Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 51. (19.12.1877)
- Date
- 1877-12-19
- Page
- Seite 404 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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dient hat, ist gleich zum Officier und einige andere Israeliten sind zu Unterosficiren befördert worden. (W. Jsr.) NewHork. B. F. P e i x o t t o ist vom Präsident Hayes zum General-Consul für Petersburg designirt worden. Die Bestätigung durch den Senat steht in Aussicht. Da Rußland stets mit der Union sehr gute Freundschaft gehalten Ifat so wird man Peixotto gut aufnehmen müsien, und die Sache ist dadurch für die Juden in Rußland immerhin nicht unwichtig. Calcutta. Der Alliance Jsr. Univ wird berichtet: Vor 80 Jahren gab es in Calcutta keinen einzigen Israeliten, heut zählt man hier 600 jüd. Seelen, welche größlentheiis aus Bagdad stammen. Sie treiben Handel, viele von ihnen haben kaum zu leben. Es kommen immer viele aus Bagdad hierher, welche sich nur vorübergehend hier aufhalten und die Wohlthätigkeit der Gemeinde in Anspruch nehmen. Wir haben zwei Synagogen, beide sehr schön. Sie besitzen 60 Thorarollen, alle mit echtem Silber verziert, welche mehr als 100 Pfd. Sterling werth sind, und über 150 Parocheth von reiner Wolle, ebenfalls sehr werthvoll. Die Ausgaben für Cultus und Wohlthätigkeit betragen mehr als 2000 Pf. St. jährlich, ungerechnet die Privatwohlthätigkeit. Nie klopfen Arme vergeblich an unsere Thür, man befolgt hier das alte Wort: „Wer Hunger hat, komme und esie mit uns." Vor sechs Monaten hat man einen Verein Chonene Dallim gegründet, welcher regelmäßige Sitzungen hält und viel Gutes thut. Feuilleton. Der Schwan von Toledo. Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. 9. Vater und Sohn. Abb6 Clemens, der Günstling des neuen Papstes, ein noch junger Mann mit hübschen Gesichtszügen, welche orientalische Abstammung verrielhen, sitzt, in einem geschriebenen Hefte blätternd, vor seinem Schreibtische. „Es ist sonderbar, sagt er zu sich, eine seltsame Gewalt treibt mich dazu, meine Gedanken, meine Pläne, hier in diesem Buche niederzuschreiben, fände man es, ich wäre verloren und mit mir das Ziel meines Slrebens, dem ich, vor den Augen meines Volkes, meine Ehre, meinen Glauben geopfert habe. Wenn sie wüßten, warum ich der Günstling des Papstes bin, wenn sie wüßten, wie der Glaube meines Volkes eingewurzelt ist in meinem Herzen, doch sie dürfen es nicht wissen, niemals, und darum bin ich Christ, und darum bin ich Priester der Christen. Wie das schmerzt, wie das brennt in meinem Innern! Arme, arme Mutter, wie liebevoll, wie zärtlich warst du deinen Kindern zugethan, und jetzt deckt dich dumpfe modrige Erde. Und warum?! Und welches schreckliche Herzleid mag wohl mein armer Vater haben bei dem Gedanken, daß sein Sohn, auf den er einst so stolz gewesen, abgefallen ist vom Glauben seiner Väter. Roch sehe ich das Erschrecken, das ihn befiel, als er mich gestern Abend erblickte, er erkannte mich sogleich, ich sah es genau, und ich, ich durfte ihn nicht an meine Brust drücken, ich durfte ihm nicht sagen, Vater ich bin dein Sohn, dein wahrer echter Sohn, der Sohn, der niemals seinen alten ehrwürdigen Glauben im Herzen abgeschworen, dein Sohn, der leben und sterben wird als Jude. „Was hat dies Geräusch zu bedeuten?" rief er plötzlich, während er sich von seinem Sitze rasch erhob. Doch schnell folgte die Antwort, indem die Thür geräuschvoll geöffnet wurde und im Rahmen derselben Jochai Carmo, geführt von zwei Dienern des Papstes, sichtbar wurde. Abb6 