Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 45. (7.11.1877)
- Date
- 1877-11-07
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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352 ) müssen in der Regel spätestens am Tage vor der Versammlung schriftlich beim Vorsitzenden eingereicht werden. Auch dieser Antrag wird angenommen. Desgleichen ein von Cohn- Kattowitz gestellter Antrag, die Versammlung möge beschließen, daß das Comit6 mit dem von der Posenschen Proviuzial-Rabbinerversannnlung behufs Ausarbeitung der Denkschrift über die an das Unterrichtsgesetz zu stellenden Forderungen ernannten in Verbindung trete. — Der Vorschlag des Vorsitzenden, daß zur Bestreitung der laufenden Kosten jeder Theilnehmer 3 Mark beitrage, wird gleichfalls angenommen. — Ferner ein Antrag, den der Vors, im Namen des abwesenden Dr. Landsberg-Liegnitz einbringt, durch dessen Annahme die Anwesenden sich verpflichten, nach Kräften die Bestrebungen der All. isr. univ. zu unterstützen. Nachdem darauf der Vors der Versammlung für das rege Interesse, das dieselbe allen Theilen der heutigen Verhandlungen mit anerkenneuswerther Ausdauer 8 Stunden hindurch bewiesen habe, gedankt und die Hoffnung ausgesprochen, daß so viel Mühe auch nicht ohne Erfolg bleiben werde, ehrt die Vers, auf den Vorschlag von Cohn-Oels den Vors, durch Erheben von den Sitzen. Die Versamml. wird darauf um 7 Uhr Abends geschlossen. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Dresden. Vor etwa drei Wochen lief durch viele Journale eine Anekdote, nach welcher der General Tolleben ein Jude sei. (Derartige Albernheiten pflegen aus den Zirkeln unbeschäftigter Börsianer zu stammen, beruhen entweder auf müßiger Erfindung, falsch aufgefangenen Notizen und Gerüchten, oder geradezu darauf, daß ein „Witzbold" Jemandem etwas aufbindet, was dann von Anderen als wahr erzählt wird. Wir haben von der Geschichte keine Notiz genommen.) Die „Dresdener Presse" brachte nun von mm Neffen Tütlebens folgende recht charakteristische Entgegnung: „Ihre in heutiger Nummer enthaltene Mittheilung unter dem Titel: „Der Jude Totlebeu" ist eine so dumm dreiste Erfindung, wie sie jemals aus der schmutzigen Feder eines literarischen Pinkeljudeu geflofien ist. So wahrhaft jüdisch abgeschmackt dieselbe für Jeden klingen muß, welcher weiß, daß zur Zeit, da Herr v. Totleben sich die Osfizier-Epauletten verdiente, ein Beschnittener nicht einmal zum Rang eines Corporals in der russischen Armee zugelafien wurde, sehe ich mich, als Neffe des berühmten Generals, doch veranlaßt, Sie zu folgender Berichtigung aufzufordern. Es ist zwar wahr, daß die in Rußland und Polen lebende Juden, als die Abkömmlinge der wegen ihres Wuchers und schmutzigen Schachers im Mittelalter mehrfach aus dem deutschen Reiche en masse hinausgejagten Juden, die deutsche Sprache und damit auch den jüdischen Sprachgebrauch beibehalten haben, als Ausdruck der Zärtlichkeit an Freundesnamen oder Verwandtschafts-Benennungen das „leben" anzuhängen, als „Vateclebeu", „Jtzigleben" u. dgl. und es mag sein, daß ein Jude Namens Tot von seinein Freunde Schmul oder seiner Kalle mit „Tolleben" angeredet wurde; der große Ingenieur-General aber entstammt einer altevangelischen Adelsfamilie Estylands, ist niemals beschnitten worden, hält, wie jeder frei von Ueberstürzung Urtheilende, die Juden-Emanzipation für die größte Thorheit des Jahrhunderts und sieht mit Zuversicht dem Augenblicke entgegen, wo, und zwar diesrnal im großartigen Style unserer Zeit, Europa sich des „auserwählten Volkes" entledigen und die ganze Judensippschaft ins „gelobte Land" zurückspediren wird. M. v. Stahl. Die „Presse" bemerkt dazu: „Ohne jeglichen Kommentar übergeben wir den Brief und deffen Absender dem öffentlichen Urtheil. Für uns war es ordentlich erfreulich, wieder einmal einem Russen zu begegnen, der den Kulturftrniß verschmäht. Dieser wohlgeb. Herr