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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-10-24 · N° 43. (24.10.1877) · p. Seite 336

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 43. (24.10.1877)
Date
1877-10-24
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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Schwurgericht Ihnen ausführlichere Mittheilung zu machen. — Das Schwurgericht wurde dieses Mat gerade am Versöhnungstage eröffnet und zu demselben mehrere Glaubensgenossen aus Thorn und Straßbur; berufen. Von diesen suchten Einige gänzlichen Dispens wegen der Meßzeit nach, dieser wurde ihnen erlheilt; Andere baten schriftlich um Urlaub auf diesen einen Tag, dieses mit dessen Heiligkeit motivirend, und erhielten — bezeichnend genug — hierauf vom Thorner Kreisgerichte eine ablehnende Antwort. Die Letztereil wandten sich alsdann an das Appellationgericht zu Marleuwerder, doch dieses erklärte sich für incompetenl, um in die Entscheidung des Kreisgerichtes nach dieser Seile hineinzugreifen. Die Strasburger Geschworenen setzten deßhalb diesem letztgenannten Gerichte nochmals in eingehenderer Weffe unter Beifügung einer amtlichen Bescheinigung ihres Rabbiners die hohe Bedeutung des Tages auseinander — aber auch dieses Mal vergeblich. Die Thorner schlugen einen anderen Weg ein; sie wandten sich an den Minister, dieser übergab das Gesuch dem Obertribunal, und dieses entschied, daß das Gericht nur die christlichen Feste anzuerkennen habe, die jüdischen Geschwornen darum gehalten seien, zu erscheinen, indeffen möge der Präsident ihre Wüilsche soweit berücksichtigen, daß er sie für diesen Tag nach statkgehabler Eröffnung ablehne. Diese Entscheidung traf erst bei Beginn des Festes ein und veranlaßte die Thorner Geschworenen, auf die kurze Zeit der Eröffnung zu erscheinen, sonst wären dieselben, wie wir annehmen wollen, wohl auch der mit ihren Strasburger Collegen vorher getroffenen Verabredung, gemeinsam auszubleiben, nachgekommen. Ueber die Letzteren wird nun wohl eine Geldstrafe verhängt werden; selbstverständlich aber wecden sie dagegen appelliren und die Sache in einer höheren Instanz ev. im Abgeordnetenhause zum Austrage gebracht werden müssen*), es wäre zu wünschen, daß auch von anderer Seele energisch für ihren günstigen Abschluß gewirkt werde, denn die Entscheidung des Obertribunalö kann sicherlich nicht befriedigen, weil sie keinen Rechtsgrundsatz ausspncht, sondern nur einen Ausweg bezeichnet und in Form eines Entgegenkommens auftritt. — Um noch Etwas aus unserer Stadl zu berichten, so dürste es vielleicht von Interesse sein, daß das erste und bisher einzige Stipendium, welches dem erst vor vier Jahren Hieselbst errichteten Königl. Simultaugymnasium zugewendet worden, von einem hiesigen Glaubensgenossen gestiftet worden ist. Der vor einem Monate verstorbene sehr geachtete Kaufman Luis Meyer R o s e n o w hat nämlich demselben testamentarisch ein Legat von 1000 Mark hinterlassen, deffen Zinsen alljährlich abwechselnd einem jüdischen und einem christlichen Schüler zur Unterstützuiig gegeben werden sollen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch bemerken, daß die in diesem Blatte sehr oft erörterte Frage, ob der Begriff „Simultan" auf sämnitliche Bekenutuiffe oder nur auf beide christliche Confessionen zu beziehen sei, bei unserer Anstalt schon längst in letzterem Smne amtlich entschieden und erst vorgestern aus Anlaß der feierlichen Einweihung des neuen Gymnasialgebäudes in dem öffentlichen Redeactus die Gleichstellung beider Confessionen, unserem Gefühle nach mehr als nöthig, betont worden ist. Es ist ein gewaltiger Jrrthum, gegen den nicht genug angekämpft werden kann, wenn nran in manchen Städten von der Errichtung einer Simullanschule sich Gutes verspricht; uns Juden kann es vollständig gleichgütig bleiben, ob eine Schule den Namen evangelisch oder katholisch oder simultan führt, und erst in den sogenannten confessionslosen Anstalten, deren Zahl bisher kaum nennenswerth ist, werden sich unsere Hoffnungen verwirklichen können. D. Celle, 13. October. (Or.