Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tage versammeln und ihre Klagelieder singen, so geschieht es auch im Bethause der Judengemeinde zu Toledo Die ganze Gemeinde hat sich eingefunden, die Häupter find beute nicht eingehüllt in den Tallit, in den weißen niederwallenden Gebetmantel, der sonst ihre Körper verdeckt, baarfüßig sitzen sie heule auf bem bloßen kalten Gesteine des Bethauses, das Gesicht zur Erde gesenkt, Gebete in klagendem Tone seufzend. Ja es ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes und darum fasten und beten sie, flehen Gott an, daß die zerstörte Gotlesstadt mit verjüngt aus Schutt und Trümmer emporsteige, gleich dem Vogel Phönix aus seiner Asche. Und wie sie so andächtig beten, und der ganze heilige Raum erfüllet ist von den Schmerzes- und Trauerklagen, da mit einem male stürzt eine Frau mit einem lauten Aufschrei in das Belhaus hinein. Unentschlossen eilen ihr die Versammelten entgegen, um sie zurückzuhalten von den Räumen, die nur für Männer bestimmt, doch eine gebietende Handbewegung dieser Unglücklichen macht sie scheu zurücktreten. „Was wollt Ihr, ruft sie mit markiger Stimme, rührt mich nicht an, das Unglück ist gefeit, drum weichet zurück. Mit Euch habe ich nichts zu schaffen, mit Euch nicht, denn Ihr seid nur armselige Erdenwürmer, mitleiderregende Creatuturen, die im Staube kriechen müssen, so lange bis Gott sie abberuft. Ich, ich habe mit ihm, dem Allgewaltigen, mit Gott allein zu sprechen und darum zurück! „Ja schaut mich nur staunend an, wundert euch nur darüber, und doch ifl's so! „Gekommen bin ich, um mit Gott zu sprechen, um Rechenschaft von ihm zu fordern! „Oder ist es etwa einer armen Mutter nicht gestattet, zu fragen, warum, ohne allen Grund, warum man ihr ihr einziges Kind raubt?!" Und abermals will sie nach vorwärts, die Stufen hinan, die zum Heiligthum führen. „Halt Weib! Zurück!" ruft der Rabbi der Gemeinde. ^,Wie darfst Du es wagen, hier einzudringen und solch gottlose Worte zu sprechen?" „Wie darfst Du es wagen, Rabbi, — ruft die Unglückliche hoheitsvoll im leidenschaftlichen Tone, mich aus dem Hause des Herrn verdrängen zu wollen?! „Ich bleibe, und nochmals rufe ich Euch zu, zurück ihr Alle, ich will Rechenschaft fordern von Gott!" Verzweiflungsvoll öffnet sie die Bundeslade, umklammert eine der Gesetzesrollen mit beiden Händen und drückt sie an ihre Lippen. „Ich halte sie fest diese Thora, und Niemand soll sie mir entreißen, diese Thora, die Du Allgewaltiger einst auf dem Berge Sinai Deinem auserwählten Volke gegeben hast, gegeben unter Blitz und Donner zum Zeichen, daß Du ein -eifervoller und doch doch ein allliebender Gott seiest. tt ,/Ach! Du bist auch ein strafender Gott, aber warum, warum, wofür strafst Du mich?! „Habe ich diese Deine Gesetze, diese Deine Gebote nicht geachtet, nicht heilig gehalten, nicht befolgt?! Habe ich diese Deine Gebote nicht meinem Kinde gelehrt, es nicht zur Frömmigkeit und Gottesfurcht erzogen?! Habe ich nicht gelebt wie es der Frau eines echten wahren Juden zukommt?! „Wofür strafst Du mich? nimmst mir mein Fleisch und Blut, nimmst mir mein Einziges was ich auf Erden besitze? „Nimm mein Vermögen mir, mit Freuden gebe ich's hin, will nakt und arm von Stadt zu Sradt, von Land zu Land, von eineni Theil der Welt zum andern mit meinem Kinde ziehen, will betteln für den Lebensunterhalt, nur laß mir mein Kind, laß mir mein Kind! „Und willst Du mir meine Bitte nicht gewähren, willst mein Flehen nicht erhören, willst meinen Sohn Du mir nimmer geben, dann schleudre Deinen flammenden Blitz auch auf mich nieder, auf daß er mich zermalme und zu Asche brenne, denn nichts weiter