Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 2 (7.1.1880)
- Date
- 1880-01-07
- Page
- Seite 15 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ruf vorbereitet und verbreitet worden, um jene Partei als eine Feindin der Gesammtgemeinde darzusiellen, die eine Trennung derselben im Schilde führe — (während in Wahrheit diese Partei der Hon der Gemeinde ist, dagegen Viele der „Schwarzen" dem Grundsätze huldigen , es bedürfe keiner Gemeinde für den Cultus, es genüge, so und so viele Chewra's und Klausen zu bilden) — trotzdem die heißblütigsten und kampfgeübtesten der Streiter sich persönlich am Kampfe be theiligten, als gelte es einen Kampf zur Ehre Gottes und mit eigner Hand ihre Freunde zur Wahlurne führten oder schleppten und ihnen die Wahlzettel in die Hand drückten, gelang es ihnen doch nicht, mehr als zwei ihrer Mitglieder durchzubringen, während die übrigen Gewählten der neueren Richtung angehören. Die Niederlage war eine gründliche; nachdem man so große Opfer gebracht, nachdem man langjährige Grundsätze öffentlich verleugnet und vier Mitglieder des Tempelverbandes als die geeigneten Eandidaten empfohlen hatte, nur mit Hülfe dieses Verbündeten zwei seiner eigenen Partei als Sieger hervorgehen zu sehen. In der That war der von den beiden extremen Parteien geschloffene Bund nicht im Jntereffe der Gemeinde geknüpft, sondern im Jntereffe der von ihnen vertretenen Cultusverbände und zwar vom Tempelverbande lediglich aus Furcht, die neue Synagoge (Neweh-Scholaum) möchte ihm von seinen Einkünften etwas entziehen; man sieht, wo die Geldfrage in's Spiel kommt, da ist es auch mit der „liberalen" Gesinnung nicht weit her; man will von der einen Seite, daß ein großer Theil der Gemeinde, welcher, der streng religiösen Richtung angehörig, seit dreißig Jahren vergebens nach einer gemäßig - len Reform auf dem Gebiete der Synagoge schmachtet, der nicht mehr verlangt, als Ruhe und Ordnung beim Gebete, harmonischen Gesang und eine belehrende und erbauende Predigt, gezwungen werde, geduldig auSzuharren und ruhig mit anzusehen, wie die Jugend mehr und mehr das Gotteshaus meidet, weil es einem Manne, deffen ganze Stärke in seiner Starrheit besteht, nicht gefällt, auch nur um eins Haares Breite nachzugeben, und von der anderen Seite ist es, wie bereits erwähnt, die Furcht, es könnten so und so viele Mark der Kaffe verloren gehen, wenn noch ein dritter Culmsverband zu Kräften käme. Aus Ostpreußen, 26. Decbr. (Or.-Corr) Wenn der Ausschuß des Deulsch-Jsr. Gemeindebundes, der es sich in so anerkennenswerter Weise angelegen fein ließ, Schriften zur Abwehr der Judenhetzen zu beschaffen, meint, daß die Verbreitung derselben durch die Gemeindevorstände stattfinden werde, so irrt er sich gewaltig. Die Herren Vorsteher lassen dergleichen — in den meisten Fällen ungelesen ruhig liegen und bewähren sich durchaus nicht als die geeigneten Organe für die Propaganda. Hätte ich aus der „Wochenschrift" nicht von der Existenz dieser Schriften erfahren, durch den Vorstand — schon längst nicht. Ich glaube die Cultusbeamten werden sich viel eher dieser heil. Pflicht unterziehen. Die Alliance JsraLlite hat dies längst erkannt und darum sehr «eise die jüd. Cultusbeamten zu ihren Organen ernannt. (Es giebt auch unter diesen viel lässige, wie es andrerseits Vorsteher giebt, die sich der Sache mit großem Effer unterziehen; der Ausschuß des Gemeindebundes wird jedes bereitwillige Entgegenkommen und besonders das der jüd. Cultusbeamten sicherlich mit Freuden begrüßen. Red.) Bad Ems, 1. Januar. (Or.