Clemens taumelte wie vom Blitze getroffen zurück, doch schnell ermannte er sich und fragte im kalten Tone, was die Ursache dieser Störung fei und weshalb man diesen Mann hierherbringe. „Verzeiht, Herr Abb6,* entgegnete einer der Diener, dieser Mann, es ist der Jude Jochai aus dem Ghetto, der gort eine Taverne hält, will durchaus mit Seiner Heiligkeit dem Papste sprechen, es handle sich um Leben und Tod meint er." „Gut, tretet einstweilen ab," sagte der Abbe kurz, „den Juden laßt hier und erst wenn ich rufe, tretet ein." Beide waren jetzt allein, der Jude und der Christ, Vater und Sohn. „Ich wollte Euch schützen, weiter nichts," sagte der Abbä mit bebender Stimme, drum sagt mir, was Euch hieherführt und dann geht." „Euch, Herr Abb6, kann ich es nicht sagen, dem Papst allein theile ich es mit, Niemandem sonst, es handelt sich um ein schreckliches Geheimnlß, und Ihr Herr Abb6, seid Mitwisser." „Gut denn, so geht nach Hause, der Papst will Euer Geheimniß nicht wissen. „O! doch, mein Sohn! Warum nicht? Wer weiß, was uns dieser Mann zu sagen hat," ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen. Erschrocken wendete sich der Abl>6 um. Der Papst mar durch eine Tapetenthüre in das Zimmer seines Günstlings getreten. „Das hat Gott gefügt," und eilte einige Schritte dem Papst entgegen. Der Abbä stand zwischen Beiden. Ein einziges Wort nur, wenn es ausgesprochen wurde, konnte ihn und seinen Verbündeten das Leben kosten. Dieses Wort mußte unausgesprochen bleiben, um jeden Preis. „Ich bin hiehergekommen," begann Jochai, indem er ängstliche Blicke auf den Abb6 warf, um ein Geheimniß zu enthüllen, ein Geheimniß, welches fürchterlicher Natur ist. Es handelt sich um Mord, nur grauenhaften, schrecklichen Mord." „Und wer sind die Mörder? Wer ihr Opfer?" fragte der Papst gespannt? mit Gewalt riß sich der Abbe aus der ihn gefangen haltenden Betäubung. Jetzt war der entscheidende Augenblick gekommen, nur außerordentliche Kühnheit und kalte Verachtung des menschlichen Herzens konnte hier retten. „Euer Heiligkeit," sagte der Abbä, „dieser Mann hier ist gekommen, nicht um ein Geheimniß zn enthüllen, uin einen Mord, wie er angiebt zu verhindern — sondern-" „Sondern?!-" „Sondern um ihn auszuführen, und die geheiligte Person des Papstes sollte das Ziel sein." Sprachlos vor Ueberraschung starrte Jochai den Abbe an. „Ich kenne ihn, diesen Mann. Schon längere Zeit hindurch ließ ich ihn durch meine Späher beobachten, da er mir gefährlich schien, und ich habe mich nicht getäuscht. Gestern, Nachts, fand in seinem Hause eine Verschwörung statt, gegen das Leben Eurer Heiligkeit, und gerade deshalb ist er heute hier erschienen. Ist es so?" „Es ist so," antwortete Jochai dumpf. „Ich ließ Erkundigungen über das Vorleben dieses Mannes einziehen und was ich erfahren, bestärkte mich in meinem bereits gefaßten Glauben, daß dieser Mann äußerst gefährlich sei. „Dieser Mann lebte früher, etwa vor achtzehn Jahren in Toledo. Er hatte eine junge, schöne Frau, er heißt Jochai Carmo. Seine Frau wurde entehrt von einem Evelmann, und dex Mann will sich jetzt rächen." Kraftlos lehnte sich der Abb6 an einen hohen Schrank, um nicht zu Boden zu stürzen. „Du bist Jochai Carmo?" fragte der Papst, während sein Gesicht todtenbleich wurde. „Ja, ich bin Jochai Carmo, ich läugne es nicht!" „Aus Toledo?" „Aus Toledo!" „Und ist das Uebrige auch wahr? hat gestern Abends wirklich eine Versammlung stattgefunden, welche den Zweck hatte, mir das Leben zu nehmen?! Und Du wolltest Dich wirklich für — für die Vergangenheit rächen?