Hab ich hier noch zu schaffen auf Erden, wenn Du mir mein Kind genommen! — Ich will nicht leben, ich will nicht, nimm dieses mein Leben wieder zurück, nimm es zurück dieses mich quälende Gnadengeschenk!" Da mit einmal befällt ein Zittern den ganzen Körper des armen bis zum Wahnsinn aufgeregten Weibes und lautlos bricht sie vor ver Thora zusammen. Und seltsam, Keiner der Anwesenden nähert sich ihr. Alle harren lautlos in heiliger Scheu! Hat Gott dies Weib für ihren großen Frevel schon gestraft, ist sie bereits im Reiche der Todten?! Nein! sie lebt, sie erhebt sich vom Boden, ihr Antlitz ist verklärt, überirdisch. Ihr Auge ist starr gegen den Himmel gerichtet, als sehe sie denselben geöffnet, als höre sie seltsam geheimnißvolle nur ihr allein verständliche Worte. „Stille, stille," flüsterte sie leise, „hört ihr das Rauschen und Schwingen, hört ihr Musik und Gesang, es sind die Engel im Himmel, die den Allmächtigen lobpreisen." „Stille, stille, die Wolken zerreißen, der Himmel öffnet sich, und ich sehe im Strahlenglanze den Allgewaltigen, und all das Licht, das ausströmmt, es blendet meine Augen, es blendet meine Sinne, es macht das Herz mir stille stehen. Ich sehe ihn und seh' ihn nicht, ich höre seine Stimme und doch tönts nur in meinen Ohren wie das Rollen des Donners. „Hört ihr's, vernehmt ihr die Worte: Geh heim Du arme Mutter, Dein Jammer, all Dein Herzeleid, sie haben gerührt den Ewigen. Dein Sohn kehrt wieder aus der grausen Nacht des vermeintlichen Todes. „Jehuda lebt!" schrie plötzlich das Weib und mit stürmischer Gewalt eilte sie aus den Bethause, ihr nach die ganze Gemeinde. Jetzt steht sie vor der Thüre ihres Hauses, und jetzt erlahmt die übernatürliche Kraft, welche in dem Körper dieser Frau gewohnt hatte. Ihre Kniee wanken und mit beiden Händen klammert sie sich an die Pfosten der Thüre, während ihr Kopf schwer auf die Mesusa auflehnt, die dortselbst befestigt ist. Sie getraut sich nicht einzutreten. Findet sie in dem Gemache, welches sie vorher verlaffen, den todten Sohn, oder den lebenden, wie ihr jene geistige Stimme im Bethause zugerufen? Da wird die Tyüre geöffnet, und die arme Mutter schlägt den Blick auf. Und wie sie hinschaut aufs Krankenbett, aufs Todtenlager, da sieht sie die blondgelockte kleine Rebecca in der Nähe des Bettes sitzen, und in diesem liegt Jehuda mit offenen Augen, athmend, lebend. „Jehuda!" Dieser einzige Ton war es, der über ihre Lippen kam, dann schloffen sich ihre Augen und kraftlos brach sie in sich selbst zusammen. Und der zum Leben wiedererwachte Jehuda richtete seine Augen dem Himmel zu, und mit einer Stimme, die aus der 1 anderen Welt zn kommen schien, begann er zu sprechen. Es war eine unendlich klagende wehmüthige Stimme, und klagend wehmüthige Worte waren es auch, welche immer und immer wieder über die Lippen des bleichen Jünglings drangen. „Zion! Du fragst nicht nach dem Wohl der Deinen Die an Dich denken und gefesselt weinen. Wenn auch versprengt, es grüßt Dich Deine Heerde Von Ost und West, vom Nord und Süd der Erde." Was war das für ein Gesang? Niemand aus der Gemeinde hatte diese Worte noch gehört, und aufmerksam, andächtig lauschen sie alle, die aus dem Bethause hiehergeeilt waren, diesen wundervollen Worten. Und immer, und immer wieder, wiederholte Jehuda diese Worte. Es war der Beginn jener unsterblichen Elegie, die damals erst im Entstehen begriffen war, es war die erste Strophe zu der so berühmten „Zionade", die noch heutigen Tags am 9. Ab in allen Tempeln Israels gesungen wird, — gedichtet von diesem so wunderbar dem Tode entrückten Jünglinge, dem später hochberühmten — Jehuda den Halewi! (Fortsetzung folgt.)