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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-07 · N° 2 (7.1.1880) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 2 (7.1.1880)
Date
1880-01-07
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Hute die Stadt auf Anrathen des Rabbi verlassen, ein anderer Theil war jedoch trotz alles Zuredens zurückgeblieben, um sich von den Ihrigen nicht trennen zu müssen, und weil sie auch die Gefahr für nicht so drohend hielten. Allabendlich versammelte sich die ganze Gemeinde im Bethause, um dort die Nacht mit Gebeten und Wachen zu verbringen und um auch von einen feindlichen Ueberfall im Schlafe nicht überrascht zu werden. Auf Geheiß des Rabbi hatten sie alles Werthvolle in sicheren Verstecken untergebracht, und fest entschlossen waren sie, die Männer des G h e t t o' s, ihre Familien, Leben und Gut vor der Willkür des anziehenden Feindes bis zum Letzten zu vertheidigen. Und als die Kunde von diesem heldenmüthigen Entschlüsse hinausgedrungen war aus den engen Gassen des Ghetto's, hinaus in den nichtjüdischen Theil des Slädchens, da wurden auch die Nichtjuden vom Muthe der Vertheidigung beseelt, und gar bald glich das Stäbchen Florianow einem kleinen Kriegslager. Das mit einem tiefen Wassergraben umgebene feste Schloß wurde binnen wenigen Tagen in Stand gesetzt, um eine Belagerung mit Erfolg auShalten zu können, und auch die übrigen Einwohner des Städtchens versahen sich mit Waffen aller Art, und muthig erwarteten sie die Ankunft des Feindes. Wie allabendlich, so auch heute, w^ren die Juden alle im Bethause versammelt, angethan mit den langen weißen Sterbekitteln, als die Thüre plötzlich geöffnet wurde, und durch diese ein Mann mit zerfetzten Kleidern, mit blutigem Gesichte, wankenden Schrittes eintrat. 1 „Um Gott! Löw Silberstein, seid ihr's?" rief der Rabbi erschrocken, indem er hastig auf den Eingetretenen zueilte, „was ist geschehen? Sprecht! Doch nein, setzt euch früher, ruht euch aus, wir wollen uns gedulden, bis ihr zum Erzählen die nöthige Kraft besitzt." „Ich danke Euch, Rabbi", sagte dieser, „Ihr seid ja immer gut und freundlich gewesen, Ich danke Euch für Eure Güte. Ja wohl, ich bedarf einige Augenblicke der Erholung, denn fürwahr, was ich erlebt, es war zu schrecklich, glaubt es mir. Auf Euer Geheiß, Rabbi, verließ ich vor fünf Tagen die Stadt, schlenderte umher mit meinem Waarenkasten, einmal hier, einmal dort, wie es der Zufall fügte. So wolltet Ihr es doch haben, Rabbi, und darum that ich es auch. Wohin ich kam, überall waren die Leute in Sorgen, überall fürchtete man die wilden Kosacken. Doch nirgends wußte man genau, wo sie gerade weilten. Aergerlich darüber, daß mein Weg vergebens und ich Euch die gewünschte Auskunft nicht bringen konnte, begab ich mich auf den Heimweg. Der Abend überraschte mich heute in den etwa zwei Etundeu von hier entfernten Walde. Ich beeilte mich, um so schnell wie möglich heimzukommen. Plötzlich hörte ich Geräusch. Es klang so fremdartig, so verworren, als schlüge das Gemäßer in wilder Brandung an felsiges Gesteine und ich blieb unwillkürlich stehen und lauschte. Durch das Gestrüppe des Waldes drang heller Feuerschein zu mir herüber. Vorsichtig näherte ich mich demselben und erblickte zu meinem Entsetzen eine Unzahl wilder, bärtiger Gestalten in kriegerischer Tracht, um große stackernde 4 Feuer gelagert. Es waren die Kosacken, deren Spuren ich ausgesucht hatte, ohne sie zu finden, und die jetzt plötzlich in unmittelbarer Nähe vor unserer Stadt auftauchten. Bewegungslos, den Athem an mich haltend, lauschte ich und erfuhr aus den kurz abgebrochenen Reden, die verworren zu mir