Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 50. (12.12.1877)
- Date
- 1877-12-12
- Page
- Seite 393 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Es bedarf nicht großer Opfer. Wenn jede Synagogengemeinde der Provinz sich verpflichtet, nur e in Procent ihres jährlichen Budgets zur Erhaltung unserer Anstalt beizusteuern, so ist dem dringendsten Bedürfniß abgeholfen und eine sichere Grundlage gewonnen. Es handelt sich um die Erhaltung der Anstalt! Für Erhaltung der Schüler, die ganz bedeutende Kosten verursacht, hat bisher die Wohlthätigkeit hiesiger Gemeindemitglieder gesorgt, di/ jetzt wieder in einer dafür veranstalteten Sammlung auf das Glänzendste sich bewährt. Möge das Beispiel Nachahmung finden und das heilige Werk der Jugendbildung überall warme Herzen und offne Hände finden! Die Herren Vorsteher bitten wir ergebenst, baldthunlichst durch einen Gemeindebeschluß die Uebernahme eines festen Beitrages für unsere Anstalt auf das Gemeindebudget erwirken, die Herren Lehrer aber, das darauf gerichtete Bemühen durch ihren Einfluß in der Gemeinde nach Kräften unterstützen zu wollen. Die Verwaltungscommission der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover. G Spieker, vr. Sam. E. Meyer, Provinzial-Schulrath. Landrabbiner, vr. Cohen, Medicinalrath. Benfey, Obergerichtsanwalt. Prof. Frensdorfs, Oberlehrer. Schweiz. St. Gallen. Ordentliche Großrathssitz ungam 2 3. Nov. Bericht der Commission, betr. Aufhebung des israelitischen Friedhofs im Tablat. Nach sehr einläßlichem Rapporte beantragt die Commission, den Israeliten, in Abweichung von einem letztes Jahr gefaßten Beschlüsse des Großen Rathes, die Fortbenutzung ihres Friedhofes zu gestatten. Hr. Ktsrath Künzle ergreift das Wort, um Namens des Grundsatzes der Gleichberechtigung der Bürger vor dem Gesetze gegen diesen Antrag zu protestiren. Entweder soll das Begräbnißgesetz ganz aufgehoben oder nach allen Richtungen gehandhabt werden; es soll kein Gesetz vorhanden sein, nur um die Katholiken und Protestanten zu chicaniren und den Israeliten Alles zu gestatten. Hr. Dekan Ruggle sagt, wofern der Friedhof gesundheitsgefährlich sei, soll er geschlossen werden. Es ist aber mit dieser Gefährlichkeit nicht immer so weit her. Leute, die Jahre lang in der Nähe der Friedhöfe gewohnt, wie z. B. Geistliche und Todtengräber, sind recht alt geworden. Vom. religiösen Standpunkte aus müsse er die Petition der Israeliten unterstützen. Die israelitischen Vorschriften verbieten, daß das Grab eines Verstorbenen wieder geöffnet werde. Lasse man daher die Israeliten frei ihre Religion ausüben. Redner weist auf einen ähnlichen Fall in Mainz hin. Hr. Ingenieur Engster ii der Ansicht, die Hauptfrage fei diejenige des Grundsatzes. Es frage sich, ob solche separate Friedhöfe gestattet werden können oder nicht, hoffentlich werde der Große Rath heute an der Grundsätzlichkeit nicht Schiffbruch leiden wollen. Hr. RR. Keel betrachtet die Angelegenheit als eine reine Rechtsfrage. Der Regierungsralh habe s. Z der israelitischen Genossenschaft die Anlage des Friedhofs im Kronthal gestattet, gestützt auf das Gutachten der Sanitätsbehörde, daß eine sanitäre Gefährde durchaus nicht vorhanden seien; eine solche könne auch jetzt nicht nachgewiesen werden. Das Begräbnißgesetz werde auch dadurch nicht alterirt, iubeai nach demselben bestehende Friedhöfe so lange benutzt werden dürfen, als sie nicht angefüllt sind. — Wie bekannt, wurde der Antrag der Commission angenommen. Frankreich. Paris. In mehreren deutschen Zeitungen findet sich unter „Paris" nachstehende Notiz aus einem englischen Blatte: ,Ein hiesiger Correspondent der in London erscheinenden Wochenschrift „Dispatch", der ältesten Zeitung Englands, der allgemein als sehr erfahren und zuverlässig gilt, giebt nicht uninteressante Aufschlüsse über die