Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 43. (24.10.1877)
- Date
- 1877-10-24
- Page
- Seite 334 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 334 — Labilitäten unterzeichnet und in den Schlußstein gelegt, welcher unter den üblichen Formalitäten eingesetzt wurde. Hieran schloß sich die Rede des Rabbiners Dr. Kohn, aus der hier Eingang und Schluß angeführt werden möge. „Wenn Jemand", so lautet ein Paragraph der Judenordnnng vom Jahre 1251 unter Bela IV., „wenn Jemand verwegenermeise die „Judenschulen" beunruhigt, so hat er an den Judeurichter anderthalb Mark zu bezahlen." Unter „Judenschule" verstand das alte ungarische Gesetz, außer der Sy- , nagoge, nur noch die im Judenthume einzig und allein bestehende Lehranstalt, die „Jeschimah" oder „Talmudanstalt", aus welcher auch die Rabbinen hervorgingen, die mit der Synagoge so eng zusammenhing, daß sie einfach mit dem einen Namen „Judenschul" bezeichnet wurde. Dieses Gesetz bestätigte Bela IV. auf's Neue im Jahre 1256 im Monat April — 600 Jahre später, im Jahre 1856, ebenfalls im Monat April, erschien jene Verordnung unseres allergnädigsten Herrn und Königs, Franz Josef's I., welche bestimmt, daß der Fonds der ungarischen Landesjudenschaft in erster Reihe zur Errichtung und Erhaltung einer Landesrabbinerschule verwendet werde. Während dieser 600 Jahre gestaltete sich das gesellschaftliche, geistige und staatliche Leben unseres Vaterlandes gründlich um, anders wurde die Sprache oer Nation, anders das Exterieur des Landes, anders die äußeren Formen, Alles schritt vor, entwickelte sich den neuen Zeiten und Verhältnissen angemessen, nur Eines gab's vielleicht, an dem die Jahrhunderte fast spurlos vorüber huschten, was unbeweglich an seinem alten Platze blieb, als aufrechtstehender Zeuge einer untergegangenen Welt, und das ist die — Judenschul des XIII. Jahrhunderts. Diese „Schuld" entsprach den damaligen Ansprüchen des Judeuthums und leistete wirklich dem religiösen und geistigen Leben große Dienste, ja Achtung und Ehre der Ausdauer und dem Eifer, welche dieses lieberbleib sel der Vergangenheit in unserem Vaterlande bis auf den heutigen Tag treu aufbewahrt hat." Am Schluffe heißt es dann: „Unsere Commission schmei chelt sich noch mit einer Hoffnung, welche ich bei dieser Gelegenheit unmöglich verschweigen kann, und diese ihre süße Hoffnung ist, daß dieses Institut, welches, bevor es ins Leben trat, in unserer Glaubensgemeinschaft verwüstend wirkte, zu so vielen schweren Kämpfen Veranlaffung bot, jetzt, nachdem es eröffnet ist, der ungarischen Judenheit auch den so schmerzlich vermißten Frieden wieder bringen wird. Das bisherige Losungswort der Aufregung lautete: Rüstet euch, kämpfet gegen die Errichtung der Rabbinerschule, —jetzt wird dies verstummen. Die Feinde aber dieses Hauses, welche wir achten und schätzen müffen, weil wir die leitenden Motive würdigen, werden sich durch Thatsachen überzeugen, daß die Rabbinerschule betreffs des Judenthums beileibe keine Gefahr, kein Hebel zur Schwächung seines heiligen Glaubens, zur Beförderung seines Ruins, sondern zu seiner Befestigung uud Aufrechthaltung dienen wird, so daß die aufgeregten Gemüther — das ist unsere Hoffnung — mit der Zeit sich beruhigen und diese Anstalt, welche von deren wißbegierigen Jugend bereits zum Besuche angemeldet ist, wird früher oder später das gemeinsame Heiligthum der ganzen ungarischen Judenheit werden." Im Namen des Lehrkörpers sprach (gleichfalls