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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-01-07 · N° 2 (7.1.1880) · p. Seite 12

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 2 (7.1.1880)
Date
1880-01-07
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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— 12 — irischen Geschichte in Ersch und Gruber's Encyclopädie lobend hervor, nennt sie eine viel ausgebeutete und fragt: „Findet sich hier keine Würdigung christlichen Geistes?" Diese Darstellung ist von Selig (jetzt Paulus) Cassel;') eS ist handgreiflich, daß auch Grätz, hätte er für Ersch und Gruber geschrieben, einen ganz andern Ton würde angeschlagen haben als in seinem selbstständigen Geschichtswerke. Der Ort bedingte da eine gewifle Nüchternheit und Enthaltsamkeit im Urtheil, und es ist merkwürdig, daß Cassel bei dem Vergleich, den er zwischen sich und Grätz anstellt, diesen Unterschied des Ortes nicht erkennt. Bei Grätz giebt Paulus Caffel selbst zu: „er schöpfte die Dreistigkeit seiner Behauptungen aus der Charakterlosigkeit christlicher Beurtheiler", d. h. seine Kritik des Christenthums und der Kirche ist nicht schärfer als die anderer Schriftsteller, die innerhalb des Christenthums stehen. . . .) Mein letztes Wort an Prof, von Treitfchke. Ihre wiederholte Jnvective*) gegen die Juden und besonders gegen mich, hat mich ein wenig überrascht. Ich dachte. Sie würden die Ihnen erthesiten — Zurechtweisungen ruhig einstecken, um sie vergessen zu machen. Aber eS scheint, daß Ihre Rechthaberei stärker ist, als Ihre Selbstachtung. Nun, so darf auch ich nicht schweigen. Ich werde mich aber bestreben, leidenschaftslos zu bleiben und jedenfalls urbaner, als Sie es in Ihrem letzten Artikel sind — Grobheit gehört durchaus nicht zu deutschem Patriotismus. Sie zu überführen, hoffe ich zwar nicht. Für eine von Chauvinismus und Verbitterung getrübte Logik ist die Wahrheit unzugänglich. Diese Logik urtheilt: Weil die Juden seil 15 )0 Jahren ungerecht, grausam, „diabolisch" verfolgt wurden, darum müffen sie — noch weiter verfolgt werden. Aber ich will Andern beweisen, daß Ihre historische Akribie und Gewissenhaftigkeit ebenso brüchig ist, wie Ihre historische Unparteilichkeit. Zunächst ein Wort gegen Ihre statistische Weisheit. Ihre Quelle ist Morpurgo; dieser aber gilt in den^Augen der Fachstatistiker durchaus nicht als Autorität, weil seine Data nicht auf zuverlässigen Berechnungen beruhen. Sie behaupten, daß in der Stadt Berlin fast eben so viele Juden wohnen, wie in ganz Frankreich (nämlich 45,000), während schon Daniels Geographie Sie belehren könnte, daß in Frankreich (vor 1875) 75,000 Juden wohnten, dabei nicht mitgerechnet viele, welche ihre jüdische Confession nicht angeben, sondern sich einfach als Franzosen geriren. Sie bedauern ferner in Ihrem statistischen Calcül die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Preußen — gerade wie ehemals einer der Pharaonen sich über die Vermehrung der Israeliten in Egypten beklagt hat — daß sie sich seit 1816 um das Dreifache vermehrt habe. Nun, sie hat nur gleichen Schritt mit dem Wachsthum der gesammten preußischen Bevölkerung gehalten. Doch wozu dieser ganze statistische Ballast? Ihre These können sie damit doch nicht retten. Sie haben behauptet, daß gegenwärtig noch immer Jahr aus Jahr ein „hosenverkaufende jüdische Jüng. linge" aus dem Osten einwandern, und Sie knüpfen daran die Besorgniß, daß dadurch das deutsche Wesen eine Trübung erleiden könnte. Ich hatte Ihnen entgegengesetzt, daß es eine Gespensterfurcht sei, indem gerade in den, Polen am nächsten liegenden Provinzen keine Einwanderung von dort aus stattfindet. Ein Statistiker von Bedeutung ist damit beschäftigt, mit Zahlen nachzuweisen, daß in dem letzten Jahrzehnt aus Polen und Galizien die Einwanderung der Juden verschwindend klein ist. (Vgl. auch unter „Berlin".) Ueber das Verhältniß der aus der Pyrenäischen Halbinsel stammenden Juden zu den angeblich aus Polen eingewanderten sollten Sie sich mit mir nicht in einen Streit einlassen, weil Sie in diesem Theile der Geschichte durchaus incompetent sind. Sie wissen gewiß nicht, daß im sechzehnten J -üte Conversatwnslexrca von Meyer und Pierer berichten daß Selrg.PauluS Cassel i. I. 