Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-12-05 · N° 49. (5.12.1877) · p. Seite 384

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 49. (5.12.1877)
Date
1877-12-05
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583784--3373-9583788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 384 — Ganzen etwa 1700 (von c. 7000!) Wähler betheiligt. Die eigentliche Zählung der Stimmen beginnt erst Montag Abends, doch soll es keinem Zweifel unterliegen, daß die vom Vorstande und dessen Helfershelfern aufgestellten Candidaten auf den rothen Stimmzetteln die Majorität erlangen. Diese Liste enthält Wiederwahl von 20 und Neuwahl von 5. Es bleibt also Alles beim Alten. E. Vom Main, 20 November. (Or.-Corr.) Der Herausgeber des „Israelit" hat einen neuen Feldzug eröffnet; es gilt dem Gemeindebunde. Ich fühle mich für meine Person nicht berufen, für diesen in die Schranken zu treten, obgleich ich ihm bestes Gedeihen wünsche. Anch will der genannte Herr anscheinend wieder einen langen Bandwurm von Artikeln zu jenem Behufe zu Tage treten lassen, ich müßte also das Ende der Serie abwarten oder jedes einzelne Glied derselben widerlegen. Beides ist nicht meine Sache. Ich habe nur eines zu bemerken; ob vorläufig, steht dahin. Herr vr. Lehmann meint, es sei schon ein schlimmes Zeichen, daß man heutzutage eines besonderen Verbandes der Gemeinden bedürfe — denn daß ein solches Bedürsniß vorliege und die Idee daher an sich gut sei, stellt er nicht in Abrede. In der guten alten Zeit, beginnt er (und so fängt bei seines Gleichen jedes Liev an), da waren alle Gemeinden Israels von einem Bande umschlungen, alle ein Herz und eine Seele, jeder Schmerz der einen berührte alle, des sind die Kinoth und Selichoth Zeuge, und darum war gegenseitige Hüifsleistung u. s. w. ganz selbstverständlich, es bedurfte keiner Organisation. — Was die alte Zeit Gutes beseffen und gethan hat, das soll ihr unbenommen bleiben, aber nichts übertreiben! Die Alten der Gegenwart als Muster Vorhalten, ist zu Zeiten ganz gut, macht sich zuweilen in der Predigt vortrefflich, und ich habe solches auch schon von Reform- Rabbinern recht oft und schön gehört. Aber wo es sich um Thatsachen und Beweise aus solchen handelt, da muß alles klar lügen und kann sentimentale Schönmalerei und Rhetorik nicht frommen. Kennt aber der Redacteur des „Israelit" die alte Zeit weder aus Büchern noch aus eigener Lebenserfahrung, dann heißt es: „frage die älteren Leute, die werden es dir sagen." Schreiber dieses hat noch Erinnerung an ältere Zeit und hat noch Manches aus noch älterer gehört. Da hat sich eine Gemeinde auf's Schroffste gegen die andere abgeschlossen. Herr vr. L. frage z. B. in Frankfurt a. M. nach; es giebt dort noch Greise, die ihm erzählen können, mit welcher souveränen Verachtung der geborene Frankfurter auf den „Mie nzer" (d. h. einen Mitbürger des Herrn vr. L.) herabsah, wie er jeden „Fremden" als ein Wesen untergeordneter Art ansah, wie es sprüchwörtlich war, daß in Frankfurt das Wehanochri (in 'S) mit extra lauter Neginah gelesen wurde, weil man darunter auch den verstand, der außerhalb der Frankfurter „Gaß" geboren oder doch verbürgert war. Die Exclusivität gab der des Adels gegen den niederen Bürger wahrlich in gar nichts nach. So stand überall Gemeinde gegen Gemeinde, Stadt gegen „Land" u. s. w. Verächtlich wie der Bürger vom Bauer, so sprach der Kehilla- Mann von dem „Landjuden." Man war allerdings bereit, die fremden Armen, Schnorrer, zu unterstützen, d. h. ihnen in der Schlasstätte elendes Lager, im „Hekdesch" traurige Pflege, ein „Plett" und Zehrpfennig zu geben — aber dann „fort, hinaus!" Und nicht nur den Armen galt es fern zu halten. „Wenn man einen Juden aus der Kehillah fern halten kann, darf man aus Jomkippur-Schmone-Esreh gehen", so lautete ein süddeutsches Sprüchwort, natürlich alls der guten alten Zeit stammend. Nun haben wir uns darum der Vorfahren nicht zu schämen, solche Anschauung lag im Geist der engherzigen, psahlbürgerlichen Zeit und war durch traurige Verhältnisse herangezogen; aber sie unserer Zeit als Vorbild hinstellen, das ist geradezu albern. Und was die Kinoth betrifft, so