Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 51. (19.12.1877)
- Date
- 1877-12-19
- Page
- Seite 405 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ja! Alles ist wahr, ich wollte mich auch rächen, doch nicht so wie jener Nichtswürdige erzählt hat. Wisset denn, er, der dies erzählt, er ist es, der-" „Herbei, ihr Leute!" unterbrach ihn der Abb6 mit kräftiger Stimme, „führt diesen Mann, gut bewacht, daß er Euch nicht entkomme, nach der Engelsburg. Niemand darf ihn sehen, Niemand darf ihn sprechen. Niemand in sein Gefängniß eintreten, der nicht einen Schein von mir selbst ausgefertigt, vorzuweisen im Stande ist." Jochai wurde nach dem Gefängnisse abgeführt. „Ich iezne Dich, mein theurer Sohn," sagte der Papst mit freudestrahlendem Antlitze zum Abb6, „Du hast mir das Leben gerettet und ewig will ich Dir hiefür dankbar sein." Und leise entfernte er sich aus dein Gemache. „Und ewig werde ich an diese Stunde denken, sagte der Abbs, während er mit unheimlichen Blicken nach der Thüre schaute, durch welche sich der Papst entfernt hatte. Ewig werde ich an diese Stunde denken, Jie war die fürchterlichste meines ganzen Lebens, und du, du sollst sie mir bezahlen, bezahlen mit deinen Leben. 10. In der Engelsburg. Wochen sind bereits vergangen und Jochai Carmo befand sich noch immer in einer scharf bewachten Zelle der römischen Bastille, in der Engelsburg. Dank der Fürsorge Derjenigen, welche ihn gefangen hielten, hatte er alle nur möglichen Bequemlichkeiten und nur die Freiheit allein mangelte ihm. Ein vortreffliches Lager war in seiner Zelle errichtet worden und mit freudigem Erstaunen gewahrte er auch eines Tages auf dem kleinen in der Ecke stehenden Tischchen einen Theil seiner ihn iiebgewordenen Bücher liegen Und als er sich den ersten Tag seines Hierseins weigerte, die Speisen, die ihm gereicht wurden, zu berühren, da erblickte er einen kleinen Zettel, woraus der Rabbi der jüdischen Gemeinde im römischen Ghetto ihm mittheilte, daß die überbrachten Speisen von seinem Tische seien, und er den Ueberbriuger derselben bis an die Gesängnißthüre geleite, damit Jochai sicher sei, daß die überbrachten Speisen nicht verunreinigt würden Er zählte die Stunden und Tage, und sehnsuchtsvoll gedachte er der verlorenen Freiheit, gedachte auch mit Zorn und Abscheu Desjenigen, der sie ihm geraubt. Er durfte nicht daran denken, denn sonst befiel ihn immer wieder jene nervöse Aufreizung. Und es legte sich iinmer wie ein blutiger Schleier über seine Augen, und in sei- \ nem Herzen erwachte ein Verlangen, ein Verlangen, das schrecklich ift, wenn es aber vom Herzen des Vaters ausgeht, so fehlt hierfür jede Bezeichnung, das Verlangen, feinen Sohn zu tödten. „Mit meinen Händen möchte ich ihn erwürgen," rief er laut, daß es in der Zelle wiederhallte, erwürgen diesen Bast. Ä des Judenthums, dieses schreckliche Geschöpf, welches jetu Leben retten konnte, indem es diejenige brandmarkte, welche ihm das Leben gab. „Er ließ mich Hieherbringen, um des Zeugen seines unwürdigen Daseins entledigt zu sein. Er fürchtet mich, und darum kommt er auch nicht. Er fürchtet mich, weil er weiß, daß Jochai Carmo Alles verzeihen kann, Alles, nur nicht den Verrath an seinem Glauben. Wie er mir gegenüberstand, mit welch' festem Blick er mir in's Auge schaute, als wäre sein Herz ohne Fehl und Falschheit, als wäre er nicht ein Christ! „O! wie schrecklich ist es für ein Vaterherz, so sprechen zu müssen über sein eigenes Kind." Ein Geräusch an der Thüre machte ihn verstummen und unmuthig schaute er zum geöffneten Fenster hinaus. Er schaute die blauen, träge rinnenden Gewässer der Tiber, die unter seinem Fenster matt plätschernd an die Grundmauern des Gefängnisses anschlugen. „O! wäre ich da unten," sagte er wehmüthig, „wäre ich da unten, tief bis am Grunde, dann wäre es gut für mich, dann gäbe es kein Leid und keine Qual mehr für mich, dann müßte nicht dies arme Herz brechen vor Jammer und Schmerz. „Vater!" Die Posaunen des Weltengerichtes können dereinst nicht größeres Erschrecken und Entsetzen bereiten wie dieses nur schlicht und einfach gesprochene Wort. Hastig hatte sich Jochai nach dem Sprecher umgewendet, und abermals standen sie sich gegenüber: V ater und S o h n. Die Zornesader auf der Stirne Jochat's war beim Anblicke seines Sohnes hoch angeschwollen, sein Gesicht von Blut unterlaufen. „Fort von hier, Meineidiger! Fort von dieser Stätte!" rief er, willst Deinen frechen Uebermuth nochmals versuchen! Hüte Dich, es könnte Dich das Leben kosten, drum fort aus meinen Augen! „Nicht doch, Vater!" sagte Abb6 Clemens mit ernster, trauriger Stimme, „nicht so Vater, das sind die Worte nicht, die ein Vater seinem Sohne zurufen muß, der achtzehn lange Jahre von ihm getrennt war, durch des Geschickes Mächte hinausgeschleudert in die brandenden Wogen der hochgehenden See des menschlichen Daseins. Das ist nicht die Sprache —" „Sollte t:t) etwa Dich cn mein Herz schließen," höhnte Jochai, „soll ich Dir zurufen, wie glücklich ich bin, mein Sohn, daß Du iilich in meiner Gefangenschaft, welche Du über mich I verhängt, besuchest, wie glücklich ich bin darüber, daß Du den Namen meines unglücklichen Weibes an den Pranger stellst. Soll ich Dir nicht zurufen, wie glücklich ich bin, daß mein Sohn — Christ geworden ist, daß er seinen Leib mit unreinen Speisen bis zum Zerspringen mästen kann, wie glücklich bin ich, daß mein Sohn-—" (Fortsetzung folgt.) Inserate. Osserire gegen baar: [1161 Eichhorn, Hebr. Profeten. 3 Hldrb. 3 M. — Lengerke, Psalmen. Pb. 2 M. — Scholz, Eint, ins alte Test. 3 Pbe. 5 M. — Neßler, Schire Jsroel. Hld. neu. 3 M. — Fürst, Religionsphilosophen. 2 Bde. br. 2 M. — Jost, AUgem Gesch. d. isr. Volkes. 1832. 2 Pbe. 4 M. — Gesenius, Lehrgeb. d hebr. Spr. Pb. 4 M. — Tuch, Cmtr. z. Genesis. Pb. 4 M. — Salvader, Römerherrschaft. 2 Bde. br. 3 M. L. Cohen, Lehrer in Rees a/R. 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