Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 2 (7.1.1880)
- Date
- 1880-01-07
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
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— 14 ganze schmachvolle Bewegung, die den Saum des Gewandes des Jahrzehntes befleckt hat, zu wichtig ist, dieser Aeußerung Erwähnung zu thun, als daß wir sie verschweigen könnten. Es giebt Fälle, in denen nicht das Schweigen, sondern das Reden zur Pflicht wird — und in einem solchen Falle glauben wir uns hier zu befinden. Der Kronprinz hat nämlich an einem der letzten Tage einer Persönlichkeit gegenüber erwart — wir wollen ausdrücklich hervorheben, daß e* nicht bei Gelegenheit des vorgestrigen Synagogen-Concertes war: — „Er habe von der antisemistischen Bewegung gehört, als er sich im Auslande befand und er habe die Empfindung gehabt, als müsie sich Deutschland wegen dieserjStrömung vor dem Auslände schämen".Wir glauben dieser Aeußerung des Thronsolgers, des einstigen Trägers der Deutschen Kaiserkrone, nichts hinzufügen zu sollen. Dies- Worte werden von bester Wirkung im ganzen Lande sein und die Judenhetzer hoffentlich verstummen machen. Selbst die „Magd. Ztg " schreibt: „Es scheint, als wolle mit dem scheidenden Jahr auch die vielbesprochene Judenfrage zur Ruhe kommen. So lange noch der Kaiser, dir Kaiserin und der Kronprinz es nicht verschmähen, gelegentlich auch die Synagoge zu betreten, so lange bleibt es wohl ausgemacht, daß unsere jüdischen Mitbürger vor Rechtsbeeinträchtigungen grsichert sind. Die Judenfrage war eine Modesache geworden; es gehört vermuthlich bald nicht mehr zum guten Ton, dieleidige Capital zu discutiren. Als Gewinn aus dem Streit erachten wir die literarischen Erörterungen pro und contra, und es sind, wie man hört, noch einige Kundgebungen zu erwarten, die aber hoffentlich die ganze Angelegenheit abschließen." — Aus der vergangenen Woche ist das Erscheinen einer Broschüre: „Ein Wort von den Herrn Prof. H. v. Treitschke" vom Oldenburger Landrabbiner vr. I. Glück zu verzeichnen, die sich hauptsächlich gegen den Vorwurf, daß die Juden ein „fremdes Element in Deutschland" sein, mit Schätfe richtet. Berlin. (Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung Berlins vom Standpunkte der Statistik.) Da in der letzten Zeit in den Tagesblättern sowohl wie in Vereinen lebhafte Diskussionen über das Anschwellen der jüdischen Bevölkerung und ihr unverhältnißmäßig-s Ueberhandnehmen theils mit mehr, theils mit weniger Animosität stattgefunden haben, so dürfte es gerade die Aufgabe der Statistik sein, ein unparteiisches Bild der tatsächlichen Verhältnisse zu entwerfen und etwaige unberechtigte Angriffe auf das rechte Maß zurückzuführen. Es sei uns gestattet, zunächst einen kurzen, allgemeinen Rückblick auf den Ursprung der jüdischen Bevölkerung Berlins zu werfen. Nachdem die Juden im Jahre 1573 aus der Mark Brandenburg vertrieben worden, wurde ihnen 1671 durch das Edikt des großen Kurfürsten vom 21. Mai der Wiedereintritt in dieselbe gestattet; die Erlaubniß beschränkte sich zunächst auf 50 aus Wien eingewanderte Familien, welche von dort vertrieben, in verschiedenen Ortschaften der Mark Aufnahme suchten und fanden. Zu den Einwanderern gehörten auch die ersten jüdischen Ansiedler in Berlin, das specielle Niederlaffungsprivileg für dieselben datirt jedoch erst vom 10. September 1671; die jüdische Gemeinde sieht darum diesen Tag als ihren Gründungstag an und feierte demgemäß am 10. September 1871 in ihren Gotteshäusern ihr 200jähriges Jubiläum. Gleich nach ihrer Niederlassung am hiesigen Ort scheinen die jüdischen Einwohner sich als Gemeinde constituirt zu haben, da sie bereits 