ist echt, ihn versteht, ihm glaubt man, die Herren die in Bulgarien für „Freiheit" kämpfen, für „Kultur" und was dergleichen mehr ist. die sind — , Diplomaten." — Wir fügen noch eins hinzu: Dieser v. Stahl ist also einer von jenen adeligen D e u t s ch - Russen, welche die liev- oder kur- oder rsthländischen Bauern aufs Schnödeste mißhandelt, dann durch Uebermuth sich bei den Natronalruffeu verhaßt gemacht und die liefe Antipathie der Letzteren gegen die Deutschen überhaupt geweckt haben, jene Deutsch-Russen, die, nach uateit voll von frechstem Junker Uebermuth — natürlich auch gegen Juden — nach oben kriechen und wedeln wie die Hunde! Frankfurt a. M, 25. Oetober. Die stasistische Beschreibung des Regierungsbezirks Wiesbaden, Heft 3, enthielt folgendes über den Bestand der Religwnsgesellschast in Frankfurt. Dieselbe zählte 1875 : 360 Mitglieder, welche 1874 an Beiträgen zu ihrem Cultus und Schulkassen 26,500 Mark leisteten. Dieselbe besitzt 1 Synagoge, 2 Schulhäuser, ein Reinvermögen von Mk. 767,184 und unterhält 11 Cultusbeamten. (Die von Baron W. v. Rothschild der Religionsgesellschaft geschenkten 300,000 Mk. (siehe vor. Nr.) sind, wie gemeldet wird, zum Bau eines neuen Sch ul Hauses bestimmt. — Die daselbst unter Frankfurt stehende Anmerkung rührt von dem Correspondenten her! Red.) Bernburg. Die Glückwunschadreffe, welche Herr Landrabbiner vr. Herxheim er bei Gelegenheit seines Jubiläums vom Central Comile der All. Isr. Uaioers. aus Paris erhielt, lautet in Uebersetzung wie folgt: „Von der Jubelfeier ihrer rabbinischeu Amtsthätigkeit zu Bernburg unterrichtet, sendet das Cenlral-Comite der All. Isr. Univ. Ihnen seine Glückwünsche zu demselben. Eine fünfzigjährige treue Amtsführung, eine durch den beispiellosen Erfolg Ihres Religionsbuches weithin ausgestreule Saat religiöser Belehrung, eine im Dienste der jüd. Wiffenschaft entfaltete Thätigkeit, das sind Verdienste, die Sie unter den berühmten Männern in Israel besonders auszeichnen und Ihnen die Verehrung jedes für das Juoenlhum warm schlagenden Israeliten sichern. Die zahlreichen Dienstlefftnngen, die Sie unausgesetzt auch unserein Werke zugewendet haben, legen auch ein schönes Zeuguiß ab von ihrer Thätigkeit auf dem Gebiete des Wohlthuns. Wir sind glückrich, anläßlich Ihrer Jubelfeier Ihnen die Gefühle unserer dankbaren Verehrung ausdrücken zu können. Wir flehen zum Himmel, daß ec Sie noch lange an der Spitze Ihrer Gemeinde erhalten und Ihnen recht viele glückliche Jahre noch bescheiden »löge. Genehmigen Sie u. s. w. Cr^mieux, Präsid. Isidor Löb, Secr. Oesterreich. 2. Triest, 30. October. (Or.-Corr.) Donnerstag, den 25. c, 5 Uhr Morgens, kamen die 326 jüd.-bulgarischen Flüchtlinge von Pest via Fünfkirchen-Großkanischa hier an. Unter diesen befinden sich gegen 80 Männer, die Uebcigen sind Weiber und Kinder, Kinder bis ins zarteste Alter herab. Die israelitische Allianz in Wien übernahm es, die Unglücklichen von Bukarest nach Constantinopel auf eigene Kosten zu befördern und schickte ihnen zwei Dragomane entgegen. Aus Bukarest begleitete sie ein Vorstandsmitglied, Herr S. V. Leoi, welcher auch mit ihnen spanisch reoen kann. Die Allianz in Wien schrieb an den hiesigen Cultusvorstand, man möge diese Leute auf Kosten der Allianz hier unterbringen und bis zur Eischiffung nach Eonstanlinopet auch beköstigen. Der hiesige Vorstand aber antwortete, er würde die Kosten selbst ohne jeden Ersatz bestreiten, daraufhin beschloß die Allianz das dadurch ersparte Geld an die Leute bei Ankunft in Constantinopel vertheilen zu lassen. Aus eigener Initiative unternahm ein hiesiges Journal ist'Ilräiptzväeirts), eine Collecte zu iiiachen uuo brachte viel Geld und noch mehr all Kleidern und Wäsche zusammen. Zugleich bildete sich m Comile mit dem würdigen Rabbiner 2. R. Melli an der Spitze, welches alle möglichen Vorbereitungen zum Empfange der Unglücklichen veranstaltete.