Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-07 · N° 2 (7.1.1880) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 2 (7.1.1880)
Date
1880-01-07
Page
Seite 16 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9583836--3919-9583842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

— 16 — Stuttgart, 25. Dez. (Or.-Corr.) Der Bericht über den „Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger in Württemberg" pro 1878—79 ist soebenan alle Gemeinden des Landes versendet worden. Der Vereinsvorstand hebt in seinem Vorwort hervor, wie ungeachtet mancherlei älterer und neuerer Uebel und sonstiger Nothzustände, welche viele Hilferufe zur Wohlthätigkeit erzeugen, diesem Vereine doch fort und fort Herzen und Hände sich zuwendeten und es ihm so möglich machten, seiner Aufgabe in der Art gerecht zu werden, den Fond noch um ein Erkleckliches zu vermehren, obschon die ansehnlichen Unterstützungen in 10 Portionen auf 885 M. gestiegen sind. Die Einnahmen, bestehend in Beiträgen der ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder, in Spenden unserer gnädigen Königin und der Gemeinden und in Zinsen aus Aktivkapitalien, betragen im genannten Jahre 3157 M. 46 Pf. Das Vereinsvermögen hat um 1112 M. 76 Pf. zugenommen und beträgt am 1. Juli 1879 17,747 M. 90 Pf. Der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" in Leipzig hat die Vereinszwecke mit 30 M. gefördert und die Kirchengemeinden Aufhausen, Baisingen, Buchau, Buttenhausen, Cannstatt, Ernsbach, Eßlingen, Göppingen, Heilbronn, Nünzelsau. Laupheim, Ludwigsburg, Mergentheim, Niederstetten, Nordstetten, Oberdorf, Olnhausen, Rcxingen, Rottweil, Sontheim, Stuttgart und Ulm haben zusammen 1423 M. 61 Pf. beigetragen. Der Vorstand schließt seine Ansprache unter warmen Dankeswortcn für die milden Spenden und Empfehlungen des Vereins an das Wohlwollen der Zukunft mit dem Wunsche, daß der „Dajan Almanoth wa- Awi Jessomim“ reichlichen Segen dafür verleihen möge. Oesterreich. Wien, 24. Tezbr. (Or.-Corr.) Wenn ich nicht irre, wurde kürzlich die Nachricht, daß in den Adern unsers Ministers des Auswärtigen, Baron Haymerle, jüdisches Blut rolle, in diesen Blättern bestritten. Es hat aber damit doch, wie ich höre, seine Richtigkeit. Sein Großvater mütterlicherseits war ein renommirter hiesiger Kaufmann Samuel Kann, der mit seiner Frau und Tochter, der Mutter des Ministers, zum Christenthume übergetreten ist. Von der Großmutter erzählt man, daß sie, als sie zum ersten Male die Kirche besuchte, ihre Nachbarin in altjüdischem Jargon gefragt haben soll: „Wo halt man?" — Die hiesige Allianz geht damit um, eine Bildungsanstatt für Religionslehrer und überhaupt solche, welche sich der jüdischen Wissenschaft widmen wollen, zu gründen. Die Vorarbeiten sind im Zuge. — Vom „Tageblatt" ist die Bildung eines Fonds vorgeschlagen, dessen Zinsen dazu dienen sollen, die Pfänder der Armen im Winter auszulösen. Merkwürdig! Man erläßt Bestimmungen gegen den Wucher, man gründet Fonds, die Pfänder der Armen auszulöien — vetus testamentum redivivum! Was sagen Marr und Stöcker zu dieser alttestamentarischen Zeitrichtung? Daß die Juden zu dem letzterwähnten Fonds sich beeilen beizusteuern, brauche ich nicht erst zu sagen. Indessen fehlt es auch in christlichen Kreisen nicht an Eifer für diese Sache. Kürzlich ist auch hier ein „Philantropischer Verein" durch einen Juden, Hrn. Wilhelm Ritter v. Guttmann, in's Leben gerufen. Der Verein hat sich konstituirt und in dem Vorstande figuriren neben dem genannten und anderen „Semiten" auch unverfälschte „Arier", sogen. Grafen. Daß indessen ein Jude auf den Gedanken kommt, in Wien einen philantropischen Verein zu gründen, und — wohlverstanden — auch für ein Jahr die Verwaltungskosten trägt, ist auch kein übler Beleg für die alttestamentarische Richtung der Zeit. Oder hat Herr v. Guttmann ein Plagiat am neuen Testament begangen? Herr Marr wird das sagen unv — „Brutus ist ein ehrenwerther Mann, das sind Sie Alle, Alle ehrenwerth" — auch Treitschke und tutti quanti! Da ich grade vom alten und neuen Testamente spreche, so