Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 47. (21.11.1877)
- Date
- 1877-11-21
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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*VS1» — 368 / worden, der bei der Schwierigkeit, ihn ganz zu ersetzen, noch lange nachempfunden werden muß. Der in weiten Kreisen bekannte und hochgeschätzte Herr Moses Borchert, das unermüdlich thätige Mitglied mehrerer mit Gemeindeangelegenheiten betrauten Commissionen, der langjährige Vorsitzende der isr. Kranken-Verpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft — ist nicht mehr. Die hervorragende Pflichttreue und seltene Geschäftskenntniß, mit denen er seinem Amte Vorstand, die ihm auch mit seltenen: Erfolge die übernommenen Aufgaben durchführen ließen, sichern ihm ein dauerndes und ehrenvolles Andenken in hiesiger Gemeinde. 8. Aus Bayern, 11. November. (Or.-Corr.) Die „Jüdische Presse" in Berlin scheint in der Frankfurter Austritts- Angelegenheit noch immer nicht zur Ruhe kommen zu können. Das in jüngster Zeit erfolgte Ausschreiben, wonach für die Lei der Hauptgemeinde verbleibenden Orthodoxen ein Rabbiner angestellt werden soll, scheint dem Herrn Redacteur wieder stark zu Gemüthe gegangen zu sein. Er theilt in der jüngsten Nr. seiner Zeitung mit, daß ihm (!) so viele Anfragen über diese Stelle zugekommen seien, weshalb er eine Collectiv-Antwort ertheilte. In dieser Collectiv-Antwort gibt derselbe die Essenz seiner alten 6—7 Artikel in diesem Betreffe zum Besten. Es scheint also, daß, nachdem die Stelle kaum ausgeschrieben war, viele Candidaten sich an die „Frankfurter Filiale" in Berlin um Rath gewendet haben (?), oder es müßte die Redaction Rath erlheilt haben, ohne befragt worden zu sein. Soviel steht jedenfalls fest, daß alle Diejenigen, welche als Bewerber um diese Stelle auftreten wollen, die Broschüren in dieser Angelegenheit xro & contra gelesen haben. Auch werden dieselben sicher wissen, daß man im Lager der „Jüd. Presse" Partei für die Nichtausgetretenen*) ergriffen hat, obwohl man in eben diesem Lager auf die Gefahr beschuldigt zu werden, „daß alles Religiöse ihnen nur beliebig durcheinander quirlirendes Formenspiel ist", bis heut noch keinen Fuß aufgehoben hat, um auszutreten. Und wenn nun sich Leute finden weroen, die mit gutem Gewissen und im Bewußtsein, daß sich hier ein schöner Wirkungskreis für Thora, Abodah und Gemiluth Chesed findet, sich dennoch melden wollen, glaubt da die Redaction der „Jüd. Presse" die Bewerber abwendig zu machen? Oder will sie nur die Gunst der Hirsch'schen Partei sich wieoererwerben? —u— Aus Bayern, im November. Der „Augsburger Abendz." entnehmen wir die nachstehende Anekdote aus dem Leben des kürzlich verstorbenen Erzbischofs Gregorius von München-Freising, bekanntlich des höchsten kirchlichen Würdenträgers im Königreiche und seinerzeiligen Excommunicators Döllingers, Froschammers u. A.: „Als Erzbischof war Herr v. Scherr bekanntlich Mitglied der Reichsrathskammer, und Anfangs der Sechsziger Jahre (das genaue Datum wird sich ja leicht auffinden taffen) kanr an diese ein von der Regierung eingebrachter, von der anderen Kammer bereits angenommener Gesetzentwurf, durch welchen mehrfache Beschränkungen, denen die bayerischen Juden in Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte, namentlich die famose Ortsmatrikel, noch unterlagen, aufgehoben werden sollten. Die „hohen Herren" der ersten Kammer sprachen Mancherlei für und wider, und das Zünglein in der Waage schwankte; da erhob sich Erzbischof v. Scherr und mit ferner sonoren Baßstimme — nach der Erinnerung des Schreibers dieser Zeilen, eines sehr fleißigen Besuchers der Landtagssitzungen, war es das einzige Mal, daß sie in der Kammer gehört worden ist — sprach er die Worte: „Ich folge dem alten Sprichwort: Was Du nicht willst, das Dir geschieht, das thu' auch einem Andern nit! Mir wäre es auch nicht recht, wenn in irgend einem Lande der Welt unter ähnlichen Ausnahmsgesetzen