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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-11-28 · N° 48. (28.11.1877) · p. Seite 376

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 48. (28.11.1877)
Date
1877-11-28
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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— 376 weis geliefert wäre, daß die Stifter die Absicht gehabt haben, die Juden von dem Stipendiengenufse auszuschließen, sei denselben die Berechtigung dazu abzusprechen. Nun sei zwar so viel anzue kennen, daß eine solche Absicht bei den Besitzern wahrscheinlich vorgewaltet habe; die feste juristische Überzeugung, welche nur aus solchen Thatsachen, welche mit Nothwendigkeit auf die bereite Absicht der Stiftung Hinweisen, sich construiren lasse, liege aber nicht vor. Den Juden sei durch die Aufnahme der sie ausschließenden Bestimmung des § 13 des Regulativs Unrecht geschehen und der Herr Minister für die geistlichen Angelegenheiten sei befugt und verpflichtet, das Unrecht durch Beseitigung der fraglichen Bestimmung gut zu machen. — Die Commission beschloß mit 9 gegen 4 Stimmen Ueberweisung der Petition zur Berücksichtigung. W. Berlin, 20 November. (Or.-Corr) Seitdem von dem Vorstande der jüd. Gemeinde „die Uebersicht über den Haushalt in den Jahren 1873 bis 1876" und die Einladung zu der Repräsentanten Ergänzungswahl für den 29. d. Mts. an die Gemeindemitglieder versandt worden ist, macht sich in der Louisenstadt — einem sehr ausgedehnten Stadttheile, der ziemlich entfernt vom Centrum der Stadt liegt — eine recht lebhafte Agitation bemerkbar. Dieser Stadttheil, der in den letzten 6—8 Jahren einen großen Aufschwung genommen hat, und in dem über 1000 st euer zahlende jüdische Familien wohnen, ist von Seiten des Vorstandes sehr stiefmütterlich behandelt worden. Man ist namentlich darüber sehr ungehalten, daß alle Anstrengungen, in genannter Gegend ein Gotteshaus errichtet zu sehen, sich bisher als vergeblich erwiesen haben, und will daher bei der bevorstehenden Wahl seine Stimme nur solchen Candidaten geben, welche sich verpflichten, für die baldige Erbauung einer Synagoge in der Louisenstadl wirken zu wollen. Es liegt uns ein Aufruf vor, der zu einer großen Versammlung für Donnerstag, 22. c., einladet, welche bezwecken soll, „daß die Stimmen so vieler Tausend Glaubensgenossen in der Louisenstadt nicht länger ungehört bleiben sollen " Ob diese Versammlung den erwüschten Zweck erreichen wird, ist fraglich. Wir glauben uns nicht zu täuschen, wenn wir vermuthen, daß diese Agitation nur in Scene gesetzt ist, um den Ehrgeiz einiger Männer, die in das Repräsentanten-Collegium gewählt sein wollen, zu nnterstützen und werden„die Interessen dieses Stadttheiles"wohl damit befriedigt werden, daß man 2 oder 3 Herren aus dieser Gegend auf die jetzige Candidaten-Liste setzen wird. Ob die Louisenstadt dadurch schneller zu einem Gotteshause kominen wird, wird die Zeit lehren. Damit die jüd. Bewohner der Louisenstadt jedoch, ungeachtet der Vernachlässigung Seitens des Gemeinde- Vorstandes, im Stande sind, den nöthigen Gottesdienst in ihrer Gegend abhalten zu können, besteht seit ca. 5 Jahren daselbst „der Brüderverein D'JH nunx", welcher außer dem regelmäßigen Gottesdienst mit Predigt an Sabbath- und Festlagen es auch, Dank der Bemühungen seines Vorstandes (der HH. Klein, Egers, Rewald, Rahmer u. a.) dahin gabracht hat, daß auch an den Wochentagen früh und Abends, stets Gottesdienst stattfindet. Der Verein unterhält auch eine Religionsschule und zählt ungefähr 150 Mitglieder. Diese Zahl könnte sich leicht auf das Doppelte erhöhen, wenn in der Louisenstadt ein genügend großer Saal vorhanden wäre, der sich für .seine Zwecke eignete. Sollte die große und reiche jüd. Gemeinde Berlins auch im nächsten Jahre mit dem Bau einer Synagoge in diesem Stadttheil nicht vorgehen wollen oder nicht die Mittel dazu finden (während sie z. B. im vorigen Jahre nur die geringe Summe von 13,465 Mark für Reparaturen an den Kuppeln der neuen Synagoge verausgabte!), so wird der obengenannte Verein wohl allein mit dem Bau eines Gotteshauses vorgehen müssen. Wir sind überzeugt, daß ihm das gelingen muß und daß sich noch echt jüdische Männer finden werden, die ihm die