Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 2 (7.1.1880)
- Date
- 1880-01-07
- Page
- Seite 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9583836--3916-9583839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
len gemalt habe; er hält sich streng an seine Quellen und das Gemälde ließe sich noch durch manche Züge ergänzen." — Und wie die mittelalterliche Geschichte, so habe ich auch die neuere Geschichte der Juden (bis 1848) behandelt, streng nach den Quellen. Ich habe ebenso unparteiisch und quellenmäßig die Fehler der Juden und die Trübung des Judenthums geschildert. Was Sie auf S. 666 Vorbringen, ist pamphletisches Flickwerk, wie sich jeder Leser überzeugen kann. Wenn ich sagte „factisch war kein Jude ein Shylok, wohl aber ein Christ", so ist es richtig, und wenn Sie mich dadurch verdächtigen, so verzeihe ich es Ihnen wegen Ihrer Unkenntniß. Sie wiffen nicht, was Leti in „Vita de Sixto V." erzählt: Im 16. Jahrhundert hat in Rom zwischen einem Christen Secchi und einem Juden Sansone Ceneda eine Wette stattgefunden, und der Einsatz war. wenn der Jude verlöre, daß ihm ein Pfund Fleisch ausgeschnitten werde, die Gegenleistung des Christen dagegen waren 100 Scudi. Der Christ gewann die Wette und bestand auf seinem Pfunde jüdischen Fleisches; der Papst aber verbannte beide aus Rom. Es gab also factisch einen christlichen Shylok und er hieß Paolo Marini Secchi.*) Die Verantwortlichkeit für das, was ich über Schleiermacher, seine Briefe über die Lucinde, die Entstehung des unfläthigsten aller Romane und den Zusammenhang mit den Reden über Religion geschrieben, übernehme ich noch heute. Was Ihre Verdächtigung gegen meine Darstellung der Geschichte der Juden in deutschen Ländern betrifft, so will ich nur bemerken, daß sie nur bis 1848 (exclusive) reicht und im Jahre 1868 geschrieben war. Die glorreichen Siege, die durch geniale Führung entstandene Einheit und der Aufschwung erfolgte später. Vor diesen Ereignissen galt das Volk allgemein als deutscher Michel, und mein Urtheil richtete sich nach dem allgemeinen von deutschen Historikern und Schriftstellern ausgesprochenen Urtheil. Uebrigens habe ich von selbst in der englischen Uebersetzung meiner Geschichte, welche sich jetzt unter der Presse befindet,-die vor 18 70 wahren, jetzt aber unwahr gewordenen Urtheile geändert. — Die Verdächtigung meines Patriotismus (S. 667) muß ich Ihnen noch anstreichen. Das Herzogthum Warschau gehörte nur kurze Zeit zu Preußen. Als Napoleon Preußen bekriegte und in diese Provinz eindrang, fielen selbstverständlich sämmtliche Polen ihm mit Enthusiasmus zu, und die Juden dieses Landestheiles leisteten ihm ebenfalls Vorschub, weil er sie von Feffeln befreite und gerade damals ein jüdisches Synhedrin in Paris zusammenberufen hatte. Bei Erzählung dieser Thatsache sagte ich: „Hätten sie (die Juden) dem preußischen Königshause treu und dankbar sein sollen, das ihnen neue Beschränkungen aufgelegt hatte?" Sie aber bemerken dazu: „allerdings hätten sie treu sein sollen" und meinen, ich könnte Sie gar nicht verstehen. O gewiß, ich verstehe Sie recht gut, ich weiß, was Sie in Treue gegen den angestammten Landesherrn zu leisten vermögen. — Dabei verleugnen Sie Ihre Pamphletistenmanier nicht. Sie stellen dieses Factum so dar, als hätte ich von den Provinzen Posen und Westpreußen gesprochen. Von derselben Art ist auch Ihr Citat, als hätte ich schlechthin gesagt: „Börne war mehr als Lessing." Wörtlich aber sagte ich von Börne (S. 378): „Bald erfuhr Deutschland, daß ihm ein Schriftsteller entstanden war, der an Lessing erinnerte, der aber mehr als Lessing war, weil er die Kunst nicht auf einsam eisige Höhe, sondern in die Ebenen des Lebens verpflanzte." Für unbefangene Leser bedeute das, daß Börne mehr für die Befreiung geleistet hat, Sie aber reißen den Satz aus dem Zusammenhänge. Zum Schluffe des Bandes sagte ich beim Anbruch des Jahres 1848: „Die Anerkennung der Juden als vollberechtigte Glieder ist bereits so ziemlich durchgedrungen, die Anerkennung des Judenthums aber unterliegt noch schweren Kämpfen " Jeder Unbefangene liest daraus, daß die jüdische Religion oder Lehre noch nicht allgemein anerkannt ist, daß *) Siehe Ausführliches hierüber im „Jüd. Literaturbl." 