wirklich leitenden Persönlichkeiten im Elysse. So theilt er mit, daß die Rotschilds zu den eifrigsten Freunden, Berathern und Unterstützern des Elysse gehören, und sucht dies durch die intimen verwandtschaftlichen Beziehungen zu erklären, in welchen die Marschallin zu angesehenen israelitischen Familien steht. Ihr Bruder, so schreibt er, ist mit einer Tochter des verstorbenen Baron Sina (in Wien) verheirathet. Ihr Vetter, der Herzog von Richelieu, ist der Schwiegersohn des Baron Heine (in Wien), und auch der Baron Hirsch, der türkische Eisenbahnkönig, steht mit der Familie der Marschallin in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen. Den Baron Gustave Rothschild scheint danach zu gelüsten, dieselbe Rolle im Elysee von 1877 zu spielen, welche Fould nicht ohne Erfolg im Elysee von 1851 spielte. Neuerdings hat er wieder dem Marschall- Präsidenten 40,000 Sjtr., also 1 Million Francs, vorgeschossen, und man glaubt in Paris, daß dieses nicht das erste Mal sei, daß er den finanziellen Verlegenheiten der „moralischen Ordnung" zu Hülfe gekommen. Seine Gattin, eine Elsässerin, soll die vertrauteste Rathgeberin der Marschallin sein und aus patriotischen Gründen diese in der Politik des Widerstandes zu bestärk.en Que la fetnme veut, Dieut et le Marechal le velaut. Die Baronin Gustave soll bei ihrer Parteinahme von der Hoffnung geleitet werden, daß eine siegreiche Vereinigung des Dtaatsstreichs-Conservatismus mit dem ultramontanen Jesuitenthum ihrem verwundeten Patriotismus den ersehnten Balsam der Revanche bringen werde und in diesem Sinne ihren Einfluß über die fromme Marschallin ausnutzen." Wir wissen nicht und fragen nicht danach, in welchem Verhältniß die Rothschilds zu Mac Mahon und seiner Gebieterin stehen. Mit dem angeblichen Lüohl-Unterrichtetsein des Correspondenten ist es aber sehr schlecht bestellt. Baron Sina ist weder Israelit, noch ist er es je gewesen, er ist nach Nationalität und Religion ein Grieche. Baton Heine ist jüdischer Herkunft, sonst hat er mit Juden nichts zu thun. Die Baronin Gustav Rothschild ist weder eine Elsässerin, noch gar eine Deutsche, wie man wohl behauptet hat. Ebensogut konnte man die Nachkommen französischer Refugies in Deutschland als Franzosen bezeichnen. Italien. Turm. Das Schicksal des Tempelbaues scheint endlich definitiv entschieden zu sein. Bekanntlich hatten Die Turiner Israeliten noch vor Uebersiedelung des Hofes nach Florenz (Roml den Bau eines Tempels begonnen. Der Baumeister entwarf einen über alles Maß großartigen Plan, man begann die Ausführung, aber die Mittel der Gemeinde reichten bei weitem nicht aus. Aber- und abermals wurden Gelder gesammelt und von der Stadt Subsidien bewilligt, um ein Gebäude, welches eine Zierde der ehemaligen Residenz werden sollte, vollenden zu können. Aber der Bau verschlang alle diese Summen. So hat die Gemeinde endlich den schon früher angeregten, aber verworfenen Beschluß gefaßt, den unvollendeten Bau der Stadt zu überlassen. Als Kaufsumme bezeichnet man die Summe von 150,000 Lire. Das Gebäude wird zu einer Bibliothek ausgebaut werden. (Arch. Jsr.) — Neulich wurde in Turin ein Theaterstück „der Waf fenbruder" von Gianoso aufgeführt. In demselben kommt eine Scene vor, in der ein Juwelier, als er angegangen wird, ein Geheimniß zu verrathen, die Antwort gibt: „Hier giebt es keine jüdischen Bankiers." Ein junger Mann, ein Christ, begab sich nach Schluß des Actes auf die Bühne und machte dem Dichter Vorhalt über jene unpaffenden Ausdrücke. Es sei eine Schande, in unserm freien Jahrhundert von einer Religionsgesellschaft in einer Weise zu spreche», als sei dieselbe für Geld zu kaufen und zu Schaudthaten fähig, wenn man sie dafür bezahle. Der Dichter gab dem jungen Manne Recht und änderte für die nächste Aufführung die betreffende Stelle in seinem Stücke. (W. Jsr.)