Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Bahnhofe wurden die Ankommenden erwartet und mittels Wagen in die Stadt mcf) dem zu diesem Behufs eingerichteten Hause geführt. Daselbst angelangt, wurde ihnen sofort ein warmes Frühstück gereicht; die Kranken (etwa 4—5) wurden ans Anordnung eines Arztes im hiesigen israel. HoSpital uutergebrachl und ihnen alle möglichen den Verhältnissen angemessenen Bequemlichkeiten geboten. Sonntag früh fand die Abfahrt mit einem Lloyddumpser statt. Der Einschiffung wohnten die Directoren der Gesellschaft, der isr. Vorstand, das Counts, die 2 Herren von der Wiener Allianz und viele Andere bei. Besondere Sorgfalt erwies man den wenigen Kranken, welche in einer eigens dafür vorbereiteten Abtheilung untergebracht wurden, mährend der Lloyd mit anerkeunenslverther Bereilimlligkeit die Unglücklichen von einem Arzt begleiten ließ. Im Moineute der Abfahrt brachten die Flüchtlinge, von lebhafter Dankbarkeit ergriff, n, Hochrufe auf den Kaiser Franz Jwef. aus den Sultan, auf Triest, den Lloyd und das Counts Vor der Abfahrt hatte sie Hr. Rabbiner Mellt im Tempel versammelt und ihnen in spanischer Sprache eine Anrede gehalten, worin er sie zu ruhigem innigem Verhalten ermahnte. Das durch die Collecte eingesammelte Geld wurde unter dieselben vor der Abreise vertheilt. Spenden an Kleidern. Wäsche und Nahrungsinitteln waren so zahlreich, daß es am letzten Tage nicht mehr möglich war, die Gaben und Geber zur verzeichnen. Die Dankbarkeit der Beschenkten kannte auch keine Grenzen. Die Betheiligung an dem Unterstützungswerke mar eine allgemeine; es kamen auch Gelder von Christen aller Schattirungen ein. Die Unglücklichen wurden während ihres hiesigen Ausenthaltes von vielen Herren und Damen besucht und noch besonders beschenkt. Eine Familie von 4 Personen mußte wegen hier erfolgten Familienzuwachses bis aus Weiteres noch hier bleiben. Groß-Kanischa. Von der Wiener Alliance angemeldet, kamen heute die jüd -bulgarischen Flüchtlinge von der Donau auf ihrer Reise nach Konstantinopel hier in einem herzzerreißenvell Zustande an. Wenige Augen blieben bei ihrer Ansicht trocken, und aus jedem Munde strömten unwillkürlich Flüche gegen den, der den Krieg heraufbeschworen. Da selbe drei Tage hier ausruhen, wuroen ihnen die sämmtlichen jüd. Schullokalilaren eingeräumt, und für die gemeinschaftliche Kost gesorgt, welche durch eine ergiebige Kollecle gedeckt werden wird. Zu diesem Ende ist eine besondere Commission eingesetzt worden, welche im Bahnhof hier die Unglücklichen empfing, in die Stabt leitete, und ihren weiteren Transport bis Laibach — wo sie wieder einen Tag ausruhen — versorgen wird. Die Theilnahme hier ist, selbst unter unseren christlichen Mitbürgern, groß. (Ung. Isr.) Niederlande. Brüssel. Die Friedhossangelegenheit über die wir z. Z. berichtet, wird im „Univ. Isr." näher erörtert; wir geben den Inhalt der Correspondenz kurz wieder. Es ist freilich von voritherein klar, daß die Verfügung des Bürgermeisters Anspach (von jüdischer Herkunft) durchaus nicht gegen die Juden gemünzt ist. „Die Lage, in der sich der Gemeinderath in Brüssel, sowie in anderen Städten befindet, ist (sagt die Eorresp. des „Unw. Isr.") eine höchst mißliche und peinliche. Es gilt eine Maßregel der Gegenwchr, oder richtiger, eine Repressalie gegen die Gewaltthateu des (kathol.) Klerus. Die Juden werden in Mitleidenschaft gezogen. Der belgische Klej rus segnet nicht, wie er das anderswo thut, das einzelne Grab kirchlich ein, sondern er weiht den ganzen Friedhof Hat nun der Verstorbene nicht die letzte Oelung empfangen, oder hat er vor seinem Tode erklärt, daß ec die Mitwirkung der Geistlichen bei seiner Beerdigung ablehne, so läßt der belgische Klerus die Leiche einscharren (so lautet der von ihm dann gebrauchte Ausdruck) auf