Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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354 — / mit einer Beschwerde an das Abgeordnetenhaus gewendet und beantragt zu erwirken, daß fortan die nicht christlichen Rittergutsbesitzer in Pommern in der Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte nicht durch veraltete Reglements gehindert werden, welche in direktem Widerspruch mit der Landes- und Neichsverfastung stehen. Es dürfte wohl kaum zweifelhaft sein, daß seine Beschwerde von Erfolg sein wird. Aus Lothringen. Die höheren Lothringischen Lehranstalten werden nach neuester Statistik von 585 katholischen, 475 evangelischen und 93 israelitischen Schülern besucht. Wien. Die israelitische Cultusgemeinde hat an das Ministerium den folgenden Taxen- und Gebühren-Entwurf für die außerhalb des Gemeindeverbandes lebenden, ihr jedoch in Ehe Angelegenheiten zugewiesenen Israeliten (der politischen Bezirke Korneuburg, Groß-Enzersdorf und Bruck an der Leitha) zur Genehniigung übermittelt, und zwar für das Ehe-Aufgebot 2 fl., für eine Trauung I. Elaste 62 fl. 50 kr., für eine Trauung II. Elaste 42 fl. 50 kr., für eine Trauung III. Elaste 27 fl. 50 kr., für eine Ehetrennung 60 fl. Wien. Der Cultusminister Dr. Stremeyer empfing vorige Woche eine Deputation der böhmischen Rabbinerversammlung (die DDr. Vogelstein und Maybaum), welche eine Denkschrift überreichte, worin gebeten wird, daß die böhm. Rabbiner nach 3jährigem Provisorium definitiv angestellt werden mögen, und daß denselben das Recht der Ehescheidung, sowie Manches bezüglich des Religionsunterrichts eingeräumt werde; den in kleineren Gemeinden angestellten Rabbinen gewähre der Staat eine Gehallsunterstützung. Der Minister versprach Alles in Erwägung zu ziehen. — In der Almosen-Büchse des hies. isr. Frauenvereins fand man jüngst eine Tausend Gulden-Rote ohne weitere Spur des edlen Spenders. (W. Isr.) — (Prediger-Mannheimer-Stiftung.) Diese Stiftung besitzt jetzt Effecten im Rominalwerthe von 20,400 fl. Die Zinsen dieser Effecten und die eingeflostenen Spenden, Beiträge rc. ermöglichten es dem Curatorium am 17. October, dem Geburtstage des verstorbenen Gründers, 1000 fl. an zwanzig Petenten (7 Lehrer, 6 Lehrerswitwen, 4 Rabbiners- Witwen, 2 Rabbiner und eine Predigerswitwe) zu vertheilen. Fünf erhielten je 100 fl., 5 je 50 und 10 je 25 fl. Aus Ungar». Ein greiser Großprobst aus dem Alföld — erzählt „Magyar Hirado" nahin am Donnerstag in Ofen Audienz bei dem Kaiser, um Gnade für — einen Juden flehend, welcher zu einjährigem Kerker verurtheilt wurde. Der Großprobst trug dem Kaiser vor, er kenne den Verurtheilten seit dreißig Jahren als braven, ehrlichen Menschen. Der Kaiser befragte den Bittsteller auf das Eingehendste und war sichtlich angenehm überrascht von dem schönen Charakterzuge des katholischen Prälaten. — Gewiß ein schöner Zug! Welch ausgezeichnet braver Mensch muß aber auch der Jude sein, für den der Prälat unter so eigenthümlichen Verhälrnisten sich verwendete! Aus Italien Ter „Ostervatore Romano" bringt unter der Ueberschrrft: Mildthätigkeit des Cardinals Sforza", Folgendes in Erinnerung: Bei Gelegenheit der Cholera von 1854 hatten die milden Gaben des Verstorbenen seine K-.ste erschöpft. Die Roth der Armen aber mranlaßte den Cardinal, sich an den Baron Adolph v. Rothschild zu wenden, um eine Anleihe von 12,000 Dukaten. Der Baron ließ sich nicht zweimal bitten. Die Dukaten wurden sofort in das Haus der Eminenz geschickt. Natürlich verwandte der Cardinal die Summe ganz zur Linderung des tausendfachen Elends. Die schlimme Zeit ging aber nach und nach vorüber, und der Cardinal brachte mit Mühe und Roth endlich