Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 48. (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zusammenstellung und Uebersicht wird nachträglich Interesse bieten. Zum Versöhnungstage kamen in Bukarest 337 Flüchtlinge an, Männer, Frauen, Kinder, verwaisete oder versprengte, alle nackt und bloß, fast in buchstäblichem Sinne, verhungert, manche schier wahnsinnig geworden im Elend. Die Kosackeu selbst, welche sie über die Donau escortirt hatten, waren voll Mitleid. Sofort thaten die Juden in Bukarest, was sie konnlen, Spaniolen und Polen, sonst geschiedene Elemente, wirkten zusammen, vielleicht zum erstenmal. (Siehe vor. Numm.) Aber aus die Dauer konnten die Armen nicht in Rumänien bleiben, man hätte >':e dorr auch nicht geduldet! Sie selbst wünschten Rückkehr nach der Türkei, sie verstehen auch nur spaniolisch oder türkisch. So wendete man sich denn an die israelitische Allianz zu Wien. Diese war bereits vorbereitet, man hatte das Kommende vorausgesehen. Rasch und ganz ohne Lärm wurden Collekten veranstaltet und große Summen gespendet. Zunälfft erwirkte die Allianz die regierungsseitige Erlaubniß zum Durchzuge und erbat und erhielt von der Donau-Dampfjchifffahrtsgesellschaft, der Fünfkirchen- Bacher Eisenbahn, der Südbahn und dem Lloyd ermäßigte Fahrpreise. Der Lloyd stellte ein Extraschiff zar Verfügung, die Bahnen boten für Kranke u. s. w. jegliche Berücksichtigung. Man avisirte dann die Gemeinden an den Hauptstationen der Umladung, andere Orte thaten ungebeten das Ihrige. An der Grenze erwarteten zwei sprachkundige Führer die Flüchtlinge und begleiteten sie bis Triest. „Und so brachen sie auf von Bukarest und kamen nach Pitesti" — am 17. Oktober. Schon in dieser kleinen Stadt waren die Israeliten am Bahnyof und brachten Lebensmittel in Menge. Dann nach Crajowa. Da waren Tische gedeckt, der Rabbiner setzte sich nebst mehreren angesehenen Einheimischen mit den Flüchtlingen zur Tafel und hielt nachher eine Ansprache ‘TDDi? und zum Preise der Brüderlichkeit. Da der Zug erst um 1J Uhr Abends an die Donau-Station gelangte, so reisten 10 Personen von Crajowa mit, um beim Einschiffen behülflich zu sein. Massen von Speisen und Fässer voll Wein wurden mitgegeben. So gings zu Schiff von Orsooa nach Mohacs. Daselbst war die halbe Bevöllkerung zusammengeströmt, Juden und Christen; die Ungarn waren enthusiasmirt, Flüche gegen Russen und Bulgaren, Eljens den Türken und Juden, aber auch Thronen des Mitleids und Gaben an Geld, Speisen und Kleidern. Noch großartiger war Alles in der großen Gemeinde Fünfkirchen. Wieder Theilnahme der ganzen Bevölkerung, der Bürgermeister an der Spitze. Das Schiff wurde beladen mit Kisten voll Wäsche und Kleidern. Frauen der besten Stände badeten die Kinder und pflegten sie. Rabb. Or. Kohut hielt in der Synagoge einen feierlichen Gottesdienst mit den Wanderern ad, und dann wurde eine beträchtliche Summe ausgelheilt. Wieder in Groß - Kanischa fand Bewirthung, Spende und Geldvertheilung statt, jeder Erwachsene erhielt hier 10 Frcs., jedes Kind 5. — So ging es weiter nach Triest. (Ueber den Empfang u. s. w. in Triest s. ausführlich in N. 45. Wir tragen nur nach, daß die Ankömmlinge zuerst in die portugiesische Synagoge geführt wurden und dort Birkath hagomel sprachen, worauf Rabbiner Melli in ihrer Sprache eine Anrede an sie hielt.) Schließlich noch Eins. Unter den Flüchtlingen befand sich ein Grieche aus Janina, Namens Kostantino, der sich ebenfalls, aus der Balkangegend fliehend, den Juden angeschlossen hatte. Er hielt sich Anfangs zurück, aber schon in Fünfkirchen wurde er auf's Freundlichste herangezogen, erhielt nicht nur selbstverständlich an Speise und Trank, sondern auch au allen Geldspenden vollen Antheil nnd wurde dann, ebenfalls frei, auf seinen Wunsch nach Corfu, wo er Verwandte hat, sperrt. So haben überall Alle ihr Bestes gethan, die Allianz ül Wien aber hat durch Einrichtung des Ganzen, umsichtige Fürsorge für