ungarisch) der Seminar-Professor Dr. Wilhelm Bacher: „Das ungarische Israel empfinde heute dankbarst, daß ein königliches Wort, ein königlicher Wille die Lehrstätte jüdischer Wissenschaft, diesen Palast erheben ließ, der jüdischen Wiffenschaft, seit sie in den mächtigen Kreis des europäischen Geisteslebens eingetreten, zum erstenmale so gleichsam die Gleichberechtigung verleihend. Dankerfüllt beugt sich unser Herz vor den hohen Rathen der Krone, deren Anwesenheit dieses Fest verherrlicht, vor dem hochverdienten Mann, der mit weiser Einsicht und kräftigem Willen die gütigen Absichten Sr. Majestät zur Wirklichkeit förderte. Dankbarst sei auch in dieser weihevollen Stunde des verewigten Mannes gedacht, dessen mit dem dreifachen Lorbeer des Dichters, des Denkers und des Staatsmannes bekränzter Name für alle Zeiten auch mit der Entstehungsgeschichte dieser Anstalt verknüpft ist (Eötvö8.) Von dieser neu eröffneten Quelle jüdischer Wiffenschaft kann nach den Worten der Bibel gesagt werden, wie von jenem Quell in der Wüste: „Fürstliche Hand hat sie an's Tageslicht gefördert, die Großen der Nation sie gegraben mit dem Szepter, mit den Stäben des Gesetzes." Von den Aufgaben der Zukunft und den Jüngern der Anstalt sprechend, erklärt Redner als heiligen Vorsatz und ernstes Gelübde des Lehrkörpers, dahin zu wirken, daß die Jünger des Budapester Seminars, nebst wahrem religiösen Gefühl, für die sittlichen Güter der Menschheit begeistert, in treuer Liebe zum Vaterland, in diesem und für dieses in den Reihen seiner Geistesarbeiter wirken mögen. Sie werden im Besitze moderner Bildung zu den Gebildeten in ihrer Sprache reden, und die Zeit und deren Anschauungen verstehend, auch für das Wort religiöser Belehrung Verständniß finden. Wo noch Vorurtheil und Rohheit sich gegen die Gaben der Kultur sträuben, für Licht und Fortschritt kämpfend, werden sie, was in dem großen Schriftthum einer langen Reihe von Jahrhunderten niedergelegt, hüten und erforschen und mit wissenschaftlichem Geiste und pietätsvollem Sinne die Gegenwart mit der Vergangenheit im Zusammenhang erhalten und die Fortschritte der Zukunft vorbereiten. Sie werden! ihrem Berufe die Tbatkraft und die Aufrichtigkeit des gefestigten Charakters widmen, heilsamen Einfluß üben auf die Angelegenheiten der Gemeinde und wo immer das Genieinwohl ihre Mitwirkung erfordert, sich mit Wort und Beispiel als gute Bürger, als treue Söhne des Vaterlandes bewähren. Der Redner schloß mit den Worten: „Mögen diese Hoffnungen zu Wahrheit werden, möge diese Anstalt bis in die spätesten Jahre blühen, niöge in diesen Mauern stets der Geist der Besonnenheit und Wiffenschaftlichkeil wehen, möge diese Anstalt stets nur wirken zur Befestigung des religiösen Sinnes, zur Förderung der Wiffenschaft, zum Heile und Frieden des ungarischen Israel, zum Ruhme des Vaterlandes." Dann sprachen im Nanien des Breslauer Seminars Profeffor Gr ätz, im Namen der Berliner Hochschule Dr. Cassel und für die Wiener Gemeinde Kompert. — Abends fand das übliche Banket mit zahlreichen Toasten statt. — Am folgenden Tage, Freitag Abend, schloß sich daran die Einweihung der Seminarsynagoge. Rabb. Bloch zündete die ewige Lampe an und sprach einige paffende Worte, die Predigt hielt Prof. Dr. Kaufmann, sie wird, wie zu erwarten war, sehr gerühmt. Die Pesther Journale besprechen die Feier und die Anstalt mehr oder weniger eingehend und anerkennend, der Akt selbst findet jedoch beu Beifall Aller. Auch