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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-12-19 · N° 51. (19.12.1877) · p. Seite 400

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 51. (19.12.1877)
Date
1877-12-19
Page
Seite 400 (sequence 3)
Language
German
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— 400 — 0 * I / K ( i 1 1 Widerstands einer Schule, welche lieber noch lebensfähige Glieder sich ablösen sehen wollte, brach sich allmählich eine heilsame Veränderung Bahn. Fromme und gelehrte Rabbiner, welche das Alte ehrten, aber auch die Ansprüche des Fortschritts anerkannten, traten auf, und es entstand eine neue Ordnung der Dinge. Die alten Jeschibahs waren geschlossen; aber in Breslau wurde ein Rabbinerseminar eröffnet. Unter Leitung gelehrter Theologen gingen aus ihm Rabbiner hervor, welche die ungestüme Reform mäßigen und den trägen Stillstand vorwärts treiben sollten. Ein glückliches Juste- Milieuwargefunden; dabrach der wilde Eifer der radikalen Rabbiner los, und die ungezügelten Reden auf ihren Synoden*) und ihre maßlosen Voten haben alle treuen Anhäu- | ger der väterlichen Religion so angewidert und erschreckt, daß ( eine Reaktion sich erhob, welche durch die Zähigkeit, mit der sie sich selbst an die abgeschmacktesten Gebräuche klammerte, durch den Starrsinn, mit dem sie die schädlichsten und abergläubischesten Sitten aufrecht erhält, und die Bitterkeit, mit der sie alle Diejenigen verketzert, welche von ihren Ansichten abweichen, ganz ebenso schädlich und tadelswerth ist, wie die von ihr bekämpfte Richtung. Es ist sehr natürlich, daß diese Reaktion alle die um ihre Fahne schaarte, welche die Folgen sahen und fürchteten, zu denen die Lehren der Radicalreform führen mußten, und daß sie in ihrem Eifer für die gute Sache ihre unversöhnliche Opposition auch gegen die besonnenste und begründetste Aenderung des Rituals oder irgend eines religiösen Brauches kehrten. So ist zwischen den Parteien eine Kluft entstanden, welche wenigstens für jetzt nicht zu Überdrücken ist. Da gibt es nun Haß, Zwietracht und Spaltung in den.meisten Gemeinden des Festlandes. Kein Zusammenwirken für irgend einen gemeinsamen guten Zw^ck ist mehr möglich Was die eine Partei vorschlägt, stößt bei der andern auf Opposition, denn Verdacht und Furcht vergiften alle Gemüther. In Ungarn ist eine jüdische Bevölkerung von mehr als 600,000 Seelen, welche emanzipirt, frei und gedeihend, durch Eintracht eine Säule des Judenthums bilden könnten, in zwei Parteien zerriffen, welche einander bitter hassen, ja verfluchen. Wir haben eben erlebt, wie ein reich ausgestattetes und höchsten Orts begünstigtes Rabbiner-Seminar von ein paar Hundert Rabbinen in den Bann gethan worden ist, noch ehe das Institut sein Werk auch nur begonnen hat. In Deutschland hat die Orthodoxie eine feindselige Stellung gegen den Gemeindebund eingenommen, eine Institution, welche, so sollte man glauben, von jede m jüdischen Herzen mit größter Freude begrüßt werden müßte. So tobt die unglückselige Hyper ^orthodoxe Reaktion gegen jeden Versuch der Einigung und Harmonie und erstickt ihn im Keime. — Verantwortlich aber für diese Reaktion machen wir die nihilistische Reform." Berichte und Correspoudenzen. Deutschland. Magdeburg, 30. Rov. (Or.-Corr.) Als im vor. Jahre der Vorstand der hiesigen Gemeinde auf Grund des Mtniste« rial-RescriptS vom 30. April 1875 den Antrag auf Ertheilung des Religionsunterrichts an die jüdischen Schüler an *) Hier ist wohl zu berichtigen, daß schon die Rabbiner-Versammlungen der 4 0er diese Wirkung hatten; es hatte eben schon vor der Eröffnung des Breslauer Seminars eine gemäßigte Richtung großen Raum gewonnen, und d i e s e wurde damals von der Reaktion überrannt- ■ den hiesigen städtischen höheren Lehranstalten (2 Realschulen und höhere Töchterschule) beim Magistrat stellte, erfolgte bekanntlich abschläglicher