1672 einen eigenen Begräbnißplatz erwarben, der 150 Jahre lang in Benutzung blieb und der auch nach seiner Schließung 1827 schon wegen seiner Scenerie einen hohen malerischen Werth behauptet. Der älteste unter denen auf dem alten Friedhofe befindlichen Denksteinen trägt in seiner Inschrift die Jahreszahl 1672, das letzte Grabmal stammt aus dem Jahre 1849, da auch nach der Schließung des eigentlichen Friedhofes noch einige Grabstellen reservirt waren. Ihren Gottesdienst hielt die Gemeinde zunächst in Privathäusern, bis im Jahre 1712 der Grundstein zur ersten Synagoge in der Haidereutergaffe gelegt wurde. Eine zweite Synagoge in der Oranienburger- Straße wurde 1866 eingeweiht, nachdem durch die organisatorischen Bestimmungen des Gesetzes vom 23. Juli 1847 die Gestaltung der Gemeindeverhältniffe eine festere und geregeltere geworden war. Im Ganzen finden wir in Berlin drei Synagogen, eine Zahl, die mit Rücksicht auf die vorhandene jüdische Bevölkerung (1875 betrug dieselbe 45,464) nicht eben groß genannt werden kann. Nach diesem kurzen historischen Rückblick wenden wir uns zu einer Betrachtung der Zunahme der jüdischen Bevölkerung, soweit sichere Angaben darüber uns zu Gebote stehen. Die erste Berliner Volkszählung 1709 erwähnte bereits die Juden, indem bei der damaligen Visitation an Christen und Juden 49,885 gefunden wurden. Eine Unterscheidung nach Confessionen hat nicht stattgefunden. Eine Aenderung trat 1743 ein, insofern als von nun ab „die Franzosen, Wallonen, Salzburger und Juden" besonders verzeichnet werden sollten. Festen Boden betreten wir eigentlich erst mit dem Jahre 1811, wo ein vollständiges Schema zur Erforschung der allgemeinen religiösen Berhältniffe der Einwohner entworfen wurde; die dann alle drei Jahre stattsindenben Volkszählungen lasten allerdings eine verhältnißmäßig stärkere Zunahme der jüdischen Bevölkerung Berlins gegenüber der herrschenden evangelischen Landeskirche erkennen. Wir geben im Nachstehenden die positiven Zahlen für die Bevölkerung nebst den darunter befindlichen Israeliten, da nur so ein anschauliches Bild über die progressive oder bester sprungweise Vermehrung sich gewinnen läßt. Jahr der Zählung. Bevölkerung Berlins. Darunter Israeliten. Mit dem Plus oder Minus gegen die letzte Zählung. 1811 169.763 3292 1813 166,711 2825 - 457 1816 197,745 3373 - 548 1819 201,138 3610 - 637 1822 206,309 3795 - 185 1825 219,968 4079 - 284 1828 236,494 4427 - 348 1831 248,682 4959 - 532 1834 265,122 5428 |- 469 1837 283,722 5648 f- 220 1840 328,692 6456 - 808 1843 349,808 8351 [- 1995 1846 397,767 8243 - 107 1849 410,726 9595 f- 1252 1852 421,175 11,840 \- 2245 1855 432.685 12,675 s- 835 1858 458,637 15,491 r 2816 1861 547.571 18,953 \- 3462 1864 632,789 24,280 r 5327 1867 702,041 27,607 f- 3317 1871 824,580 36,015 - 8408 1875 964.240 45,464 - 9449 Die vorstehenden Zahlen ergeben, daß nur zweimal in der ganzen 64jährigen Periode, nämlich 1813 und 1846, eine Abnahme der Israeliten um 457 resp. 107 stattgefunden hat, während bei den anderen Zählungen besonders seit 1840 ein starkes Anwachsen zu constatiren ist. Während der Antheil der Juden bis 1840 meist unter 2 pCt. betrug, stellte er sich 1858 auf 3,,,; 1867 bereits aus 3„; 1871 auf 4,. und 1875 auf 5„. , (Schluß folgt.) Hamburg, 31. Dec. (Or -Cor.) Ein heißer Wahlkampf hat am 29. December hierselbst stattgefunden; es waren durch allgemeine Wahlen noch sechs Mitglieder des Repräsentantencollegiums und fünf Ersatzmänner zu wählen. Trotzdem die orthodoxe Partei dem Tempelverbande die Hand gereicht, um gemeinsam mit ihren sonstigen Feinden, den noch gcößern Feind, die Mittelpartei zu bekämpfen; trotzdem ein Wahlauf«