Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 48. (28.11.1877)
- Date
- 1877-11-28
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Als der König wiederholentlich für diese Ansprache gedankt hatte, wurden ihm zuerst die Commissionsmitglieder und die Gäste rasch und präcis durch den Präsidenten vorgestellt: Moritz Wahrmaun, Alexander Leopold, Ignatz Eisenstädter deBuzias, welche letzteren aus der Provinz hierhergeeilt waren, Armin Neuwelt, der Präses der Pester Gemeinde, Samuel Deutsch, Julius Wolfner, Alexander Wahrmann, Dr. Goldziher, Daniel Pilitz, Oberrabb. Dt. Hirsch aus Alt-Ofen, Dr. Rafael Goldberg aus Ofen, Rabb. Pollak, Dr. M. Kayserling und Dr. Samuel Kohn. An den Abgeordneten Moritz Wahrmann richtete der König einige Fragen. Hierauf wurde der Lehrkörper vorgestellt, den Se. Majestät durch wiederholte Anrede einzelner Mitglieder auszeichnete. So wurden Hr. Rabb Brill und Hr. Prof. Bacher in ungarischer Sprache mit je einer Frage angeredet. Rabb. Bloch durfte seinen frühereil Wirkungskreis bezeichnen, Prof. Kaufmann seine Unterrichtsgegenstünde und seine Heimath angeben. Hierauf wurde der König die Stufen empor in den rechts zum Tempel leitenden Gang geführt. In der kleinen, aber herrlichen Synagoge angelangt, hieß er den ihn begleitenden Präsidenten das Haupt bedecken, was auch die am Eingang ihn erwartende Versammlung gethan hatte. Feierlich erbrausten die Klänge des Pester Tempelchors von der Gallerte herab, die markige Stimme des Oberkantors Friedmann Allen voran, alle Lichter waren angezündet, die heilige Lade, an welcher der Tempelvorsteher Hr. Jakob Deutsch aufgestellt war, offenbarte ihren reichgeschmückten Schatz, als der Monarch und seine Begleitung eintrat. Sichtlich erfreut stand er da während des ganzen Chorals, dem das Kaiserlied sich anschloß, als Sr. Majestät mit dem Gefolge sich bereits nach der Lehrerpräparandie im links gelegenen Gange sich begeben hatte. Der Chor war von ihm selber im Tempel als vortrefflich bezeichnet worden. In der durch die meisterhafte Leitung des Directors Heinrich D e u t s ch zu einer Musteranstalt erhobenen Präparandie, über deren zahlreichen Besuch — gegenwärtig 96 Schüler — der König seine Verwunderung aussprach, wurden im Erdgeschoß eine Klasse der Uebungs- und Musterschule und der Turnsaal besichtigt. In der ersteren richtete der König an den Lehrer Herrn Stern die Frage, ob die Kleinen ihm viel Plage verursachen, in dem vollkommen eingerichteten Turnsaale erfreute er sich an den durch Herrn Bockelberg mit 16 Schülern aufgeführten, vorzüglich gelungenen Uebungen. Im ersten Stockwerk, das ganz der Präparandie eingeräumt ist, verweilte Se. Majestät, vom Director Deutsch geleitet, nur im Zeichensaale (Lehrer: Herr Schwarz), indem er über die Leistungen der Schüler sich sehr anerkennend aussprach. Mittlerweile hatten sich die Seminarlehrer in ihre Klassen verfügt. Der VI. Gymnasialklasse, d. i. der zweiten Klasse der unteren Abtheilung, galt der erste Besuch. Hier waren neben den Schülern die Proff. Bloch, Kaufmann und Julius Ko nt ausgestellt. Der Klassenvorstand Pros. Kaufmann hatte einige Fragen über die Bedeutung des Gymnasiums im Plane der Anstalt, über die Vollständigkeit des Gymnasialunterrichts u. s. w. zu beantworten. Mit der gewinnendsten Schlichtheit und einer sofort Vertrauen einflößenden Freundlichkeit wandte sich der Monarch auch an die einzelnen Schüler, die er nach ihrer Heimath, nach der Muttersprache und dem früher besuchten Gymnasiunl in ungarischen Worten befragte. In der ersten Klasse der Unterabtheilung erwarteten die Proff. Brill, B üno c si und S i m o n yi seinen Besuch. Auch hier richtete er an Lehrer und Schüler einige eingehende Fragen. In der Oberabtheilung befanden sich die Proff. Bacher und Deutsch, die er nach den von ihnen gelehrten Fächern fragte. Hier sowohl wie in der ersten Klasse beantworteten Lehrer und Schüler die ungarisch gestellten Fragen in der Landessprache. An der Thür des herrlichen, mittleren Bibliothekssaals erwartete den König der Bibliothekar Prof. Kaufmann allein. Als Se. Majestät beim Abschreiten der mächtigen und darum noch bedeutend