Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 51. (19.12.1877)
- Date
- 1877-12-19
- Page
- Seite 402 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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402 — * % ’r ■ f 9 ( i » » 0 l _ m tauscht dort für andere Waare alte Lumpen rc. ein, die er in einem zweite» Quersack mit sich führt; so geht er Dorf für Dorf, den ganzen Tag, Venn sein Miltagsessen nimmt nicht allzuviel Zeit in Anspruch. Ei und Brod, wenn er üppig wird, auch ein Stückchen Käse macht seine Mahlzeit die Abends mit einer Tasse Kaffee abwechselt. Er ist strenggläubig dieser arme Hausirjude in der Provinz Hessen, in Posen und an der Nordsee, und lebt nicht einen Tag nach oben beschriebener Weise, sondern das ganze Jahr hindurch von Sonntag bis Freitag-Nachmittag. Dieser Jude hat im wahren Sinne seiner Bibel, im Schweiße seines Angesichts nolhdürftig sich und die Seinen die Woche hindurch ernährt, und freut sich des kommenden Sabbaths, an dem er mit gutem Gewiffen in besseren Kleidern auf den Dörfern umherstolziren kann. Er hat aber noch andere Eigenschaften, von denen weder der protestantische „Reichsbote" noch die „Saarzeitung" eine Ahnung zu haben scheinen. So besitzt er eine sprichwörtlich gewordene, wahrhaft bewunderungswürdige Opferwilligteit und Mildthätigkeit. — Die Armen allerwärls können davon erzählen, daß sie an einer Thüre, an der die sog Zehngebotenfchrift in einer Blechkapsel sich befindet, selten vergebens klopfen und das Almosen stets von einem freundlichen Worte begleitet wird. Außerdem aber sorgen diese Landgemeinden, die größtentheils aus 20—25 Hausirjuden bestehen, für ihre Schulen und Cultus. Das ist der gefühllose, schlaue, zudringliche Hausirjude in Wirklichkeit und der blinde Fanatismus wird es nicht gelingen, aus den — zu u größten Theil unschuldigen Menschen einen blutgierigen Shylok zu machen." Kattowitz, 6. Decemb. (Or.-Corr.) In der vorigen Woche fanden Neuwahlen für das hies. Stadtverordnetencollegium statt, zum Zwecke der Vermehrung desselben von 24 auf 30 Mitglieder. Zu gleicher Zeit sollten Ergänzungs- und Ersatzwahlen vollzogen werden. Ein „christliches" Comitv, theilweise aus Beamten bestehend, hatte die Parole ausgegeben, keine Juden wieder, resp. neu zu wählen und stellte für die zweite Abtheilung 6 christliche Candidaten auf. Das Verfahren war, abgesehen von der socialen Stellung der hiesigen jüdischen Einwohnerschaft, um so weniger gerechtfertigt, als in derselben Abtheilung 3 Juden ausschieden. In Folge deffen vereinigten sich die jüdischen Wähler und stellten 6 Juden als Candidaten auf „Wie ein Mann" kamen alle zur Wahl, und sämmtliche 6 jüdische Candidaten erhielten die Majorität. Im Ganzen wurden an dem betreffendem Wahltage 10 Juden (von 16) in das städtische Collegium gewählt, so daß sich in demselben jetzt unter 30 Mitgliedern 17 Juden befinden. — Ohne die erwähnte Provocation und die Hervorhebung des comessionellen Elements würde man Seitens der jüdischen Wählerschaft nicht im Geringsten an Aufstellung nur jüdischer Canditaten gedacht haben, man würde, wie es überall der Fall sein solle, gar nicht nach der Confession, sondern nur nach der Tüchtigkeit für das Amt gefragt haben. Jetzt aber — habeant sibi! Dagegen hoffen wir zuversichtlich, daß die jüdische Majorität überall, wo es sich irgend um confessionelle Fragen handeln sollte, zeigen wird, daß sie sich nur jvon Motiven der Gerechtigkeit und Billigkeit leiten läßt. So wird sie die Gegner beschämen und — bekehren. Kobylin, im Decbr. (Or.