Bescheid. Der Vorstand verfolgte hierauf die Angelegenheit weiter, und das Provinzial-Schulcollegium entschied zu Gunsten des Antrags, und so wird seit Ostern dieses Jahres an den beiden erstgenannten Schulen der Religionsunterricht ertheilt. Aus dem abschläglichen Magistratsbescheid ist nun der Passus bezüglich der höheren Töchterschule von weitragender Bedeutung. Der Magistrat schreibt: „Wir sprachen bisher nur von unfern beiden Realschulen, obgleich das Gesuch des Vorstandes auch unsere höhere Töchterschule in den Kreis seiner Wünsche zieht. Der Grund dafür (o. h. für die Ablehnung) liegt darin, daß die letztere in die Kategorie der „höheren Schulen" (nach der Auffassung der höheren Behörde nicht gehört, sonach das Ministerialrescript vom 30. April auf sie gar keine Anwendung findet, wie es denn auch in der Thal nur Gymnasien und Realschulen nennt." Wenn die Aufsaffung des hie'rgen Magistrats richtig ist — ich schwöre nicht in verba magistratus — dann wären die jüdischen Schülerinnen an sämmtlichen „höheren Töchterschulen" in Preußen in jenem Mtmsterialrescriple nicht mitinbegriffen und vom jüdischen Religionsunterricht ausgeschlossen, und gerade für die Mädchen, die ja nicht so viel Heoräisch zu lernen brauchen, wäre die Durchführung des Ministerial- Rescnpts von großem Nutzen, es könnte ihnen der Besuch der Neligionsschule dadurch ganz erspart bleiben. Darum ist es von größter Bedeutung, bezüglich dieser Lücke in der ministeriellen Verfügung bei Zeilen auf Abhülfe zu sehen. Zn diesem Zwecke wäre es mir sehr erwünscht, von den geehrten Collegen resp. Schulvorständen und Lehrern zu erfahren, wie in ihren Gemeinden das betr. Ministerialrescript praktisch geyandhabt wird, ob, wo auf Grund desselben der jüdische Religionsunterricht an Gymnasien und Realschulen ertheilt wird, dies auch an den höheren Töchterschuleu der Fall ist, oder ob noch irgendwo ein Magistrat oder Curatorium diese feine Unterscheidung zwischen höheren Lehranstalten und höheren Töchterschulen macht. R. Berlin. Wir geben heute das Nähere über die Verhandlung im Abgeordnetenhause am 3. December in Betreff der Entschädigung des Landrabbiners zu Hannover für den Ausfall an Trauungsgebühren.*) — Es darf nicht Wunder nehmen, daß gerade Windthor st für diese Sache das Wort ergriffen hat. Er gehört noch zu den alten katholischen — natürlich nicht zu verwechseln mit altkatholischen — Parlamentariern und Politikern, zu der guten alten katholischen Partei, welche, wie wir schon oft erinnert haben, stets consequenter Weise für die Rechte der Juden eiugetreten ist, und der gegenüber wir manche Muht der Dankbarkeit von früherher haben. Die Männer waren liberal, unbeschadet ihrer strikten Anhänglichkeit an Kirche und Dogma, die uns damals wi« heut, heut wie früher, durchaus nichtangeht. Erst bei ihren Epigonen ist leider die schroffe Judenfeurdlichkeit hervorgetreten. ES ist bekanntlich in religiöser Beziehung ebenso gegangen. Weitaus die meisten alten katholischen Geistlichen in Deutschland sind tolerante Männer gewesen, mit denen sich sehr gut auskommen ließ. . . . Dies im Vorbeigehen. Präsident: Zu Titel 15, zur Entschädigung der Geistlichen und Kirchenbeamten für den Ausfall an Stolgebühren, hat der Abgeordnete Windthorst das Wort. Abg. Windthorst: M. H.! Dieser Titel könnte mich zu allgemeinen Betrachtungen veranlaffen, ich unterdrücke dieselben aber und beschränke mich auf eine specielle Frage, die ich an die Herren von der Regierung zu stellen habe. Aehn- *) Da uns der stenograph. Bericht wider Erwarten bis zum Schluffe der Redaktcon noch nicht zugegangen ist, so benutzen wir den Kammcrbericht der „Iüd. Pr ", den sie als wortgetreu bezeichnet In der betreff. Notiz im vor. Blatte unter Neueste Nachr. ist natürlich zu lesen: „Der Reg..-Commiffar äußerte sich nicht geradezu ablehnend.

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