lückenhaften Bücherschränke die Frage stellte, ob sich auch Seltenheiten in der Sammlung befänden, geleitete ' ihn der Bibliothekar an einen mit Jncunabeln, seltenen Ausgaben und Handschriften bedeckten Tisch, unter dessen Schätzen besonders die Mischna mit dem Commentar Maimuni's (Neapel 1484) und das Unicum der Bibliothek, das Fragment des SifrLcommentars von Abraham b. David (Constantinopel?) der allerhöchsten Aufmerksamkeit gewürdigt wurden. Hier eröffnete auch Se. Majestät das bereitliegende Fremdenbuch der Anstalt in huldvoller Bereitwilligkeit mit seinem ungarischen Namenszuge; Ferencz Jozsef. Die Person des verewigten Sammlers, Lelio della Torre, der Charakter seiner Sammlung, die deutschen und italienischen Bestandtheile derselben, waren noch der Gegenstand einzelner Fragen, die der Bibliothekar zu beantworten hatte, während der Monarch die verschiedenen Abtheilungen der Bücher musterte. Aus dem Bibliothekssaale trat er ins Lesezimmer, auf dessen Tische die Baupläne der Anstalt ausgestellt waren. Hier wurden die Architekten Kolbenheyer und Freund vorgestellt, denen der König seine Zufriedenheit und Anerkennung aussprach. Besonderes Lob fanden die Synagoge und die Säle der Biblio-; thek. Die Aeußerung, daß die Nichtüberschreitung des Präliminars bei einem Staatsbau selten genug und darum besonders erfreulich sei, beweist am Beredtesten den höchsten Ortes der Anstalt beigemessenen Charakter und verfehlte nicht, unter den Anwesenden freudige Heiterkeit zu erregen. Während der ganzen Dauer seines Aufenthalts im Gebäude hatte der König den ihn begleitenden Präsidenten durch freundliche Anreden ausgezeichnet. Als dieser nun nach vollendetem Rundgang, der nahezu eine halbe Stunde in Anspruch genommen hatte, im Vestibül seinen ehrfurchtsvollen Dank aussprach, dankte der Monarch ihm sowohl wie dem Vorsitzenden des Profefforencollegiums, Herrn Rabb. Bloch, dem er zugleich seine Freude über den Besuch der Anstalt ausdrückte. In kurzen Worten versprach dieser im Namen des Lehrerkörpers, den allerhöchsten Erwartungen nach Kräften Nachkommen zu wollen. An den Präsidenten Schweiger richtete der König vor seinem Austritte aus dem Gebäude folgende Worte: „Das Institut hat mich mit besonderer Befriedigung erfüllt. Ich hoffe und erwarte, daß dasselbe in patriotischem Geiste geleitet werden wird. Halten Sie sich meiner Unterstützung stets versichert" —, worauf der Präsident mit den Worten erwiderte: „Die Anstalt muß erblühen, wenn sie des allerhöchsten Schutzes in diesem Maße sich erfreut." „Auch Ihnen danke ich," rief jetzt der König dem Minister Trefort zu. — Von den Stockwerken herab donnerten die Lljenrufe durch das Gebäude, als Se. Majestät den offenen, nur mit zwei Eisenschimmmeln bespannten Staatswaj gen bestieg und nach allen Seiten wiederholentlich grüßend? mit seinem Gefolge durch die Hollundergaffe seiner Burg in j Ofen zufuhr. j Die Bedeutung dieses Besuches reicht weit über die - flüchtige Stunde hinaus. Auf allen Gesichtern war denn auch die Freude darüber zu lesen, daß Alles in der vorzüglichsten - Ordnung verlaufen war und keinerlei Unfall den Einklang des seltenen Festes störte. Wenn man es Dank der beispiellosen Schlichtheit des hohen Gastes während seiner Anwesenheit kaum empfunden hatte, daß das Haus einen König beherberge, so machte sich jetzt nach seinem Abschiede das freudige Bewußtsein geltend, welche unvergleichliche Auszeichnung der jungen Anstalt und mit ihr der ungarischen Judenheit so eben zu Theil geworden war. Neben dem 4. Oktober wird in der Geschichte dieses Gebäudes der 15. November 1877 stehen. Das Siegel des Königs war jetzt der Urkunde aufgedrückt worden, die an jenem Tage ausgestellt wurde; was damals eröffnet wurde, erst jetzt ist es rechtskräftig und lebensfähig geworden. Der Zeitabschnitt der Kämpfe ist beschloffen, es beginnt die Periode des Bestehens und Blühens. „Hebe dich hinweg, Hinderer, Gott hat dich; abgewehrt!" — so scholl es gleichsam vernehmlich durch die Räume. Ueber den Vereitelungsversuchen hat sich das I Grab geschloffen, der frischen Thätigkeit gehört fortan! die Gegenwart und Zukunft. Man wird darum füg-