meine Glaubensgenossen, die Katholiken, zu leiden hätten; demnach werde ich für die Vorlage stimmen." Dieses kurze Wort gab den Aus¬ *) Soll wohl heißen: der Ausgetretenen. (Red.) schlag, die Abstimmung entschied für die Befreiung der Juden. — Was Herr v. Scherr (fügt das genannte Blatt hinzu) als Theologe.geleistet und gethan, das zu beurtheilen ist nicht unsere Sache, aber daß er ein wohlwollendes, humanes und sogar — wenn der Papst es nicht ausdrücklich verboten hatte — ein tolerantes Herz in der Brust trug und darnach handelte, das soll durch die obige, durchaus wahrhafte Anekdote ins Gedächtniß zurückgerufen werden." Oesterreich. Wien, im Oct. Der 16. Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung mittelloser israel. Studirenden meldet zuvörderst, daß Herr Eduard Mannheimer sich veranlaßt sah, aus dem Vorstande des Vereins anszutreten. „In ihm," heißt es, „verlieren wir ein äußerst thätiges, ausopferndes Mitglied." An dessen Stelle wurde Herr Dr. Ludwig Fürth, Privat-Docent an der Wiener Universität, in den Vorstand gewählt. „Auch haben wir das Ableben eines auswärtigen unterstützenden Mitgliedes, des Herrn Dr. Albert Cohn in Paris, zu verzeichnen. Obwohl ferne von uns lebend, hat derselbe doch in richtiger Würdigung des Vereinszweckes denselben seit dessen Entstehen alljährlich unterstützt und denselben auch letztwillig bedacht. Der Verewigte dürfte vielen wohlhabenden Gemeinden zum Muster dienen, die, obwohl wir deren Angehörige reichlich jedes Jahr unterstützen, nicht das Geringste zu unserem Vereine beitragen, ja nicht eininal ein Wort des Dankes für ihn finden. „In diesem Vereinsjahre wurden 308 Gesuche vorgelegt, von welchen nach gewissenhafter Prüfung blos 239 berücksichtigt werden konnten. Unter diesen waren 95 Studirende der Medicin, 65 Hörer der Rechte, 7 Studirende der Philosophie 1 Lehramtscandidat und 71 Studirende der Technik. Dem Vaterlanoe nach waren 3 aus Wien, 2 aus Niederösterreich, 72 aus Ungarn, 73 aus Mähren, 42 aus Böhmen, 23 aus Galizien, 10 aus der Bukowina, 7 aus Rumänien, 3 aus österreich. Schlesien und je 2 aus Siebenbürgen und Croatien. An Spenden erhielten wir: Von der ersten österreichischen Spaarkasse fl. 100, Herr Baron Moritz v. Königswarter spendete zu Händen des löbl. Vorstandes der israel. Cultusgemeinde in Wien bei Gelegenheit der Wiedergenesung seines Sohnes zu Gunsten jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten fl. 1000, von welchen unser Verein fl. 200 erhielt. Aus dem Nachlasse des Herrn Albert Cohn erhielten wir 100 Francs. Aus dem Nachlasse des im Jahre 1874 verstorbenen Herrn Benno Lipschütz, der den 4. Theil desselben der Stadt Wien zu wohlthätigen Zwecken und die Hälfte davon der israel. Cultusgemeinde daselbst vermachte, erhielt der Verein fl. 500. Die Zahl der Petenten hat sich auch in diesem Jahre bedeutend vermehrt und freut es uns, constatiren zu können, daß wir unter denselben sehr viele würoige, mit den besten Zeugnissen versehene Studirende gefunden haben; wie überhaupt unser Verein bereits eine bedeutende Anzahl von Männern unterstützt hat, die heute mit Diplomen versehen, in einträglicher, angesehsner Stellung theils hier, theils in der Provinz leben, wobei wir nur wünschen würden, daß dieselben sich auch in ihrer jetzigen guten Stellung an unseren Verein in activer Weise erinnern möchten. Die Zeitverhältnisse sind derart, daß wir wohl nicht erst des Näheren auseinanderzusetzen nöthig haben, in welcher Nothlage sich heute unsere dürftige studirende Jugend befindet, so daß wir mit vollem Grunde uns an unsere verehrten Mitglieder mit ^der Bittte wenden dürfen, unserem Vereine auch weiter ihre Unterstützung freundlichst angedeihen zu lassen und uns in unserem Bestrebeu zu unterstützen, dem Vereine neue Kräfte (wir zählen jetzt blos 128 Mitglieder) und reichlichere Unterstützungen zuzuführen. Zum Glück ist der Verein aus früheren „besseren Tagen" im Besitze von Fonds, welche beinahe 1000 fl. Zinserträg-