-Corr.) Im Herbst 1878 bildete sich hier ein „Volksverein zur Belehrung und Unterhaltung" und unser Bezirksrabbiner Dr. Hoch städter ge* prte zu den ersten Mitgliedern deffelben. Der Verein zählt fast 100 Personen aus allen Schichten des Volkes und darunter befinden sich ungefähr der zehnte Theil Israeliten. Alle 14 Tage wird hier ein Vortrag gehalten, wozu — je "ach Inhalt desselben — auch Damen eingeführt werden können. Derartige Verträge hielt nun unser Rabbiner im verwlchenen Winter (1878/79) drei, nämlich den ersten: „über die Reinigung der deutschen Umgangssprache von vielen überflüssigen Fremdwörtern" sodann: „über den moralischen Zweck und den einheitlichen Zusammenhang des Salamon i s ch e n H o h e n l i e d e s und des althebräischen Frauenlobs (*^n nttfK) und am Geburtsfeste Lessings" über diesen. Sämmtliche Vorträge wurden recht beifällig ausgenommen. Auch im gegenwärtigen Winter hat derselbe schon einen Vortrag über die V e r s ö h n u n g der positiven Religionen und ihrer Bekenner gehalten, worin er auch die in der Residenzstadt unseres deutschen Vaterlandes zuerst angeregte und von gewiffer Seite sogar begünstigte Juvenhetze öffentlich geißelte; und obgleich der Verein meistens aus Bekennern der beiden christlichen Confeffionen besteht, erntete dennoch unser Rabbiner allseitigen Beifall und anerkennende Zustimmung. Für Judenhaß ist hier kein Raum; so ist bei einer Bevölkerung von 6000 Seelen, worunter kaum 200 Israeliten sich befinden, schon zweimal ein hiesiger Jsra e* lit als Stadtrath gewählt worden und gegenwärtig sind 4 Israeliten in ter Stadtrepräsentanz, sowie auch ein Israelit als Mitglied des neueingeführten Schöffengerichts ernannt wurde. B. Rotenburg a/Fulda (Kurheffen), 31. Decemb. (Or.-Corr.) In einer Zeit, wo gegen Juden und Judenthum die Hetzschriften von kleinen und großen Scribenten wie Pilze aus der Erde aufschießen, ist es doppelt Pflicht, Thatsachen zu registriren, die erfreuliche Beweise sind, daß der humane, gerechte Geist doch noch nicht ausgestorben ist, und daß auch die Thätigkeit eines Mannes allgemein anerkannt und gewürdigt wird, der noch voll und ganz Jude ist. — Bei der Wahl ver Schiedsmänner (im gewöhnlichen Leben Friedensrichter genannt) wurde für den hiesigen Schiedsmannsbezirk der Kreisvorsteher und Synagogenälteste Herr Herz Heß fast einstimmig gewählt und heute vereidigt. So ehrend diese Wahl für den Betreffenden selbst ist, der ja auch in Folge seiner allseitigen, gemeinnützigen Thätigkeit schon seit vrelen Jahren ein sehr einflußreiches Mitglied des Stadtrathes ist, so erfreulich ist es gleichzeitig für das Allgemeine, Und wenn jene Herren, die sich so angelegentlich seit jüngster Zeit mit der Judenfrage beschäftigen, ihre Taktik, die varin besteht, — wie Balak den Bileam nicht auf das israelitische Volk in seiner Gesammtheit, sondern: HiOn }.nxp O2X — stets nur auf einen Bruch theil aufmerksam zu machen dahin abänderten, daß sie zum Bruchtheil diejenigen Männer, auswählten, die durch ihren edlen Charakter und ihre Gemeinnützigkeit sich auszeichneten, wahrlich sie würden, wenn es ihnen um der guten Sache Ernst wäre, mehr Gutes wir« ksn können.-Herr Heß hat auch in den letzten Jahren durch fein besonnenes und gleichzeitig energisches Vorgehen unsere Gemeinde vor einer Gefahr geschützt, die leicht hätte den Ruin unseres Gemeindewesens herbeiführen können. — Ein Mitglied unserer Gemeinde war, angeblich wegen religiöser Bedenken, ausgetreten und wurde vielseitig, selbst außerhalb nnserer Stadt, gewiffermaßen als Pionier betrachtet, der das Terrain für den Austritt recognosccren solle. Derselbe suchte nun seine Ansprüche an die Gemeinde, die sich besonders auf Synagoge und Todtenhof, aber auch auf andere Gemeindeangelegenheiten bezogen, sich zu erhalten und hat dieserhalb den ganzen Instanzenweg bis zum Minister durchgemacht, doch vergebens. Herr Heß wußte überall das Gemeindeintereffe so zu wahren, und so energisch zu vertreten, ging so, von jedem Angriffe frei, auf die Sache selbst ein, daß der Ausgetretene überall mit seinen Ansprüchen zurückgewiesen wurde, und da nun derselbe kürzlich in Folge eines Sterbefalles in seiner Familie wieder zur Gemeinde zurückgetreten ist, so ist der Gemeindefrieden und die Gemeindeeinheit erhalten und hoffentlich für alle Zeit gesichert. — Solche segensreiche Wirksamkeit eines Mannes, der es versteht, durch seine Energie, wie durch seine Friedensliebe nach innen und außen wohlthätig zu wirken, verdient mit Recht allgemeinste Anerkennung.