Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-10-31 · N° 44. (31.10.1877) · p. Seite 344

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 44. (31.10.1877)
Date
1877-10-31
Page
Seite 344 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9583384-9583739--3328-9583743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

344 — festes und am'Fest der Gesetzesfreude — principiell zu gestatten (wobei wenigstens an diesen Feiertagen die Schule auf die Fehlenden Rücksicht zu nehmen hat — Amendement Joel- Krotoschin.) sAuch soll thunlichst der Stundenplan so eingerichtet werden, daß den jüd. Schülern am Sonnabend Vormittags 2 Stunden zum Besuch des Gotteshauses frei bleiben — Amend. SamuelsohnJ — Die These und die Amendements werden nach eingehender Discussion angenommen. 2 d. Zum Schreiben am Sabbath darf ein jüdischer Schüler auf keine Weise (weder bei Prüfungen, noch während des Unterrichts — Amend. Braun) gezwungen werden. Die Anfertigung schriftlicher Klassenarbeiten darf daher an diesem Tage nicht verlangt werden. — These und Amendement angenommen. 2 o. Der jüdische Religionsunterricht ist bei hinreichend vorhandener Schülerzahl nicht nuran der Anstalt zu ertheilen, sondern auch sonst in jeder Beziehung dem christlichen gleichzustellen. (Angenommen.) 2 6. Die jüdischen Lehrer haben das Recht, wenigstens während des Neujahrs- und Versöhnungsfestes den Unterricht auszusetzen. (Angenommen.) Es ist inzwischen 1 Uhr geworden: der Vors, glaubt daher einen eingelaufenen Antrag auf Vertagung der Sitzung zur Abstimmung bringen und seine Annahme empfehlen zu müssen, obwohl der Gegenstand der Tagesordnung noch nicht ganz erledigt. Der Antrag wird angenommen und die Sitzung auf präcise 3 Uhr Nachmittags vertagt. — (Schluß folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Cöln, 22. Oct. (Orig.-Corr.) *) „In Cöln geschieht doch gar nichts", so dachte wohl eines Tages der Mainzer Verleumder, in seinem Zimmer sitzend und über böse Pläne brütend, „und ich halte doch so große Hoffnung noch auf die alte Colonia gesetzt, wo schon Jahrhunderte vor mir, der Stinkkäfer (wie Grätz ihn nennt) Pfefferkorn so gut zu schimpfen und zu verleumden verstand. Schon seit Jahr und Tag habe ich über keinen Skandal oder auch nur ein Skandälchen in Cöln berichtet. Keiner tritt aus der Gemeinde aus, die 909 Mitglieder zählende Gemeinde bleibt trotz mancher verschiedener religiösen Farbe beisammen, wie ist mir denn!" — Da bringt die Post die „Zeitung des Judenthums", Lehmann durch - blättert flüchtig, ruft er freudestrahlend aus, „da steht was aus Cöln, daraus läßt sich was machen." Ein Berichterstatter schreibt in unschuldiger und harmloser, aber unrichtiger Weise, der hiesige Rabbiner habe bei Gelegenheit der Anwesenheit des Kaisers in unserer Stadt beim Hofmarschallamt nachgesucht, so gut wie die katholische und evangelische Geistlichkeit zum Diner beim Kaiser eingeladen zu werden. Diner, denkt sich der Auflauerer, er greift nach der Feder und schreibt: „Aus Cöln wird das nachstehende, ergötzliche Geschichtchen berichtet," und damit das Geschichtchen nur recht viel Eclat mache, führt er den Kaiser und seinen *) Schon wieder ein Artikel gegen den „Israelit"! — Es gereicht uns selbst durchaus nicht zum Vergnügen; wir polemisiren nicht für unsere Person, antworten nicht einmal auf die Beschimpfungen, die Herr vr. Lehmann, so oft er gegen einen Corresp.-Artikel unseres Blattes schreibt, über uns ausschüttet; wir lassen die Späne, die von seinen „Keilen" abfallen, ruhig um unfern Kopf fliegen; aber den von ihm Angegriffenen oder Verunglimpften können wir unser Blatt zur Vertheidigung und Abwehr nicht verschließen. — Zur Erläuterung fügen wir hinzu, daß der „Israelit* erzählt, der Rabbiner habe um eine Einladung zur Tafel gebeten. Der Kaiser habe zu dem Hofmarschall gesagt: „Was will denn dieser Rabbiner an meinem Tische, er darf ja nicht mit mir speisen?" worauf der Hofmarschall gemeint habe, der 0r. Fr. sei ein „Reformrabbiner" und werde wohl mitspeisen; der Kaiser habe dann, wie oben