die ganze Reise — so z. B. auch für das Nachtquartier in Laibach, wo keine Juden Hülfe bringen konnten — ein Werk gethan, an dem sie sich erfreuen kann. Natürlrch boten die aus dem Exil Heimkehrenden selbst, durch so so viel Liebe erquickt und neu belebt, nun einen herzerhebenden Anblick. Niederlande. Brüssel. Die Friedhofsangelegenheit nimmt eine für die Israeliten sehr bedenkliche Wendung. Der Stadtrath hat das Gesuch wegen Einräumung einer besonderen Abtheilung für Israeliten auf dem allgemeinen Begräbnißplatz abgelehnt. Es sei gegen die Verfassung und die Gesetze. An anderen Orten in Belgien findet nian das nicht und läßt die Juden in ruhigem Besitz ihrer Grabstättten. Auf eine Prüfung der belgischen Gesetze haben wir nicht einzugehen, äußerst gefährlich sind aber die Consequenzen eines solchen Radikalismus. Wenn man sagt, die confessionelle Trennung der Friedhöfe führt zu Intoleranz, so ist der nächste Schritt die Erklärung, daß lue Verschiedenheit der Confessionen überhaupt zu Intoleranz und zu Streitigkeiten führt (oder führen kann, was ja am Ende unbestreitbar ist); und daraus resultirt dann entweder die Glaubenseinheit: es wird nur eine Confession geduldet — oder die Glaubens Verneinung, bic A bfchaffu ng der Religion; damit ist man bei 1793 angelangt. Wir haben schon gesagt, daß es sich in Belgien nicht' um die Juden handelt, sondern um den Kampf zwischen Radikalismus und Klerikalismus; der Kampf soll bis auf's Messer geführt werden, die Katholiken sind an einer sehr verwundbaren Stelle angegriffen, die Juden werden, unseres Erachtens, den Ausgang resignirt abwarten müssen. — Daß die jüdischen Blätter in allen Ländern sich gegen die belgischen Radikalen aussprechen, ist natürlich, aber ein direkter Nutzen ist von dieser Theilnahme und diesen Auslassungen nicht zu erwarten. Warum sehen die belgischen Liveralen nicht auf Amerika, wo man sich doch auch auf Freiheit und' speciell Religionsfreiheit ein wenig versteht, eben darum aber in keiner Weise Zwang und Gewissensdruck übt, und Jeder der zahllosen Sekten im Leben Gotteshaus und Gottesdienst, im Tode eigenen Friedhof unbehelligt beläßt? Betrübend ist aber auch die Wahrnehmung, daß (soviel wir wissen) in Belgien einzig und allein ein Privatmann, Hr. L. Kahn, die Sache des Judenthums in dieser Frage publizistisch in Broschüren und Journalartikeln verficht. Noch trauriger aber ist es, daß Juden direkt zu dieser radikalen Judenverfolgung ermuthigen. Da soll, nach „Univ. Jsr.", ein Israelit, doch wohl ein einflußreicher, geäußert haben: „Wir essen, trinken, leben mit ihnen, warum sollen wir uns nicht bei ihnen begraben lassen?" — Als ob es sich, von dem doch nicht allgemeinen zutreffenden „Wir" abgesehen, hier um eine feindselige Absonderung handelte und nicht lediglich um die bleibende Ruhestätte und um die Unvermeidlichkeit der uns fremden Symbole? — Ein anderer Jüdewein gewisser Prins, Advokat, hat in einem Zeitungs- ArtikMuicht nnr die Gesetzlichkeit der Schritte des Sladtraths verttzöWt, sondern sich zu dem seltsamen Satze verstiegen: „SotuM^rnan einen confessionellen Friedhof zuläßt, ist die Beerdigung nicht mehr bürgerlicher Akt, sondern religiöser, und der Friedhof wird, wie vor der Revolution, ein geheiligter Ort." — Nun, und wenn dem so ist, was ist's dann Uebles?! Uebel ist's, daß dieser Jude dem Judenthum direkt Intoleranz vorwirft und dabei auf den Bann gegen Spinoza und den in Sandez unlängst ansgesprochenen hinweist. — Herr Kahn hat auf den Artikel geantwortet; die Jndspendance aber „bleibt dabei: positive Religion ist gleichbedeutend mit Intoleranz" — und weist damit alle Erörterung Kahn's ab. Ist damit nicht klar gesagt, daß man die positive Religion überhaupt ausrotten muß? Also das alte Ecrasez Tinfame! Warum denn nur in Betreff der Todten?! — Die klerikalen Bäume werden nicht in den Himmel wachsen — auch nicht wieder zu Scheiterhaufen verwendet werden; aber die radikalen ebensowenig.