Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 46. (14.11.1877)
- Date
- 1877-11-14
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583384-9583757--3344-9583759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 358 — Der Mensch hat den Beruf, im Haushalt der Natur die Thierwelt zu beherrschen und sie zu seinen Zwecken zu benutzen. Er sucht die schädlichen Thiere zu verdrängen, hingegen die ihm zur Nahrung dienenden oder anderweitigen Nutzen bringenden Thiere durch Zucht zu erhalten, zu veredeln und zu vermehren. Wir können diese Thätigkeit keineswegs als eine Eigenschaft, etwa als eine Folge seiner allgemein gottähnlichen Natur, sondern umgekehrt seine höhere Organisation lediglich als dem Zweck der Beherrschung des gesammten Thierreiches entsprechend betrachten. Wir sind zu dieser Annahme eben so berechtigt, als wir das Gestirn und namentlich die Sonne nur als Leuchtkörper zu betrachten haben. Anders verhält es sich mit der Pflanzen- und Thierwelt, von deren Functionen wir Nichts in der Genesis erfahren und deren Fortpflanzung nicht Zweck, sondern eine Eigenschaft darstellt, welche auch nach der Schöpfung dem Menschen als Segen beigelegt wird. Die Gottähnlichkeit des Menschen zeigt sich auch nur auf jenem angegebenen Gebiete, und müsien wir der Thier weit gegenüber als Halbgötter erscheinen, wenn wir durch künstliche Vorrichtungen sie in unsere Gewalt bringen, tödten. Die Erkenntniß von höheren Dingen bleibt uns nach wie vor verschlosien und noch ist trotz aller Erfindungen in das dunkle Geheimniß des „Lebens" kein Lichtstrahl gefallen, hier tappen wir heut noch ebenso blind umher, wie unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. (Wird fortgesetzt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Cassel, 7. Novbr. (Or.-Corr.) Die Mosenthal'schen Orden wollen noch immer nicht zur Ruhe kommen. Gespensterhaft wandern die Klagetöne von Cassel nach Wien, von Wien nach Mainz und von Mainz wieder nach Casiel. Der arme Mosenthal wäre noch im Jenseits zu bedauern, wenn er bei dieser Unruhe betheiligt wäre. Doch mag das wohl schwerlich der Fall sein. Im Olymp fragt kein Mensch mehr nach einem Orden, und gewiß blickt der verewigte Dichter von dort mit bedauerndem Lächeln auf die Unruhigen und Unruhestifter, in deren Augen die Orden solche Bedeutung haben, daß man deshalb — lügt und verläumdet. Aber wie? wenn im Hintergründe von den Correspondenten über die Ordensangelegenheit ein ganz anderer Zweck verfolgt würde? Daß die Familie Mosenthal's die Orden in der Synagoge gewünscht hätte, läßt sich allerdings nicht in Abrede stellen, auch wohl entschuldigen, aber man kann und darf sie weder für so dumm, noch für so schlecht halten, in der Weise gegen Landrabbinat und Landrabbinen vorzugehen, wie es in den Angriffen aus Wien (im „Israelit") geschieht. Es ist dieses Verfahren ein dummes zu nennen, denn wenn der Korrespondent selbst sagt, es wäre das Aufhängen der Orden nicht zulässig, wie kann ei denn dem Landrabbinate wegen seines Ausspruchs einen Vorwurf machen? Schlecht aber ist es, Dinge herunlzuziehen, die erstens damit in gar keiner Verbindung stehen und zweitens vollständig erlogen sind. So zu verfahren sind die Verwandten Mosenthal's, wie leid ihnen die Sache an sich auch thun mag, doch sicherlich nicht fähig. Sie sind weder dumm noch schlecht, und doch mußte man sie dafür erklären, wenn die Artikel aus Wien von ihnen ausgingen, weil hier in Cassel alle Welt weiß, daß die mit den Haaren herangezogenen Beschuldigungen gegen den Landrabbiner, wie bemerkt, durchaus unwahr sind! Es ist deshalb eine Vermuthnng aufgetaucht, welche viel Wahrscheinlichkeit hat. Wie? wenn der frühere Schwefelfaden zwischen Cassel und Mainz, der eine Explosion in der Gemeinde Cassel bewirken sollte, bei der ein Trümmerchen sich zur Gemeinde bilden und einem gewiffen Jemand ein Rabbinersitzchen verschaffen