Mittel vorstrecken werden, um diesem gewaltigen Nothstande abzuhelfen. Und es ist wahrlich ein Nolhstand und eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn Tausend Familien, welche ihre regelmäßigen Steuern zu allen Gemeindebedürfnissen beitragen, nicht wissen, wo sie ihren Gottesdienst abhalten sollen, wenn sie nicht gerade eine Stunde Weges nach der neuen Synagog gehen wollen! (s. „Neueste.") Berlin. Den Juden und Liberalen gegenüber haben die Herren Nlenoorf und Genossen den Sommer hindurch Schonzeit geübt, mit der Einkehr der langen Winterabende haben sie aber ihre Hetze wieder ausgenommen und versammeln sich allvierzehntäglich in einem Bierlokal in der Kommandantenstraße, um für die Gehaßten Scheiterhaufen zu errichten. Nicht uninteressant dürfte es den Lesern sein, zu erfahren, daß ein gewisser Herr Oberlehrer Di-. Keck derselbe, der vor noch nicht einem Jahre sich als Kandidat der Fortschrittspartei aufspielte und eine sehr radikale Kandidatenrede hielt, jetzt zum Niendorf'schen Convent gehört. Am jüngsten Dienstag war die Gesellschaft wieder einmal beisammen, um den ganzen Liberalismus und Judaismus mitsummt ihrer Presse zum so und so vielten Riale in Acht und Bann zu thun. Die liberale Presse und die liberalen Abgeordneten wurden für alle vorkommenden Verbrechen verantwortlich gemacht und Aufhebung der Redefreiheit der Abgeordneten, sowie die Aufhebung der Preßfreiheit als Abhülfsmittel dagegen vorgeschlagen. Geradezu komisch war es, daß gerade der bekannte Weihnachts-Wanderer Herr Niendorf sich über die Bestechlichkeit der Presse mit großem Aufwand sittlicher Entrüstung äußerte und bei dieser Gelegenheit daran erinnerte: „v. Triglaff- Trützschler habe 1848 gesagt:*) er wolle die Preßfreiheit, aber den Galgen daneben." Ein Herr Baumgarten machte den Vorschlag (wortgetreu): „Bismarck sollte die Abgeordneten zum Teufel jagen und selbstständig regieren." (Und der Kaiser? der reine unzurechnungsfähige.Hochverrath! R. d. I. W.) Es wurde beschlossen, in einer der nächsten Versammlungen, alle diese Vorschläge zum Gegenstände einer an das Reichskanzleramt zu richtenden Petition zu verarbeiten. — Jeder blamirt sich eben, so gut wie er kann. (I. Pr.) . Breslau. Der Redacteur der „Schlesischen Volkszeitung" hatte, wie in d. Bl. berichtet worden, in einem gegen das Treiben der Schacher- und Talmudjuden gerichteten Artikel diese Kategorie beschimpft und war demzufolge wegen öffentlicher Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft auf Grund des § 166 des Strafgesetzbuchs angeklagt worden. Das Appellalionsgericht zu Breslau verurtheilte den Angeklagten zu einer Gefängnißstraße, und die von diesem eingelegte Nichtigkeitsbeschwerde, in welcher er betonte, nicht die jüdische Religionsgesellschaft, sondern die Schacher- und Talmudjuden als verschiedene Richtungen innerhalb des Judenthuins beschimpft zu haben, wurde vom Obertribunal durch Eckennlnißvom25. October 1877 zurückgewiesen, indem es molimrend ausführte: „Ob unter den Schacher- und Talmudjuden, von welchen in dem Artikel die Rede ist. nur verschiedene Richtungen innerhalb des Judenthums oder ob darunter die ganze jüdische Religionsgesellschaft zu verstehen sei, ist eine Auslegung- und insofern eine Thatsachenfrage, deren Beantwortung von der Nichtigkeitsbeschwerde nicht mit Erfolg angegriffen werden kann, falls die von den Jnstanzenrichtern für ihre Auslegung geltend gemachten Gründe nicht über das thatsächliche Gebiet hinausreichen, was hier nicht der Fall ist." Oesterreich. Wien, 15. November. (Or.-Corr.) Die Rückführung der bulgarischen Flüchtlinge ist glücklich beendet, die Unglücklichen sind wohlbehalten in Constantinopel angelangl. Wohl war es eine traurige Reise, wohl hat man herzzerreißende Szeiren erblickt, aber dennoch, wie paradox es auch klingen mag, rst der Zug der Elenden ein Triumphzug — der israelitischen Brüderlichkeit und Milüthätigkeit gewesen. Auch Ihr Blatt hat von einzelnen Orten Mittheilungen über Begebnisse während der Uebersieoelung gebracht, aber eine kurze *) Das war übrigens nicht 1848, sondern 1847 im vereinigten Landtage, und es war nicht ein Triglaff-Trützschler, sondern von Lhadden- Triglaff. (Red. d. I. Woch.)

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