1827 geboren ist; das ist falsch. Geburtsdatum ist der 2. Februar 1821. *) Im Decemberheft der „Preuß. Jahrbücher". Jahrhundert unter den Juden Polens eine rege Theilnahm e an Wissenschaft und selbst Philosophie geherrscht hat*), ferner, daß sie durch ihre Kenntnisse den Unitarismus in Polen gefördert haben. Sie wissen es nicht, es liegt nicht im Bereiche Ihrer Studien, aber darum sollten Sie so bescheiden sein, nicht gehässige Folgerungen aus falschen Prämissen zu ziehen. Von dem Schnitzer des odium generis humani kann Sie keine Auslegungskunst mehr befreien. Tacitus spricht nur von den Christen, und nicht von den Juden. Nur die Christen klagte Nero der Brandstiftung an und ließ sie grausam foltern, nicht die Juden. Zur Zeit Nero's gab es fast nur Heidenchristen in Rom, d. h. Griechen und Römer, welche an Jesus glaubten, wie aus Paulus' Brief an die Römer und der Apostelgeschichte sattsam bekannt ist. Die Juden dagegen waren so wenig mißliebig, daß in derselben Zeit der Zutritt von Römern zum Judenthum so zahlreich war, daß der jüdische Geschichtsschreiber Josephus sich darüber freute, Seneca dagegen eS beklagte, Dio Cassius aber — objectiver als Sie — es ruhig erzählte: „Der Name „Jude" erstreckt sich auch auf andere Menschen, welche in ihrem Gesetze eifrig sind, obwohl sie nicht von demselben Volke sind. Auch unter den Römern giebt es von diesem Geschlechts." Freilich chauvinistische Römer waren voll Ingrimm darüber, wie chauvinistische Deutsche es heute noch sind. Ihre erneuerte Behauptung über angeblichen „Todhaß" gegen das Chriftenthum in meiner Geschichte ist ganz ebenso stichhaltig, wie alles Frühere Es stellt sich jetzt heraus, daß Sie meine Geschichte gar nicht und den XI. Band nicht mit dem Ernste eines Historikers gelesen, sondern lediglich nach Art der Pamphletisten darin geblättert haben, um Anklagematerial gegen die Juden zu sammeln. Nach Pamphletistenart reißen Sie Stücke aus dem Zusammenhänge uno knüpfen Disparates an einander, um meine Darstellung giftig zu machen. Hätten Sie meine Geschichte mit der Gründlichkeit einegewissenhaften deutschen Gelehrten gelesen, um nicht ungerechter Weise den Stab zu brechen, so hätten Sie in dem dritten Bande, in dem Capilet von der Entstehung des Christenthums finden können, daß ich davon mit unendlich mehr Anerkennung und Hochachtung spreche, als ReimaruS, Göthe und selbst als Strauß und Renan Ich führe die Worte an, die ich erst jüngst in der dritten Auflage (1878) lange nach dem Erscheinen des elften Bandes (1869) gedruckt habe, um Ihr illoyales Verfahren zn brandmarken. Ich sagte (S. 300): „Indessen wußte Jesus diese Sünder und Zöllner, diese verwahrlosten und unsittlichen Geschöpfe durch Wort und Beispiel zu sich zu erheben, ihren Sum mit Siebe zu Gott zu erfüllen ... ihr Herz durch Innigkeit und Heiligkeit zu veredeln, ihren Lebenswandel zu bessern. Das war das größte Wunder, das er vollbracht hat. Das waren die Tauben, die er hören gemacht, die Blinden, denen er die Augen geöffnet, die Kranken, die er geheilt, die Todten, die er zum Leben erweckt hat. Ein Menschenbildner steht unendlich höher als ein Wunderthäter." Da nun Jesus das Alpha und Omega des Christenthums ist, habe ich da Haß gegen das Christenthum gepredigt? Ueberhaupt ist Ihr Ausdruck: „Sein Band predigt von der ersten bis zur letzten Seite Haß, wilden Haß gegen das Christenthum" höchst illoyal. Eine Geschichte predigt nicht, sondern erzählt und motivirt, und dann kommen in dem, 582 Textseiten enthaltenden XI. Bande mehrere hundert Seiten vor, wo gar keine Gelegenheit ist, vom Christenthum zu sprechen. Ehe ich aber weitergehe, Ihre maßlose Verdächtigung zu widerlegen, will ich zu Ihrer Beschämung das Urtheil eines ebenso objecliven Historikers wie hervorragenden Juristen über meine Geschichtsdarstellung anführen. Professor Slobbe (Die Juden in Deutschland zur Zeit des Mittelalters S. 182) sagt: „Aber die Leser mögen sich vor dem Wahn hüten, als ob der Verfasser (Grätz) zu übertrieben und mit zu grellen Far- *) Ein päpstlicher Legat berichtet: .... qui (Judaeorum in Russia) et agros possideant et mercaturam faciant et litterarurn. quoque studiis maxime astrorum et medicinae se excolant ....

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