Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 2 (7.1.1880)
- Date
- 1880-01-07
- Page
- Seite 20 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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20 — Der Feind hatte das Schloß und einen Theil des Städtchens in Brand gesteckt. Aus der Ferne herüber konnte man deutlich Waffengektirre, Geschrei und Schelten vernehmen, und immer mehr näherte sich das Getöse dem Ghetto. Händeringend eilten jetzt die Frauen herbei, als sie von der drohenden Gefahr vernommen und erfüllten die Luft mit ihrem Wehgeschrei, sie brachten Verwirrung und Unordnung in die kleine Schaar, und zagenden Blickes schauten viele der Männer auf ihre Frauen, ihre Kinder. „Gehet alle", gebot der Rabbi zu den Frauen gewendet, „in die Synagoge, dort werden wir euch, so Gott will, wieder sehen, und nach Hause führen, oder doch mit euch sterben, darum seid muthig und stark wie es der Frau eines ächten Juden geziemt, und machet uns nicht weich-!" Und die Frauen gehorchten sogleich trotz ihres Schmerzes, und alle eilten in das Bethaus, um dort geduldig zu warten. Schon nahten sich die ersten Colonnen des Feindes dem Ghetto, und immer mehrere folgten ihnen. Mit einem einzigen Blicke hatte der Rabbi die Gefahr überschaut, und schnell hatte er begriffen, daß das kleine Häufchen nicht im Stande sei, diesen massenhaft herandringenden kampfgeübten Schaaren das Eindringen in das Ghetto zu webren. „Laffet sie unsere Häuser plündern", sagte er, „vielleicht ziehen sie ab, wenn ffe ihre Raublust befriediget, ohne ein Menschenleben zu gefährden. Wir wollen uns erst dann vertheidigen, wenn sie es versuchen in das Bethaus einzudringen, erst dann, um das Allerheiligste gegen Rohheit zu schützen, um jeden Frevel an dem Heiligthume zu verhindern mit unterem Blute, unserem Leben. Darum laffet uns in das Bethaus zurückkehren!" .... Und sie gehorchten willig, und fest wurden Thüren und Fenster der Synagoge verschloffen, und Bänke und sonstige schwere Geräthe vor dieselben aufgethürmt, um den Feinde das Eindringen zu erschweren. Mittlerweile waren die Kosacken vor dem Eisengitter des Ghetto's angekommen. Einige Augenblicke blieben sie vor demselben rathlos stehen, dann plötzlich eilten Einige von ihnen hinweg, um bald darauf große schwere Sturmböcke herbeizuschleppen. Wenige Stöße genügten, und klirrend stürzte das Eisengilter auf die Straße nieder, und mit lauten Freadenrufen drangen jetzt die Kosacken in das Ghetto ein. Niemano wehrte ihnen den Eingang, Niemand stellte sich ihnen entgegen. Sie drangen in die Häuser ein, deren Thüren meist offen standen, doch auch hier^ fanden sie keine menschliche Seele. Der ganze Stadttheil schien verla ffen und unbewohnt zu sein. Und immer weiter drangen sie durch die schmalen Gäßchen vor bis sie endlich vor einem Hause stehen blieben, dessen Thüre geschloffen war. Es war die Synagoge. Schnell wurden abermals Sturmböcke herbeigebracht, und gar bald war der Eingang frei. Erschrocken hielt jetzt die wilde raubgierige Horde einen Augenblick inne, vor dem sich darbietenden Anblick. Das Innere des Bethauses war von Hunderten von Kerzenflammen hell erleuchtet. Frauen und Kinder lag en am Boden, das Gesicht in ihren Händen verborgen. Vor dem heiligen Schreine (dessen beide Thüren weit geöffnet waren), stand die hohe Gestalt des Rabbi Josua, die offene Gesetzesrolle hoch über seinem Haupte haltend, auf daß die heiligen Zeichen Jedem sichtbar seien. Ihm zur Rechten und zur Linken standen zwei der gelehrtesten Männer der Gemeinde und stießen laut dröhnend in's Schofar, auf daß der Feind verbannet werde von der heiligen Stätte. Ringsum das Allerheiligste aber hatten sich die andern Männer, gleich den himmlischen Heeresschaaren, aneinandergereiht, mit den blitzenden Waffen in den Händen, um des Juden Heiligthum vor roher Gewalt bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidiien. Diese kampfbegeisterte Schaar mußte selbst dem Feinde Bewunderung und Achtung einflößen und deshalb, von unerklärlicher Scheu ergriffen, geblendet, überrascht, zögerten sie, die heilige Stätte zu betreten. Doch nur einen kurzen Augenblick, dann drangen sie mit wüthenden Geschrei vor. Nicht einen Schritt wichen die Juden zurück, und gar bald wurde der Kampf im Gotteshause allgemein. Das Röcheln der zu Todte Getroffenen, dar Jammern und Schreien der Weiber und Kinder, und das Geklirre der Waffen mischte sich mit den ununterbrochen forthallenden langgezogenen Tönen des Schofar. Der Boden des heiligen Ortes war bereits mit Gefallenen bedeckt, immer kleiner wurde das Häufchen der kühn streitenden Juden, während sich die Kosacken in immer größerer Menge in das Bethaus hineinschoben. Einen Augenblick hörte das Toben des Kampfes auf beiden Seiten auf. „Ergebt euch Juden", rief der Anführer der wilden Horde, „liefert uns eureReichthümer aus und werdet Christen, dann soll euer Leben geschont bleiben, und wir ziehen ab." Nur die langgezogenen, klagenden Töne des Schofar gaben hierauf Antwort. Die kleine Schaar wußte, daß sie verloren sei, sie sah, daß sie dieser Uebermacht unterliegen müffe, doch um solchen Preis rettet kein Jude sein Leben, und mit dem Muthe der Verzweiflung begannen sie abermals den Kampf gegen die Uebermacht. Einer nach dem andern der Gottesstreiter stürzte von Feindeswaffe erreicht, tödtlich getroffen zu Boden. Da plötzlich wurde ein lauter Wehruf ausgestoßen. Ein mächtiger Schlag hatte das Haupt des Rabbi getroffen, und dieser stürzte zu Boden, selbst im Fallen die Gesetzesrolle noch fest umklammert haltend.- (Forts, folgt.) Inserate. Einladung zum Abonnement auf das beliebte Journal in Buntdruck: Die Arbeitsstube. 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M. ist zu haben: „Der Mosaismns und das Aegypterthum" von M. Mannheimer. (Separat-Abdruck aus „Rahmer's Jüd. Literaturblatt.") (1995 — Preis 50 Pfg. — Reranuvortlicher Redakteur Dr. Ra tzme r in Magdeburg. Druck von tz. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.