will ich anmerken, daß Frau Dr. Rubinstein in ihren „Essay's" Jesus das Zeugniß giebt, die Menschenliebe erfunden zu haben. Das süßliche Pathos, mit welchem dieser Philosoph im Unterrock sich über Jesus und seine Entwickelung des Begriffs der Menschenliebe verbreitet, geht in's Himmelblaue und die „Philosophischen Monatshefte" lasten es sich denn auch nicht entgehen, den betreffenden Paffus abzudrucken. Ich hätte nie geglaubt, daß man in Czernowitz geboren sein kann und in Leipzig die Entdeckung macht, daß Jesus die Menschenliebe über das alte Testament hinaus entwickelt habe! Ich halte es mit dem alten, das sogar ein warmes Wort für die Schonung der Thiere hat, während ein solches, wie schon der Aesthetiker Bischer bemerkt hat, im neuen Testamente gänzlich fehlt. Wenn man aber an die Thiere denkt, muß man mit den Menschen, dacht' ich, schon im Reinen sein. England. London, 24. Decbr. (Or.-Corr.) In der Nr. 50 berichtete dieses Bl. aus London, daß bas Hinscheiden des wackeren Mocatta deshalb zu beklagen sei, weil er einer derjenigen vornehmen Juden war, welche rastlos für das Wohl ihrer Glaubensgenoffen wirken. Der verstorbene Jsaae Lindo Mocatto war eine edle Natur. Er schrirb, wie sein Vater Moses Mocatta, Vertheidigungsschriften und Erbauliches für das jüdische Haus, und lebte während eines jahrelangen Siechthums zurückgezogen in Brighton. Nicht s r, sondern F r e d e r i ck D. Mocatta ist seit Jahren als der thätige Förderer aller philantropisch jüdischen Interessen Englands zu nennen. Sie erwähnen in demselben Artikel, die Anglo-Jewish- Affociation fördert das Gedeihen der Schulen in Tunis, Salonichi und Constantine. Mit letztgenannter Oertlichkeit, sowie mit Algier im Allgemeinen, hat diese Association keinen Anlaß, sich zu befaffen. Aber sie unterstützt viele Schulen im Oriente und übt auf den Zusammenhalt der Vereine für jüdische Bildung und Verbreitung industrieller Kenntniß unter angehenden jüdischen Handwerkery einen äußerst wohlthütigen Einfluß aus. Die Jahresberichte dieser Gesellschaft, welche für den Gang der jüdischen Zeitgeschichte von bleibendem Interesse sind, geben eine deutliche Anschauung von dem humanen Streben der edelsten Männer unseres Stammes in diesem Lande der Freiheit, wo sich der stöcker' sche Marasmus, wie er sich jetzt in Deutschland an den Pranger stellt, nie heimisch machen wird. Denn hier giebt es keine Scheinpatrioten, welche die Judenhetze als Haarseil benutzen wollen, um den krankgeglaubten Staat von den Anfällen des Ultramontanismus und des social-demokratischen Irrsinns zu heilen. London. Die große Strenge, mit welcher der Winter auch hier eingezogen ist, veranlaßte hier ebenfalls zu besonderer Anrufung der jüdischen Wohlthätigkeit Seitens des Board of Guardians. Es ist keine Frage, daß in dem wohlthütigen London diesem Aufrufe in hochherziger Weise entsprochen wird. Der Sinn gerade für diese Art der Wohlthätigkeit ist durch den Verein „Meschibath Nefesch" rege erhalten worden Die große Feier seines 100jährigen Jubiläums zeigte das warme Jntereffe und Mitgefühl, welches die Londoner Israeliten für ihre Glaubensgenoffen bewähren. Ein ähnliches Zeichen großer Liebe und dankbarer Anhänglichkeit hat Rev. Green gegeben, der der United Synagoge seine sehr werthvolle nnd große Bibliothek unter sehr paffenden Bedingungungen schenkte. Das Geschenk wird zu einer Wohlthat für die studirende Jugend Londons werden. — Von neuem tritt die Palästinafrage in England auf die Bildfläche. Englische Politik sucht Palästina nicht nur zu neutralisiren, sondern in englische Dienstbarkeit zu bringen. Wer ist aber geeignet Palästina zu heben und an England zu feffeln? M. Cazalet, liberaler Candidat von Mio Kent gibt darauf Antwort. Man stelle englischer Seits in Palästina Ordnung und Recht her und baue Eisenbahnen; dann kann Palästina eine vortreffliche — Handelsstation werden. Man mache Palästina zu einem freien Lande, das Juden anzieht und — die Juden Rußlands, Rumäniens u. s. w. werden auswan- :l % 1 l) lU ä I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.