angegeben, geantwortet. — Der „Jsr." rechnet auf den Unverstand, der nicht fragt, wer denn dem Dr. L. diese Unterredung hinterbracht habe, und er verläßt sich darauf, daß seine Leser glauben, der Cölner „Breslauer" würde richtig am kaiserlichen Tische mitgegessen haben. (Red.) Hofmarschall redend ein, wo nach der Ansicht des Hofmarschalls der Rabbiner wahrscheinlich m i t d i n i r e n würde, der Kaiser aber keinen Rabbiner zur Uebertretung seiner Religionsvorschrift veranlassen möchte. Es braucht wohl feinem Leser gesagt zu werden, daß das Alles nur in dem Gehirn des Redacteurs des „Israelit" gesprochen wurde, die eigentliche wahre Thatsache ist folgende. Als die Zeit der Ankunft des Kaisers in unserer Stadt heranrückte, fragte der hiesige Rabbiner, von anderer Seite hierzu veranlaßt, beim hiesigen Regierungs-Präsidenten an, ob derselbe, wie der Rabbiner von Düsseldorf, von dem dortigen Präsidenten, eine Einladung zum offiziellen Empfang Sr. Maj. des Kaisers erhalten würde. Darauf erhielt Dr. Frank folgende Antwort: „Nach dem Reglement vom 9. Aug. 1.870 sollen bei offiziellem Empfange Seiner Majestät des Kaisers und Königs die Vorstände der kirchlichen Behörden beider Confcssionen zugezogen werden. Dieser ausdrücklichen Bestimmung gegenüber befinde ich mich nicht in der Lage, Euer Wohlgeboren zu dem am 12. d. Mts. stattfindenden Empfang Seiner Majestät einladen zu können, was ich Ihnen auf die gefällige Vorstellung vom heutigen Tage hierdurch ergebenst erwiedere. Cöln, 10. Sept. 1877. Der R°gi°rungr-Pr°sid°nt ' r v. Bernuth. An den Rabbiner Herrn Dr. Frank A. 1171 Wohlgeboren citö hier" Wir geben die Antwort der Regierung wörtlich wieder, vielleicht wird's von einer Seite angeregt, oder finden sich unsere jüdischen Abgeordneten veranlaßt, den Minister des Innern über diesen Verstoß gegen die Gleichberechtigung der Confessionen zu interpelliren. *) Doch dieses nur nebenbei bemerkt. Von dem Redacteur des „Israelit" aber erwartet man nichts anders als “in"1?, Begeiferung und Lästerung, besonders wo es sich um einen „Breslauer" handelt. Dr. Frank ist ein Breslauer und das genügt, da darf man erfinden und schimpfen, das ist Nichts als Aerger über den Einfluß des Breslauer Seminars in Deutschland, ja in Europa ist's, was dieses Rudel von Belfern bellen macht. Da haben sie wieder in Pest ein Seminar errichtet, ganz nach dem Zuschnitt und dem Geiste des Breslauer Seminars; die daselbst angestellten Lehrer sind zum Theile Schüler des Breslauer Seminars, t Heils Freunde desselben, sogar Grätz wohnte der Einweihung bei, das ist zum verzweifeln! Man muß das Gebühren dieser Clique vom psychologischen Standpunkte aus beurtheilen und da läßt sich Vieles entschuldigen, besonders wenn Lehman schimpft, denn dieser wurde wieder neuerdings in diesem Blatte als nicht sehr bibelfest und noch weniger talmudfest bezeichnet, und da ist es dann kein Wunder, wenn er nicht weiß, wie im orthodoxen Judenthum inn und verpönt ist. M. Frankfurt a. M., 22 October. (Or.-Corr.) Ueber die hier stattgefundenen Festlichkeiten bei der Anweseuh eit des Kaisers haben die Tagesblätter genügend berichtet, was nicht die Aufgabe der jüdischen Preffe ist; ohne jedoch den Correspondenten derselben nachahmen zu wollen, die über jede Auszeichnung, jeden Orden, den ein reicher Jude erhielt, überschwenglich zu berichten pflegen, ja sogar jedes Romänchen — ob schlecht oder gnt — das einen jüdischen Literaten zum Verfaffer hat, an die jüdische Glocke hängen (S. Hamagld Nr. 40), freut es uns, eine Anerkennung des Judenlhums von Seite des Kaisers mittheilen zu können. Wir legen kein Gewicht darauf, daß unter den 80 vom Kaiser zu einem Diner geladenen Gästen auch Juden aus der Zahl der Stadtverordneten sich befanden wohl aber darauf, daß der Rabbiner unserer Gemeinde, Dr. Brüll, mit den Geistlichen der christlichen Confessionen zu diesem kaiserlichen Diner befohlen wurde, und *) Ueber Hofetiketten-ReglementS!? Das gehört wohl in England vor das constitutionelle Forum, aber nicht in Deutschland. (Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.