habe ich freilich noch in meiner Jugend ehrwürdige Greise weinen sehen über die Haruge Aspiro, K o l u n j o u. s. w. Gott verhüte, daß ich darüber spotten sollte! Es ist aber kein Unrecht, wenn ich behaupte, daß mancher seine Thränen vergoß, weil man eben am 3"n weint, weil das eine und das andere Wort, welches er verstand, ibm zu Herzen ging; ob er aber über Leute weine, die vor 800 Jahren hingeschlachlet worden oder vor zehn Jahren, davon hatte er keine Ahnung Ec weinte zunächst immer über sein Golus. Andächtig wünschte er ja den vor 800 Jahren gestorbenen babylonischen Resche Kalloh an jedem Sabbath langes Leben, andächtig seufzte er über die Opfer der Wallbrüder. Es weiß heut, leider Gottes, mancher Jude sehr wenig von der Geschichte seines Volkes; wer aber weiß, der weiß mehr davon, als man früher wußte. — Theoretisch stand nun der Satz von der Solidarität aller Juden immer unangefochten (und diejenigen, welche das Band heute zerreißen möchten, sind ja speciell Herrn vr. L. sehr wohl bekannt) aber in der Praxis geschieht heut mahrlrch tausendmal mehr denn in der alten Zeit. Das ist für die Gegenwart kein Gegenstand des Rühmens, wir haben Telegraphen, Zeitungen, Weltpost u. s. w, eine Alliance Jsr. Universelle war vordem undenkbar; bis der Jude in Mainz von dem Unglück seiner Brüder in Kasanlik hörte, war freilich nichts mehr zu machen als eine Kinoh zu singen. — Genug, in dieser Beziehung die Vergangenheit vor der Gegenwart preisen, darauf paßt ganz besonders Salomo's Wort, daß die Klugheit daran nicht schuld sei. Oesterreich-Ungarn. Pest. Es ist nicht unintereffant, den Bericht der „Jüd. Pest. Zeit." über den Kaiserbesuch im Rabbinerseininar zu lesen. Es mögen daher einige Probesätze folgen. „Es ist dies ein „Ereigniß", welches vielleicht, seitdem die Welt steht, nicht vorgefallen, daß ein König eine Jffchiwa in höchsteigner Person besuchte und in leutseligster Welse an die Bacherim verschiedene Fragen richtete. Freilich heißt es nicht mehr „Jeschiwa" sondern Seminar, und die „Bacherim" heißen jetzt Seminarschüler oder Rabbinatskandidaten, aber all diese modernen Titel haben den Besuch nicht beeinflußt, der König interessirte sich blos für eine Anstalt, in welcher jüd. Wissenschaften gelehrt werden, er beehrte dieselbe mit seinem Besuche und erkundigte sich eingehend über das Wesen derselben. Der feine und zarte Unterschied zwischen Seminar und Jeschiwa wurde dem König sicher nicht erklärt, der gerechtfertigte Grund, warum die Orthodoxen dem Seminar feindlich sind, wurde dem König gewiß nicht mitgetheilt; der König kam blos in bester Absicht, um das Judenthum und dessen Wiffenschaft zu ehren, was gewiß bei jedem Juden ein freudiges Gefühl Hervorrufen muß. Der König war gewissermaßen der eigentliche Gründer dieser Anstalt;-er schenkte eine Million Gulden den ungarischen Juden zum „Cultus (!) und Unterricht", und Er hätte gewiß mehr Freude daran, wenn alle Juden Ungarns hinsichtlich der Verwendung dieses „Unterrichts-Geldes" übereingestimmt und eine Lehranstalt oder „Jeschiwa" im streirgstjüdischen Sinn errichtet hätten. Der König hat es mit seinen jüd. Unlerthanen gewiß gut gemeint, und ist sicher nicht dafür verantwortlich, daß im Congreffe oie Fortschrittsparthei in der Mehrheit war, und daß jetzt aus Seinem geschenkten „Unterrichts-Gelds" ein Rabbiner-Seminar un Sinn des Fortschrittes errichtet wurde. Wir wollen jetzt daher von der Form und dem Wesen des Seminars absehen, wir wollen für den Augenblick den Schmerz vergeffen, welchen die Errichtung des Seminars den frommen Juden verursacht; wir wollen jetzt blos sagen: Unser König kam in guer uno treuer Absicht, um eine Rabbineranslalt zu besuchen und hiemck die jüd. Wissenschaft zu ehren. .... Nun, nachdem dieser königl. Besuch vorüber ist, wollen wir jetzt wieder den Gegensatz hervortreten l affen und sagen, daß mit der Errichtung dieses Rabbinerseminars eine große Ungerechtigkeit und ein bedeutender Schaden den Orthodoxen zugefügt wurde." Wer bringt Ordnung in daS Gedankenchaos der Leute! Da ist der Unterschied zwischen Seminar und Jeschiwa nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.