dem nicht geweiheten Thei.e, welcher Verbrecherwinkel oder „Hundeloch" genannt wird. Nun kommt es in Belgien oft vor, daß gesellschaftlich sehr hoch stehende Personen die Assistenz der Geistlichkeit ablehnen und sich von den „Freidenkern" beerdigen lassen. Diese letzteren sind in Belgien zahlreich und angesehen, sie haben im Stadtrath die Majorität. Wie sollten nun diese Leute ruhig zusehen, daß Mitglieder ihrer Genosseusch fit neben den Auswurf der Gesellschaft beerdigt werden? So ist eS denn vollberechtigte Gegenwehr, wenn der Stadtrath zu Brüssel, ebenso wie vor zwei Jahren der zu^ Gent, verordnet hat, daß alle confessionellen Friedhöfe geschlossen und ein gemeinsamer eröffnet werde, bei dem alle Verstorbenen nach der Reihe, also ohne jegliche Scheidung beerdigt werden". — Wie die jüdische Gemeinde sich zu helfin sucht, ist hier bereits erwähnt; ihr neuer Friedhof liegt aber 25 Kilometer von Brüssel ab, und es ist überhaupt rin Nothbehelf, der jeden Tag umgestoßen werden kann. Für deutsche Leser liegt es auf der Hand, daß man durchaus nicht nöthig hatte, von einem Extrem zum anderen überzugehen. Gewissenszwang gegen Katholiken und Juden zu üben, nachdem und weil man von Seiten des Klerus drangsalirt worden ist. Unser Rath ist einfach: laßt jeder Confession ihren Friedhof, ihre Riten, und richtet für euch, ihr „Freidenker", und für alle, die nicht auf die confessionellen Stätten passen, einen besonderen ein. Aber den belgischen Juden ist mit unseren wohlfeilen Rathschlägen nicht geholfen. Die Gesetzgebung ist nicht in ihren Händen; wie zu einem für sie günstigen, d. h. nach allen Seiten gerechten, vernünftigen, fein Gewissen verletzenden Gesetze gelangen? Die Liberalen sind in Belgien radikal, sie wollen nichts Confessionelles dnlden, sie wollen Gewalt mit Gewalt vergelten, und auf ein Bündniß mit den Klerikalen können die Juden sich nicht einlassen. Eine vernünftige Mitte existirt in Belgien nicht; was kann die winzige Minderheit dagegen thun? — Die Juden können nur in einem Reiche der Gerechtigkeit und der wahren Toleranz bestehen, das zeigt sich hier recht deutlich, es ist aber auch anderweit hundertfältig erwiesen. Palästina. Jerusalem, 5. October. Dem Begleitschreiben zu einer Quittung über eine von uns eingesendete Collekte zu Gunsten der Handwerker-Genossenschaft in Jerusalem*) entnehmen wir folgende Angaben: „Fast zu gleicher Zeit kamen mir von der freiherrlichen Familie von Rothschild 500 Francs zu diesem Zwecke, und schon früher hatte uns Herr Mende in Berlin 40 Pfd. Sterl. zur Vertheilung an die Rothleidenden ohne Unterschied des Standes eingeschickt, so daß ich bis heute folgende Summen vertheilen konnte: an 992 Personen ü 1ji Frcs. — 496 FrcS. „ 128 Familien ä 1 „ — 128 „ Beitrag zur Miethe der Handwerker-Synagoge 80 „ 704 Frcs. Diese Summe habe ich persönlich nach der mir vorgelegten Liste in Gegenwart des Handwerker-Vorstehers vertheilt. Früher schon ließ ich für circa 10 Pfd. Sterl. Mehl an dieselben Personen verabreichen, so daß bis dato ungefähr 1000 Francs unter die Handwerker vertheilt wurden. vr. Schwar z." Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der Sanitätsrath vr. Wiesenthal in Berlin besitzt in Pommern ein Rittergut, wird aber, obgleich dies Gut kreisständische und landschaftliche Rechte besitzt, zu den fcetr. Kreisversammlungen nicht zugelassen, weil er mosaischer Confefiion ist und nach dem bestehenden Reglement der pommerschen Landschaft nur christliche Mitglieder des ständischen rc. Verbandes zur Theilnahme berechtigt sind. Herr vr. W. hat sich wegen dieser auf völlig veralteten und der heutigen Zeit nicht mehr entsprechenden Anschauungen *) Siehe Nr. 33 und vorhergehende der Isr. Woch. — Eine vorläufige Empfangsanzeige war uns schon vor mehreren Wochen zugegangen.