Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 3. (14.1.1880)
- Date
- 1880-01-14
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
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22 — lief) der Juden Frankreichs und Englands sind, wenn er diese j von den spanischen Juden herleitet. Juden spanischer Herkunft gab es am Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich nur wenige Tausend, wesentlich in und um Bordeaux concentrirt; alle übrigen Juden Frankreichs sind aus Deutschland eingewandert. Die zwei jüdischen Generale der französischen Armee, die vier jüdischen Mitglieder des Institut de France, die sechs jüdischen Docenten der Leote deo hautes etudes stammen aus deutschen Familien; die vier jüdischen Mitglieder des englischen Unterhauses, der erste jüdische Oberrichter in England stammen aus deutschen Häusern. Wenn trotzdem das Vorurtheck in Frankreich und Italien geringer ist als bei uns, so liegt dies nach der Ansicht des Hrn. Prof. Breßlau daran, daß der französische und italienische Jude in seinem Typus, in seiner äußern Erscheinung nur wenig vom Franzosen und Italiener sich unterscheidet. Hierin wird nicht Jeder mit Hrn. Pros. Breßlau übereinstimmen. Der Aeußerung Tr., „daß unter den führenden Männern der Wissenschaft die Zahl der Juden nicht sehr groß sei, um so stärker die betriebsame Schaar der Talente dritten Ranges," hält Breßlau entgegen, daß allein an den deutschen Universitäten siebzig Professoren jüdischer Abkunft wirken. Und Tr. wird doch nicht all-e diese seine Kollegen unter die betriebsame Schaar der Talente dritten Ranges verweisen. Allerdings will man die Talente nach Nummern rubriciren, so wird für Herrn Tr. selbst kaum mehr als Nummer drei übrig bleiben: denn dann gebührt wohl einem Mann wie Ranke der erste Rang, Männern, wie Sybel, Droysen u. a., der zweite, und was ist Hr. v. Treitschke im Vergleich mit diesen Heroen seines Faches mehr als ein „betriebsames Ealent' dritten Ranges"? Und es ist gewiß sowohl nach der Ansicht Treitschke's, als nach der anderer Leute, keine verächtliche Stellung neben diesem glänzenden Stilisten und nicht unbedeutenden Historiker zu stehen. Herr Breßlau rechnet aus, daß es dreimal mehr jüdische Professoren giebt als nach der Bevölkerungszifser auf uns kommen. Auch über das Märchen der Herrschaft der Juden in der Presse hat Prof. Breßlau Untersuchungen angestellt; da hat er denn „die ihn selbst überraschende Thatsache" erfahren, daß in der Mehrzahl der ältern, größern und einflußreichem Organe die Juden in den Redaktionen fast gar nicht vertreten sind. Also einfach ein Märchen ist die Judenherrschaft in der Presse. Recht erfreulich ist es, daß Herr Breßlau, der doch politisch nur einem sehr gemäßigten Liberalismus huldigt, sich Börnes gegen den Vorwurf Tr., „dieser habe zuerst in unsere Journalistik jenen eigenthümlich schamlosen Ton eingeführt, der über das Vaterland so von außen her ohne jede Ehrfurcht abspricht, als ob man selber gar nicht dazu gehöre," eifrig annimmt. Er nennt die schneidige Selbstkritik Börne's „einen und nicht den schlechtesten Zug deutschen Charakters". Es ist dies, wie ich glaube, ein Punkt, wo jüdisches und deutsches Wesen Zusammentreffen. Auch der Jude ist erbarmungslos scharf in seinen Urtheilen über seine Genossenschaft. Und wie scharf hat oft Göthe seine Deutschen abgekanzelt. Nennt es Tr. auch einen schamlosen Ton, der über das Vaterland so von oben herab ohne alle Ehrfurcht abspricht, wenn Göthe z. B. sagt.: „die Deutschen sind ein gut Geschlecht, ein Jeder sagt: will nur, was recht; recht aber soll vorzüglich heißen, was ich und meine Gevattern