es anderswo jüdische Vereine, die in dieser Beziehung sich recht „antijüdisch" führen. Wir erleben am Ende gar noch „jüdische Antijemitenvereine." tiefsten Eindruck und erweckt das innigste Mitgefühl mit den trauernden Eltern. In unserem Orte haben wir überhaupt nicht Ursache, über Rischus zu klagen; die judenfeindliche Agitation hat hier durchaus keinen Boden gefunden. Wir leben mit unseren christlichen Mitbürgern in schönster Freundschaft, in Liebe und Eintracht. Das Wort „Jude" wird als Schimpfwort hier nicht gehört. Das zeigte sich auch, wie schon bei anderen Gelegenheiten, heute bei der Beerdigung des unglücklichen Jünglings. Die Leiche war vom Bahnhofe aus in die städtische Leichenhalle gebracht worden und hier hielt der jüdische Geistliche in Gegenwart von Hunderte unserer christlichen Mitbürger die Grabrede. Alle Stände und Kreise waren vertreten; die angesehensten Familien der Stadt hatten Palmen und Kränze geschickt, womit sie das Grab des Entschlafenen schmückten und sein Andenken ehrten. Etwa 30 Studenten folgten dem Sarge und sangen am Grabe ein ergreifendes Lied. Gott tröste die tiefgebeugten Eltern! Hamburg, 6. Januar. (Or.-Corr.) Ueber das Resultat der Wahlen für das Repräsentantencollegium unserer Gemeinde habe ich Ihnen in meinem jüngsten Schreiben berichtet; auch für den Vorstand und das Delegirtencollegium des Synagogenoerbands haben Ergänzungswahlen stattgefunden. Ein eigenthümliches Streiflicht wirft es auf dieses h yp er orthodoxe Collegium, welches die Wahlen für den Vorstand zu vollziehen hat, daß es keinen Anstand nahm, einen Mann an die Spitze der Verwaltung zu berufen, dessen Geschäft am Sab bat h geöffnet ist, und auf unser geistliches Oberhaupt, von dessen Geist das Delegiriencollegium inspirirt wird, daß er die Wahl befürwortete. Es liefert dieses Verfahren von Neuem den Beweis, daß nicht ein streng religiöser Lebenswandel den Maßstab bietet, mit dem diese Herren messen, sondern die GestnnungStüchtigkett, d. h je nachdem, ob der Betreffende auf die Unfehlbarkeit Seiner Heiligkeit schwört und diesen Orakelsprüchen folgt. Nicht Zufall wird es wohl gewesen sein, daß gerade die drei neugewählten Mitglieder des Vorstands des Synagogenverbands (trotzdem einer derselben sich geäußert hatte, er nähme die Wahl nur an, um als ein echter Sohn Aharons rpm am« Zu sein und Frieden zu stiften zwischen Synagogenverband und neuer Synagoge) die Leitung der Wahlen für das Repräsentantencollegium im orthodoxen Sinne in die Hand nahmen, ein Bündniß mit dem Tempelverbände zur Aufstellung von gemeinsamen Candidaten schlossen und ein Circnlair erließen, dem sie als Devise die beiden Sätze voranstellten: Selbständige Verwaltung der Culten und Unabhängigkeit derselben vom Einflüsse des Gemeindevorstandes. Gemeinsamkeit aller nichtcultuellen und Förderung israelitischer Gemeindezwecke. In diesem Rundschreiben werden die Wahlberechtigten aufgefordert, nur solche Männer zu wählen, welche „jeder die Gemeinde oder die beiden in derselben bestehenden Verbände in ihrer jetzigen Gestalt bedrohenden Aenderung entgegenzutreten ernstlich gewillt sind." Wie haben sich doch die Zeiten geändert. Als der Tempelverein im Jahre 1841 einen Neubau beabsichtigte und der damalige geistliche Beamte der Gemeinde, vr. BernayS, sich dagegen Beschwerde führend am 29. August an den Vorstand wandte, drückte er sich unter Anderm folgendermaßen aus: „d a ß er (der Tempelverein) alle administrativen und pecuniären Bande der Gemeinde zerreißen und dieCommunalverwaltung höchst beschwerlich, ja u^nmöglich m a ch e n m ü ß t e." Jetzt übt derselbe Tempelverband dieselbe Unduldsa «ikeit im Bunde mit seinem damaligen Erzfeinde gegen die neue Synagoge; doch so wenig die damaligen Befürchtungen des seligen Chacham Bernays sich bewahrheiteten, so wenig Werth haben die der neuen Synagoge, sei es aus Unkenntniß oder aus Böswilligkeit, untergeschobenen Absichten.