Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 49. (5.12.1877)
- Date
- 1877-12-05
- Page
- Seite 386 (sequence 6)
- Language
- German
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— 386 — nämlich durchschnittlich 450 Pfd. St. Ein Türke kostete 244 Pfd. St. Ein Perser ist schon sehr billig: 68 Pfd. St., 15 Sh., ein Buddhist noch billiger: 60 Pfd. St, ein irischer Katholik erforderte 50 Pfd., ein Armenier bloß 35 Pfd. Sterl.; dsgl. ein Neger von Mittel-Afrika. Eine Menge Aeußerungen liegen seit Jahren von englischen Beamten, Capitänen, Reisenden, ja selbst Missionären vor, welche die Früchte der Bekehrung höchst zweifelhaft erscheinen lasten. Der „Christian Remembrancer" — gewiß ein unverdächtiger Zeuge — sagt: Wir dürfen uns durch ein paar Fälle des Erfolges nicht über die Thatsache täuschen lasten, daß, um es offen auszusprechen, die Missionsbemühungen in moderner Zeit gänzlich ihres Zweckes verfehle n." Im Angesicht der systematisch durch Propaganda- Gesellschaften betriebenen Ausbeutung des englischen Publikums, namentlich der gläubigen Frauenwelt, schreibt der conservativ-religiöse „Tatler" wörtlich: „Giebt es eigentlich einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schwindler, der die Leute bewegt, ihr Geld in einer „Gesellschaft für die Ausziehung von Sonnenstrahlen aus Gurken" oder für andere schöne Projekte anzulegen, und jenen „heiligen Männern", wie sie sich gern nennen lasten, die durch endlose Kniffe Geld für das herauszulocken wissen, was die Erfahrung eines Jahrhunderts als eine Unmöglichkeit erwiesen hat?" Feuilleton. Der Schwan von Toledo. Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. „Kommt jetzt nach Hause Sarah," unterbrach plötzlich die ernst klingende Stimme eines Mannes das traurige Selbstgespräch der armen Frau, „die Erde hier ist feucht, die Luft ungesund und wir wüsten, wenn's Gott will, bereits Morgen schon auf der Neffe in unsere Heimath sein, nach Franfurt a/M. Ich habe Euch Sarah das Versprechen getreulich gehalten, daß ich Euch damals gab, als Ihr der Welt für eine Todte zu gelten mir zusagtet. Damals, erinnert Euch der Worte Sarah, die ich zu Euch sprach, damals sagte ich zu Euch: „Sarah, Ihr müßt für Alle als todt gelten, für Euren Gatten, für Eure Kinder, für die ganze Welt." Und darum wurde ein leerer Sarg hier „am guten Ort" in's Grab gesenkt und der Leichenstein daraufgestellt. Und in finsterer Nacht verließen wir Toledo und unerkannt brachte ich Euch nach Frankfurt a. M. „Ich verspreche es Euch," sagte ich damals, „daß wir jedes Jahr zusammen diesen Ort des Friedens und der Ruhe aufsuchen wollen, denn ich wußte, es war Euch ein Bedürfniß immer und immer hierherzukommen. Sagt, Hab' ich nicht während dieser achtzehn Jahre getreulich mein Versprechen erfüllt? Hab' ich's gethan?" „O ja, Elieh Dank Euck! Ihr habl's gethan, Ihr habt Euer Versprechen erfüllt, sagte sie. indem sie schwach zu lächeln versuchte, und ihre Hand dem Manne entgegenstrcckte, „wie gut seid Ihr. Und wie immer, so seid Ihr mir auch heute gefolgt, Ihr wußtet genau wo ' ich zu finden, Ihr wußtet, daß ich hier sein werde, um zu i weinen, zu weinen hier, auf meinem eigenen Grabe." „Ja auf Eurem Grabe Sarah, denket immer daran, es muß so sein, damit die Schuld, die an Euch ist begangen worden, gesühnt werde." „Aber soll ich denn von meinem Manne, von meinen Kindern für ewig getrennt werden?" „Nicht für ewig Sarah. Einst beim Weltgerichte werdet ihr Euch Wiedersehen " „Elieh! — Was habt Ihr gesagt? Einst beim Weltgerichte? Wie? also lebend soll ich sie nimmer schauen? Elieh! wißt Ihr auch was Ihr sagt? Es soll nicht eine Stunde für mich kommen, wo es heißt: Sarah, Du hast