1879. Nr. 4». (Red. ' das Judenthum nicht als Religion oder Confeffion gilt, daß jüdische Geistliche hier und da nicht mit den christlichen rangiren. Sie aber imputiren mir, als spräche ich von jüdischer Nationalität, als wollte ich diese anerkannt w i s s e n. Ist Judenthum mit Nationalität identisch? Und auf dieser böswilligen Imputation beruht Ihre ganze Jnvective zum Schluß Ihres Artikels. Dergleichen nannte Reuchlin, das Haupt der Humanisten — welcher wegen seiner Verteidigung der Juden sich den ganzen Dominikanerorden und die Dunkelmänner auf den Hals gehetzt hat — „ein Bachantenargument." Sie, Herr Professor, hätten es damals mit den Dunkelmännern gegen die Humanisten und Juden gehalten. Im Ganzen begreife ich nicht, wie Sie dazu kommen, sich als Ketzerricyter für Christenthum und Deutschthum aufzuwerfen. Paulus Caffel, der als Doctor der evangelischen Theologie sich auf die verschiedenen Nüancen des Christenthums gut versteht, nennt Ihr Christenthum eine Art Heidenthum. Und was Ihre Nationalität betrifft, so ist Ihre slavische Abstammung weniger zweifelhaft als Ihre deutsche. Ich bin fertig. Sollte Sie die Lust anwandeln, noch weiter gegen mich zu polemisiren, so schmähen und verdächtigen sie nur weidlich. Ich werde Ihnen nicht mehr antworten. Nur um Eins bitte ich Sie, wenn Sie einen Funken Gewissen haben, machen Sie meine Religions- und Stammesgenoffen nicht für das verantwortlich, was ich geschrieben habe. Habe ich gefehlt, so will ich es allein büßen. Br eSlau, 28. December 1879. Prof. Gr ätz. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 1. Januar. (Or.-Corr.) Der Vorstand der Berliner Gemeinde hat nicht nur den Nothleidenden Oberschlesiens, sondern auch der allgemeinen jüdischen Sache einen großen Dienst durch das glänzende Concert erwiesen, welches am 30. Dec. in den herrlichen Räumen der neuen Synagoge stattgefunden hat. Wieder zeigt sich vor aller Welt, wie die Berliner Gemeinde opferbereit ist, um den Nothleidenden aufzuhelfen. Der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, der Prinz Carl, der Erbprinz von Meiningen ehrten die jüdische Gemeinde, ja daS Judenthum, indem sie zum Concerte kamen; es war dies die deutlichste Mißbilligung des Treibens eines Hoftheologen und eine- Hofdemagogen. Das Concert wird den Nothleidenden Oberschlesien's immerhin die Summe von mehr als 16,000 Mark abwerfen. Von besonderem Werth und hoher Wichtigkeit aber erscheint eine Aeußerung, die der Kronprinz gegenüber einem der hervorragendsten Mitglieder des Vorstands-Collegiums, gegen den Geh. Commercienrath MagnuS, vorher augenscheinlich in freundlich demonstrativer Ansicht gethan, daß er zwar gegenwärtig wegen Trauer um den Prinzen Waldemar derartige größere musikalische Veranstaltungen nicht besuche, daß er aber zu dem Wohlthätigkeits-Concert in der Synagoge kommen werde, um dadurch seine Mißbilligung gegen die Agitationen, die in letzter Zeit gegen die Juden hervorgetreten, an den Tag zu legen." Wir brauchen nicht zu sagen, daß diese Aeußerung in allen tolerant denkenden Kreisen überaus freudigen Wiederhall finden wird. Auch der Kaiser und die Kaiserin, welcher bei ihrem Eintreten ein prachtvoller Blumenstrauß, den sie während des Concertes in Händen hielt, überreicht worden war, sprachen sich, wenn auch in allgemeineren Ausdrücken, sehr freundlich aus. Wir haben geraume Zeit (mit dem „Berl. Börs.-Courier") geschwankt, ob wir noch eine Aeußerung, die der Kronprinz in letzter Zeit gethan hat, hier wiedergeben sollen. Es ist vielleicht indiscret, dies zu thun, da es immerhin zweifelhaft ist, ob die Aeußerung — die an sich völlig verbürgt ist — gethan worden ist, damit sie öffentlich bekannt werde. Aber wir sind schließlich zu der Ansicht gelangt, daß es für das Urtheil über die