-Corr.) Motto: La grande affaire pour l’homme c’est la vie et la grande affaire dans la vie, n’cst la mort. — Es war wohl zu erwarten, daß aus der *) Wir haben schon gesagt, daß cs einen anderen Weg nicht gibt. Das Obertribunal hat keine Gesetze zu machen, konnte also nicht anders entscheiden, daß es einen Ausweg angeveutet, ist human genug. — Die Strafe kann wiederum das Abgeordnetenhaus nicht Niederschlagen. (Red.) Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte zu München, wo die Koryphäen der Wissenschaft sich trafen, die Geister mal wieder an einander gerathen würden. Haben wir doch Aehnliches auch in Göttingen auf der 31. Versammlung derselben Wandergesellschist erlebt, wo bekanntlich Wagner den Streit mit Luoioig provocirte und späterhin mit dem Aufstellen eines „Glaubensinnes" sich aus der Affaire zog. Sind doch alle solche wissenschaftlichen Gefechte weiter nichts, als Kämpfe iu conspectu omnium, denen welker kein großer Werih beizulegen ist. Daß einzelne Anhänger der Darwin'schen Lehre weiter gehen würden, als Darwin selbst, kann nicht Wunder nehiilen; allein einen Wendepunkt in der Lehre selbst könneil solche Ausschreitungen nicht abgeben. Der Darwinismus ist keine Lehre, die wie ein Theorem einmal auftaucht um wieder niederzutaucheu; kein Meteor, das leuchtend in die Erscheinung tritt und wieder verschwindet; es ist eine Lehre, die wissenschaftlich begründet ist, und als solche zu weiteren Forschungen auffordert. Seine Sätze sind keine solche, welche der freien wissenschaftlichen Forschung unwürdig mären, und bei ernstlichen Vertiefungen in dieselben zu Resultaten führen müßten, welche die sittligen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung völlig zerstörten. Lassen wir vorläufig die Frage in Betreff der Plastibülen-Seele auf sich beruhen, die Wissenschaft wird schon ihr Urtheil darüber abgeben, und hüten wir uns, das Kind mit dem Bade auszuschütten. (Der Hr. Verfasser vorstehender Sätze ist, wie er früher hier erklärt hat, kein Anhänger oder Bekenner des Materialismus und Darwinismus; er will, daß dieser unbefangen geprüft werde, aber seinerseits in seinen Schranken bliebe. Wir haben in dem Leitartikel der Nr. 40 ausdrücklich gesagt, daß wir die Verhandlungen der Münchener Naturforscher- Versammlung als einen Wendepunkt für die Ansprüche des Darwinismus aus Allein gelt un g und Beherrschung des ganze» Gebietes menschlicher Forschung betrachten. Daß die Debatte über den wissenschaftlichen Werth der fragt. Theorie auf naturgeschichtlichem Gebiete jetzt entschieden sei, davon haben wir nichts gesagt. Wir glauben, daß ein Damm gegen die Ueber griffe der Darwianer errichtet worben sei, gegen ihre dogmatischen Machtsprüche ms Blaue hinein überall da, wo si: den Boden der Erfahrung verlassen. Die Zukunft wird bald lehren, ob wir Recht haben. Red.) Alzey, Ende Septbr. Der hiesige israel. Armen-Verein veröffentlich wieder einen Jahresbericht: Der Verein zählt 49 Mitglieder, deren jährliche Beiträge belaufen sich auf.M. 1526. 50 An Geschenken gingen ein . ... „ 93 — An zurückgelangten Gaben . . . „ 16. — Gesummt-Summe der Einnahmen M. 1635. 50 Verausgabt wurden: An 22 hiesige und benachbarte verschämte Arme und Kranke in wöchentl., monatl. und */.jährl. Raten M. 458. — An 23 Wiltwen in Stadt und Umgegend . „ 752. 57 „ 113 deutsche durchreisende Bettler . . „ 135. 95 „ 51 polnische „ „ . „ 41. — „ den Slipendien-Fond für arnle jüdische Studenten in Berlin.„ 40. — An die Abgebrannten in Brückenau . . „ 40. — „ „ „ „ Wilkomir (Rußland) „ 30. — „ „ bedrängten Israeliten in Bulgarien „ 30. — „ „ Achawa. „ 30. — Gesammt Summe der Ausgaben M. 1557. 52 Oesterreich-Ungarn. Triest, 12. October. Was in Nr. 37 und in der mir heute zugekommenen Nr. 41 Ihres Blattes über das Buch „Der alte und der neue Glaube im Judenthum" und dessen Verfasser gesagt ist, wird gewiß von jebeiii Leser gutgeheißen. Das Buch verdient zwar nicht gelesen zu werden, allein ich that es, um mich zu überzeugen. Mich ernnnerte das Mach-

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