herüberdrangen, daß heuteR' acht noch, — hört ihr, Rabbi? — heute Nacht noch unsere Stadt von den Kosacken überfallen werden soll und daß es ihnen gelungen sei, einen heimlichen Weg in das Schloß zu finden " „Das möge Gott verhüten", rief der Rabbi ersetzt, „wenn dem so ist, dann sind wir verloren und wir können nichts Anderes thun, als uns bis auf's Aeußerste zu vertheidigen. Doch fahret fort." „Ich hatte genug gehört, und vorsichtig wollte ich mich aus dem Bereiche des Lagers entfernen, da plötzlich krachte ein dürrer Ast, auf welchen ich unvorsichtigerweffe getreten war, und ehe ich mich recht besinnen konnte, was ich zu thun hätte, um mich zu retten, sah ich mich schon von einer Menge dieser Menschen umringt, und ohne irgend eine Frage an mich zu richten, fielen sie über mich, mit ihren Waffen hieben und stachen sie auf mich los, schlugen so lange auf mich drein, rissen mir so lange an Bart und Haarrn. bis ich gänzlich besinnungslos blutend zu Boden stürzte. W is weiter geschah, ich kann es nicht sagen. Als ich wieder erwachte, lag ich, von Blut überströmt, noch immer an der nämlichen Stelle im Walde. Wahrscheinlich hielten mich diese Unmenschen für todt, und ließen mich deshalb am Wege liegen. Ich raffle mich mit Aufbietung aller meiner Kräfte vom Boden auf und schleppte mich hierher, denn warnen mußte ich euch, ich hatte es mir geschworen, und wenn es auch mein Tod gewesen wäre. Jetzt ist es gut . . . aber . . . finster . . ." Und Löw Silberstein hatte seinen Bericht kaum beendet, als sich seine Augen schloffen und er von seinem Sitze auf das Gestein niedergtitt. Der Blutverlust und die Erschöpfung hatten ihn ohnmächtig gemacht. Helfend traten die Männer herbei, doch schon öffnete sich abermals die Thüre, und todtenbleich, an allen Gliedern zitternd, stürzte der SchammeS herein. „Rettet euch, rettet euch!" rief er, „Alles ist verloren. Verrath hat dem Feinde das Schloß überliefert, soeben hat er sich desselben bemächtigt und die ganzen Bewohner desselben ohne Erbarmen ermordet. Nur einem Knaben von 10 Jahren ist es gelungen, zu entkommen und sich hierher zu retten. Die Kosacken breiten sich schon in der ganzen Stadt aus, Alles niedermachend, was sich ihnen in den Weg stellt. Vergebens ist jede Vertheidigung, siieht, wenn euch euer Leben liev ist." Da sah man nun plötzlich nur bleiche Gesichter, und ängstlich nnd rathloblickten sie alle zu ihrem Rabbi auf. „Hilf uns, Rabbi!" rufen sie alle aus angstbeklommener Brust, „hilf uns, Rabbi, sonst sind wir verloren!" Und die markige Stimme des Rabbi ertönt und Todtenstille trat plötzlich ein. „Ihr verlangt Hilfe von mir, ich soll euch helfen? Das ist Lästerung! Warum ruft ihr meine Hülfe an, warum wendet ihr nicht eure Blicke vertrauensvoll nach oben zu dem allmächtigen Lenker unserer Geschicke, denn nur Er, Er allein, der Allmächtige kann uns helfen, wenn es sein heiliger Wille ist. „Kommt Brüder und Freunde, laffet uns hinauseilen, dem Feinde entgegen, vielleicht können wir ihn hindern, das Ghetto zu betreten." Und muthig eillte der Rabbi voran, ihm nach die versammelten Männer. Das eiserne Thor, welches das Ghetto von dem übrigen Theile der Stadt trennte, wurde geschloffen und muthig harrten sie nun, um die kommende Gefahr tapfer abzuwehren. Und jetzt begann ein wüstes Durcheinander, die dunklen Gaffen, nur von wenigen matt leuchtenden, dem Erlöschen nahen Oelflämmchen erleuchtet, deren lange, verkohlte Dochte gleich Glühwürmchen in die Nacht hinausragten — wurden plötzlich tageshell erleuchtet, während sich das trübe von schwarzen Wolken umzogene Firmament immer mehr und mehr röthete.

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