-Corr.) Wer die Correspondenzen und das bezügliche Inserat unseres hiesigen „Lehrers und „stellvertretenden" Vorstehers in der „Jüd. Pr." gelesen, dem wird eine kleine Ahnung von den Zuständen in unserer kleinen Gemeinde aufgegangen sein. Aber wenn's nur in der jüdischen Preffe bliebe; leider dringt aber Derartiges auch in die Tagespresse. Ich sende Ihnen einen Ausschnitt aus der „Schles. Presse" (den die „Krotoschiner Zeitung" wiederholt hat), der Ihnen zeigen wird, wie faul es bei uns auf dem Gebiete der Jugenderziehung steht. „Kobylin. Jüngst feierte hier der jüdische Le hrer Götz sein 25jähriges Jubiläum, aus welchem Anlaß er der Schuljugend am darauffolgenden Sonnabend ein Extrasest gab, wozu er auch Musik bestellte und die Eltern der Kinder einlud. Als aber von den eigenen Kindern des Lehrers ein Gedicht vorgetragen wurde, erhoben sich mehrere Gäste und verließen den Saal, denn es war ein frivoles Lied, erlernt von einer Tingel-Tangel-Gesellschaft, und führte beispielsweise den Zuhörern Dienstleistungen vor, zu welchen der Dienstherr unter Umständen seine Magd - verwenden könnte. Sodann kam ein anderes, noch mehr obscönes zum Vortrag, nämlich das den Besuchern der Tingel-Tangel nicht unbekannte Gedicht: „Die polnische Hochzeit", in welchem in höchst unzarter Weise die intimsten Acte der Ehe persiflirt werden. Näheres mitzutheilen ist aus Anstandsrücksichten unmöglich. Das Alles vor Schulkindern von 7 bis 15 Jahren. Als mehrere anwesende Familien gegen solche Unterhaltung ihrer Kinder Protest einlegten, erklärte ein Sch ul vor st eh er, Namens Romann, daß sie gehen dürsten, wenn sie nicht hören wollen, er verlange aber — eine Wiederholung der „polnischen Hochzeit", die ihm gut gefallen. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß die Schulbehörden die Sache in die Hand nähmen und eine Untersuchung anordneten." Sie finden hier die beiden Namen aus der „Jüd. Pr." wieder, den „Lehrer" Götz und den „stellvertretenden" Romann und das ist nicht zufällig. Die Herren haben den Bericht zwar dementirt, sich auch darüber ein Zeugniß vom — Bürgermeister ausstellen lassen, und trotzdem war Einsender dieses und fast die ganze Gemeinde Ohren- und Augenzeuge dieser betrübenden Skandalgeschichte, die in den letzten Wochen der Amtswirksamkeit unseres früheren Rabbiners Herrn vr. Bloch (jetzt in Brüx) sich zugetragen, der aus Veranlassung fast sämmtlicher Gemeindemitglieder solches Gebühren von der Kanzel herab rügte. Die Schmähungen gegen den Rabbiner in der „Jüd. Pr." sollen nun die Revanche dafür sein. (Mit dieser Corresp. halten wir die unerquickliche Angelegenheit in unserm Bl. für geschlossen. Red.) Oesterreich. Krakau, 5. Decbr. (Or.-Corr.) Sonntag, am zweiten Chanuka-Tage, fand im hiesigen Tempel der deutschen Gemeinde ein vom hiesigen Handwerker-UnterstützungSveceine „schomer emunim weachi-eser“ veranstaltetes solennes Fest statt. Dieser Verern hat zum Zwecke, die gegenseitige Unterstützung und nach Thunlichkeit auch Förderung der Intelligenz der Mitglieder, und der mißlichen Lage bejahrter oder arbeitsunfähiger israelitischer Handwerker abzuhelfen. Der Verein wurde im December 1873 zum Andenken an das Jubiläum des 25jahrigen Regierungsantrittes Sr. Maj. des Kaisers Franz Josef I. gegründet und erfreut sich eines bedeutenden Aufschwunges. Sonntag Abends versammelte sich der ganze Verein im Tempel, wo das Minchagebet mit Chor verrichtet wurde. Hieraus hielt Herr Rabbiner 0r. Duschak eine dem Zwecke entsprechende Rede." Wohl dem Manne, sagte er, >,^"1-12 der durch Liede und Barmherzigkeit in den Wegen Gottes geht. *23X71 '2 irr Hier steht das Futurum und nicht das Präsens nnK '2 um anzudeuten, daß der Handwerker sorglos in die Zukunft blicken kann. Nach Beendigung dieser erhebenden Feier beging der Verein '122 nmn sein jährliches Fest Dieser Verein hat zur Aufgabe, arme Knaben zum Handwerke zu erziehen. Bei der Generalversammlung, welche lm Ralhhaussaale statt fand, und welcher der verdienstvolle vr. Nappaport präsidirle, sprach Herr vr. Duschak wieder, und wies nach, wie die Würdigung des Handwerkes sich wie ein rolher Faden durch die ganze Lehre und Geschichte des Judenthums hindurch zieht. Und dennoch stehen die Soferianer nicht auf gutem Fuße mit diesem Vereine. Aus Janow (bei Lemberg) erhalten wir einen vom Vorstande der dortigen israel. Cultusgemeinde erlassenen Anfruf