sollte; wie, wenn dieses damals vergeblich Versuchte jetzt in anderer Weise zu Stande zu bringen beabsichtigt würbe? Der Verdacht liegt so nahe; die Hypothese hebt und beseitigt so das Unbegreifliche des dummen und schlechten Verfahrens, daß er fast zur Gewißheit wird. Der Corresp. ist in Wien, thul, als ob er von Cassel aus instruirt wäre, berichtet gleichwohl offenkundiges Unwahre. Warum? Weil das Aushängen der Orden verweigert wurde? Sagt er doch selbst, es wäre, wenn es geschehen wäre, gesetzwidrig gewesen! Er zieht gegen die Reformen los! Was hat ein Corresp. in Wien für ein Jntereffe daran, die Reformen in Caffel zu besprechen? Er schmäht und verdächtigt den Landrabbiner vr. Adler, der doch dadurch, daß er die Anfrage der Gemeindeältesten an das Landrabbinat abgab, gegen den Vorwurf einer Gehässigkeit vollständig gedeckt ist? Er kommt nochmals auf die Reformen zurück und läßt nicht ab, seine lügenhaften Beschuldigungen zu wiederholen: zu welchem Zwecks? Nehmen wir aber an, der angebliche Wiener sei ein gewiffer Candidat, der eine Rabbinerstelle sucht, aber als ein Jünger der Separatisten-Rabbiner eine solche nur finden kann, wenn in einer größeren Gemeinde eine Spaltung bewirkt wird. Um eine solche Spaltung herbeizuführen, betrachtet er die Mißstimmung der Verwandten und Freunde Mosenthal's als eine günstige Gelegenheit, die man ausnutzen müffe: dann ist Alles klar und verständlich! Der Unwille wegen der Orden wird auf den Landrabbiner gelenkt; die Gegner der Reform werden neu aufgestachelt; die, wenn auch in religiöser Beziehung extremen Richtungen angehöcigen Gemeindemitglieder werden auf einen gemeinsamen Feind gehetzt, die Mine ist gelegt, und eine Sprenguug der Gemeinde vielleicht jetzt eher möglich, die dann zum Ziele führt und dem stellenlosen Candidaten eine Stelle verschafft. Freilich sind es niederträchtige Mittel, aber sind gewiffe Lente scrupulös, hinsichtlich der Mittel, wenn es gilt, ihren Zweck zu erreichen? Aber die Zustände sind in Cassel zu gesund, die Verhältniffe zu geordnet, das Band zwischen Rabbiner und Gemeinde, wie des Ersteren Jubiläumsfeier gezeigt hat, zu innig und fest, als daß ein solches schamlose Manöver Erfolg hätte haben können. Wenn der betreffende „Mann" so lange auf eine Anstellung warten will, bis er in Cassel eine Spaltung zu Stande gebracht hat, so wird er niemals — die er - sehnte Braut heimführen. (Wie wir einen hochachtbaren Theil der älteren Mitglieder der Familie des sel. Mosenthal von alter Zeit her zu kennen das Vergnügen haben, müssen wir es von vorn herein für unmöglich halten, daß sie an den Israelit - Correspondenzen auch nur den entferntesten Antheil haben könnten. Dieselben wiffen ja, daß dem wahrhaft kindlich harmlosen Gemüthe Salomo Mosenthal's nichts ferner gelegen haben könnte, als daß durch ihn und um seinetwillen, im Leben oder gar nach dem Tode, Kränkung, Verunglimpfung, Streit rc. entstehen sollte. Red.) Frankfurt a/M. Ueber die Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes, welche aus Anlaß der Rothschild-Hochzeit gemacht worden ist, enthält die „A. A. Z." nähere Angaben: „Die Freifrau Mathilde v. Rothschild, Gemahlin des Frhrn. Wilhelm Karl v. Rothschild, hat zum Andenken an ihren verstorbenen Vater, den Frhrn. Anselm Salomon v. Rothschild (geb. 29. Januar 1803 zu Frankfurt, gest. 27. Juli! 1874 zu Wien), eine nach dessen Namen genannte Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes mit einem Kapital von 250,000 Mark unter folgenden Modalitäten errichtet: Sie hat ihren Sitz und Gerichtsstand in Frankfurt, und die Bestimmung, unbemittelte junge Leute bei ihrer Ausbildung für ein höheres Gewerbe zu unterstützen, und zur Verbreitung eines künstlerischen Schaffens auf dem Gebiete des Gewerbefleißes beizutragen. Zu diesem Zwecke werden aus den Mitteln der Stiftung einerseits Schulgeld, Lehrgeld, Reisestipendien und