preisen; das Uebrige ist ein weitläufig Ding, das schätze ich lieber gleich gering"? Ich brauche es nicht ausführlich zu erklären, warum ich gerade diese Stell» aus so vielen ähnlichen herausgreife; wenn das Judenthum gering geschätzt wird in Deutschland, so lesen wir in diesem Göthe'schen Satze einen guten Grund dafür; die Deutschen haben diese Selbstkritik allgemach verlernt, wenigstens nicht besonders fleißig geübt; wir nennen uns stolz das bescheidenste, gründlichste, arbeitfreudigste, gelehrteste, gerechteste Volk der Welt, und veranstalten eine Judenhetze. Börne lesen, wäre dem gegenwärtigen Geschlechts förderlicher, als ihn so von oben herab tadeln. Z. Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Magdeburg, 9. Januar. „Es ist eine alte Sitte, die Momente der Geschichte an große Ereigniffe, welche bedeutende Kraftanstrengung gekostet und sich weithin bemerktich machten, anzureihen. Es ist dies die äußere Geschichte. Es giebt aber auch eine innere Geschichte, welche die Thaten in der Welt des Gedankens zu verzeichnen hat. Reihen sich die äußeren Momente der Geschichte an geschlagene Schlachten, geschlossene Verträge u. s. f., so bilden Bücher und Aussprüche großer Männer, die innere Chronologie geistiger Entwickelung, wonach die Jubeljahre der Menschheit zu zählen sind." Diese Worte schrieb vor fast 4 Decennien ein Mann, dem die jüdische Geschichte und Literatur gar Vieles verdankt, der Bausteine für sie znsammengetragen, welche die Baumelster unserer Geschichte weislich benutzten, der das jüdische Schrlflthum von Jugend an mit vollster Hingebung geliebt, dessen Arbeiten befruchtend und anregend für die jüngeren Gelehrten waren, besten Ehrensäulen und Denksteine, Blumenlesen und Liedersammlungen sehr viel zur genauern Kenntniß der neuhebräffchen Poesie, der Liturgie und mittelalterlichen Philosophie beigetragen — Leopold D likes begeht am 25. d. M. seinen 70 Geburtstag. Er lebt in stiller Zurückgezogenheit in Wien. In jüdischen Literaturkreisen wird man sicherlich bestrebt sein, diesen Veteran der jüdischen Wiffenschaft, dem ersten Raschiübersetzer (Prag 1833) den Jubeltag zu einem Tage des Jubels zu machen und ihm eine „Ehrenmale" der Anerkennung, einen „Denkstein" des Dankes zu setzen. Breslau, 7. Januar. (Or.-Corr.) Sie beklagen sich, geehrter Herr Redacteur, über das in letzter Zeit von Ihrem Breslaner Berichterstatter beobachtete Schweigen. Mit Unrecht. Derselbe glaubte Ihren Lesern durch Vorführung der unerquicklichen geselligen Verhältniffe, wie sie durch die moderne Hep-Hep'Manie hier geschaffen, weder Neues, noch Ang-nehmes berichten zu können. Es ist hier damit wie in Berlin, vielleicht noch etwas schlimmer. Ist ja die eigentliche Bewegung in ihrem großen Maßstabe von hier ausgegangen. Das gelesenste Blatt Schlesiens, die „Schles. Zeitung", hat seit Jahren gelegentlich in giftigen, die Juden betreffenden Bemerkungen, „gemacht", die anfangs scheu und verschämt, dann aber, vielleicht als die Redaction aus der Fortdauer ihrer zahlreichen Abonnements von jüdischer Seite leider mit Recht auf eine gewisse Hartfel l i g k e i t ihrer j ü d. Leser zu schließen berechtigt war, in derberer und verletzenderer Form die Abneigung gegen die hies. jüd. Mitbürger in immer weiteren Kreisen zu verbreiten geeignet waren. Darin tritt der vornehmen „Schles. Zeit." das Blatt für den katholischen Pöbel, die „Schles. Volkszeitung", seit Jahresfrist thatkräfttg zur Seite, zuweilen in der unverkennbaren Absicht, nicht blos der edlen Schwester zu helfen, sondern, wenn möglich, mit ihr um die Abonnenten zu concurriren. „Der jüdische Referendar", die „jüd. Gauner" und