genug gelitten. Du wirst jetzt wiederum Deiner Familie zurückgegeben werden! Elieh, bestimmt mir doch diese Stunde des Wiedersehens, saget, in zwanzig, in fünfzig Jahren, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen, ich fühle es, wird mir die Kraft verleihen, diese Stunde zu erleben, aber nur verweist mich nicht auf's Jenseits." „Sarah, Ihr macht mir das Herz nur noch nlehr schwer, und ich kann Euch doch keine Hoffnung geben. Soll es anders werden, so wird es Gott bestimmen und nicht ich." „Also umsonst? Eüeh!" „Sarah, fasset Euch, kommt jetzt nach Hause, es wird Abend, und es fie^t uns noch ein schwerer Weg bevor." „Jawohl, ein schwerer Weg," sagte Sarah gedankenvoll, und Beide verließen das Grab, auf welchem ein Leichenstein stand, worunter kein Todter ruhte. 6. Ein Wiedersehen. Der Abend war hereingebrochen Scheueu Schrittes und dennoch rasch gehen die Beiden, welche kurz vorher den Friedhof verlaffen hatten, im Schatten der Häuser dahin, ohne nur ein einziges Wort zu sprechen. Elieh hatte seine Mütze tief in die Augen gezogen, und Sarah sich mit ihrem Tuche den Kopf und das Gesicht verhüllt. Sie wollen nicht erkannt werden, fie wollen nicht auf ihren Weg verfolgt werden vom Hohne und der Spottsucht, doch sie bemühen sich vergeblich unerkannt zu bleiben. „Ist heute Jomtof?" höhnte plötzlich eine Stimme hinter ihnen, „der Meichummed und die Wahnsinnige besuchen unsere Stadt, was doch sonst gewöhnlich nie an Wochentagen vorzukommen pflegt." „Kommst Du heute wieder nicht in's BUhaus? Meschummed?" höhnte ein Anderer. „Ei, laßt ihn doch in Ruhe," sagte der erste Sprecher, „weshalb würden wir ihn denn Meschummed nennen, wenn er zum Gebete käme, er ist kein Jude, er ist kein Christ . . ." „Höhnt nur ihr Thoren," sagte Elieh leise, indem er wehmüthig lächelte, „nennt mich Meschummed, weil ich bei meinem Hiersein nicht in's Bethaus komme, um nicht unser Geheimniß zu gefährden. Ja, ich willein Meschummedr heißen, bis ich das Ziel erreicht, welches ich mir vorgezeichne habe." „Laßt den Meschumnied nicht fort, er muß mit uns in's Bethaus kommen," schrieen jetzt einige durcheinander und umringten die Beiden. Elieh ballte die Fäuste und wollte sich mit Sarah einen Weg bahnen, doch seine Begleiterin beschwichtigte ihn immer mit leise geflüsterten Worten. Unschlüssig schaute Elieh ringsumher, was sollte er beginnen? Da in der höchsten Roth, kam plötzlich unerwartete Hilfe. Ein schöner hochgewachsener noch junger Mann trat soeben aus einem in der Nähe befindlichen Hause auf die Gaste hinaus, und näherte sich schnellen Schrittes der Gruppe, die sich um die Beiden gebildet hatte. „Was soll's hier? Weshalb haltet Ihr die beiden Leute auf ihrem Wege auf? Was haben Sie Euch gethan?" Erschrocken hatten die Leute ihre Mützen abgenommen und machten eine tiefe Verbeugung. Er, der da gefragt, war des Königs Leibarzt. „Ihr habt mir noch immer keine Antwort gegeben, nun denn, wendete er sich in freundlichem Tone an Elieh, sagt Ihr mir, was dieser Auftritt zu bedeuten hat." „Wir sind Fremde, Herr, eine heilige Pflicht führt uns alljährlich nach dieser Stadt, um ein Grab „auf'm guten Orte" zu besuchen und um dort den Thränen freien Lauf zu lassen, die ein Jahr hindurch in des Herzens Kammer eingeengt und eingezwäugt waren. Und weil ich bei meinem Hiersein es versäumen, das Bethaus zu besuch:», deshalb nennt man mich einen „Meschummed", meine Begleiterin aber, weil sie sich scheu vor jedem Menschen zurückzieht, eine Wahnsinnige." „Und deshalb sind diese Beiden Euren Rohheiten ausgesetzt? Weil Sie die kurze Zeit ihres Aufenthaltes nicht mit Euch in Berührung zu kommen wünschen?'! Schämt Euch, geht und laßt uns allein."