wieder die obige Summe zusamnien, um sie demBaron v. Rothschild wiederzugeben. Als er sich aber nun zum Baron begab, um ihm die 12,000 Dukaten einzuhändigen, weigerte jener Banquier, der ein Jude war, sich, dieselben anzunehmen, mit den Worten: „Eminenz, Sie werden diese Summe zu anderen Liebeswerken verwenden, zu denen Ihnen die Gelegenheit nicht fehlen wird!" Paris. Bei den Wahlen am 14. October sind vier Israeliten wieder gewählt worden. Bamberger, Lisbonne, Ed. Millaud und Camille S6e. Zwei andere frühere jüdische Deputirte Adrian Läon und Raquet sind durchgefallen. — Raquet -war heftig bekämpft worden, unter Anderem hatte ein klerikales Blatt behauptet, sein Vater sei Rabbiner in Montpellier gewesen und auch Raquet selbst fungire als solcher. — Vidal Raquet antwortet in demselben Blatte u. A.: Ich bin Weinhändler und verkaufe solchen für cultuelle Zwecke, wie einige von Ihren Glaubensgenoffen Wein für die Messe verkaufen. Am meisten falsch unter allen Ihren Angaben ist aber Ihre Vergleichung zwischen Rabbinern und kathol. Priestern. Als wahrscheinlich wohlunterrichteter Mann müßten sie wiffen, daß die Rabbinen 1) sich verheirathen, 2) dem Vaterlande Kinder geben, 3) nicht blos mit dem Worte moralisiren, sondern auch durch die That, 4) sich nicht in Politik einmischen, 5) nie nach ihrem Tode Skandalprozeffe wie der Cardinal Antonelli Hinterlasten. London. „Jew. Chron." berichtet über eine in einer Monatsschrift erschienenen Abhandlung über die Halacha und Hagada von Kanonikus Farrar. Die Betrachtungen und Erörterungen über diese beiden Bestandtheile des Talmud sind in der Hauptsache richtig, auch in manchen Stücken recht anerkennend; dann aber bricht doch wieder die Geringschätzung durch, und es muß namentlich das Christenthunl um vieles höher gestellt werden Dies kann man nun im Allgemeinen dem Verfaster nicht gerade übel nehmen, die Art aber, wie er sich darüber ausspricht, ist zu possirlich, als daß wir nicht als Curiosum eine Mittheilung darüber machen sollten. Es genügt einen Satz anzusühren. Der Kanonikus sagt: „Es ist mehr Schönheit und Poesie in einem einzigen Buche von Homer, ja in einer einzigen Ooe von Horaz, als in der ganzen Mischnah, und es ist mehr philosophische Weisheit und Tiefe in einem einzigen Kapitel von Johannes oder Paulus, als in allen Folio-Bänden des Talmuds zusammen." Dagegen bemerkt „Jew. Chron." sehr richtig in Betreff des ersten Satzes, daß man so ungleiche Dinge, wie Homer und und Mischnah, gar nicht vergleichen könne, und daß dies ebenso unsinnig sei, als wenn man Jesaias und die Pandekten vergleichen, und die wunderbare Entdeckung machen wollte, daß in einem einzigen Psalm mehr Schönheit und Poesie liege, als in den ganzen Institutionen Justinian's. Tue Schriften Paulus würde jeder, wenn sie in den rabbinischen Dialekt übersetzt würden, für einen Midrasch halten, da sie ganz in besten Geist geschrieben seien. Johannes freilich fei nicht jüdisch, sondern alexandrinisch, auf seine „Tiefe" sind wir nicht neidisch. Feuilleton. Der Schwan von Toledo.*) Historische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. (Fortsetzung.) 2. Der 9. Ab. Ein Trauertag ist heute in Israel, es ist der 9. Ab. Zweimal ist dieser Tag gar verhängnißvoll für Israel schon gewesen. Es ist der Jahrestag, der Gedenktag an jenes unglückselige Ereigniß, welches dem jüdischen Volke seine Selbstständigkeit für immer raubte, — der Tag, an welchem zweimal der heilige Tempel zu Jerusalem in Schutt und Trümmer zusammenstürzte. Und wie sie auf der ganzen Erdrunde, wo immer auch nur zehn Judeu wohnen, sich an diesem Trauer- *) Nachdruck verboten. Uebersetzungsrecht Vorbehalten.