Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 42. (17.10.1877)
- Date
- 1877-10-17
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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hatte zu der in Rede stehenden „Nectification" nicht die geringste Berechtigung, weil mir in Voraussicht einer solchen unerfreulichen Kundgebung uns als „Memeler Hülfscomite für die Abgebrannten der Stadt Wilkomir" construirt und als solches unser« Aufruf erlassen haben. Wir sind freilich auch das Comite der Alliance, und werden uns bestreben, auch nach dem Willen und der Aufforderung des Cenlral- Comite's thätig zu sein, beklagen aber müssen mir auf das Tiefste, daß das Central-Comite den Hetzereien von gewisser i Seite auch jetzt wieder Gehör geschenkt und unsere Unterstützungsthätigkeit in nicht unerbeblicher Weise beeinträchtigt hat. Für das Local- und Grenz-Comite der Alliance Israel.'Universelle in Memel Dr. Rülf. Nachwort der Red. Wir müßten uns selbst desavouciren, wenn wir diese Gegenerklärung, der wir die Aufnahme nicht verweigern, ohne Bemerkung unsrerseits hinaussendeten. Wir wisscu nicht, was Herr Dr. Rüls bei den „Hetzereien von gewisser Seite" im Auge haben mag — aber er rechnet uns gewiß nicht zu den Gegnern seiner Person und seines Wirkens, und doch gehören auch wir zu den von dem Central-Comite bezeichneten Correspondenten. Ja wir haben das Central-Comite auf den Aufruf für Wilkomir, d. h. auf dessen Unterschrift, aufmerksam gemacht und anheimgegeben eine Rectificalion zu versuchen. Es müssen hier zwei ganz verschiedenartige Gesichtspunkte auseinandergehalten werden. Weder das Central-Comite, noch wir, noch irgend ein Wohldenkender tadelt es, wenn sich ein Hülfscomite für Nothleidende bildet. Gaben erbittet, einsammelt und verwendet. Aber es soll nicht im Nam en der All. Jsr. Univ. geschehen, und die Herren in Memel haben als „Comite der All. Jsr. Univ." unterzeichnet, ja ihre einzelnen und allgstieinen Quittungen in den Zeitungen sind nur mit dem Namen dieses Comite's unterzeichnet. Die Alliance ist aber kein allgemeiner jüdischer A r m e u - V e r e i n, und weil sie es nicht ist, nicht sein will, auch nicht seui kann, — da sie sonst ins Ungemessene sich verlieren und Millionen in ein Sieb schütten müßte — darum darf ihre Tendenz auch nicht alterirt und verringert werden. — Die Abgebrannten, meint Herr Dr. Rülf, leiden als Israeliten. In der Weise kann man das immer beweisen. Wenn ein Jude erschlagen wird und hülslose Waisen hinterläßt, so hat der Mörder wohl „den Juden" ermorden wollen, die Wittwe und die Waisen leiden, weil sie Jsraeliteit sind. Man wendet sich in tausend verschiedenartigsten Fällen f ü r Juden a n Juden und thut Recht daran; wenn aber die Alliance in allen solchen Fällen helfen sollte, so wäre gar keine Grenze und kein Maaß mehr zu finden. Es betrachten ohnehin gar Viele die Alliance als einen Verein, an den sich jeder Arme wenden, an den man jeden Bedürftigen weisen könne, das darf aber nicht sein. — Was Herr Dr. Rülf weiter zu Gunsten der russischen Juden sagt, lassen wir hier unerörtert; was er zu ihren Gunsten Gutes gethan und veranlaßt hat, das bedarf nicht unserer Anerkennung — es ist der Eine über uns Allen, der ihm und jedem Hüll? und ni2?l?ö lohnen wird — noch weniger also wollen wir sein Wirken bemängeln oder bekritteln; nur Eins darf er nicht verkennen: die Alliance kann für die russischen Juden nichts thun, insofern sie bloße Armen-Unterstützung nicht geben kann. Denn die Türkei, Persien, Marokko u. s. w., sie hören wenigstens auf eine Vorstellung, Rußland weist eine solche mit einem Fußtritt zurück. In allen muhainedanischen Ländern werden die Schulen der Alliance nicht nur geduldet, sondern gefördert und freundlich ausgenommen, Rußland würde Schule nnd Lehrer der Alliance mit der Knute von der Grenze wegpeitschen. Und die Juden selbst! Sie nehmen überall die Gaben der Bildung und der Schule frenbig und dankbar von uns entgegen, in Rußland aber —? Die Wohlthat, welche Herr Dr. Rülf in Beziehung auf int ellectue l le Bildung für die russischen Juden wünscht, verlangen diese nicht — bsneticia non obtruduntur. Was sie wollen, ist Geld, aber wenn die Juden in Deutschland, Frankreich, England ein Viertel ihrer Habe hingeben wollten, so würde es nicht ausreichen, um alle russischen Juden in leidlichen Wohlstand zu versetzen. Ob durch die Collecren für eine Stadt nicht viele andere Arme benachtheiligt werden, das ist auch eine Frage. Doch das gehört nicht hierher. Wir vertheidigen hier lediglich das Central-Comite der All. Jsr. Univ. und uns selbst als dessen Mitglied. Berichte und Correspondeilzcll. Deutschland. Berlin, 11. October. (Or.-Corr.) Die von der Versammlung jüd. Religionslehrer Schlesiens und Posens abgesandte Deputation, bestehend aus den HH. Dr. Joel, Kroloschin, Dr. Baeck, Lisia und Dr Badt, Breslau, hatte heute Audienz bei Sr. Excellenz dem Herrn Minister Dr. Falk. Der Sprecher derselben, Dr Joel, trug die Wünsche seuur Mandanten vor. Sr. Excellenz, welche schon vor der Anrede des Sprechers sich vollständig orwntirt gezeigt hatten, lehnten eine schon jetzt zu treffende Entscheidung aus dem Grunde ab, weil die Frage, ob der Unterricht in jüd. Rel. obligatorisch oder facultativ sein solle, eine principrelle und nach mannigfachen Richtungen von großer Tragweite und daher nicht im Wege der Verwaltung, sondern der Gesetzgebung geregelt werden müsse. — Im ähnlichen Sinne — wenn auch mit mehr Zurückhaltung — halte sich am Tage vorher einer der Herren Räthe gegen das Mitglied der Deputation Dr. Badt geäußert. — Sr. Exc. bezeugte im wesentlichen seine Sympathien mit dem Streben der Petenten, wenn er auch denr endgiltigen Urtyeil nicht präjndicicen mochte, die Ausführungen der im April eingegangenen P ti.ion seien keineswegs unbeachtet geblieben, sondern reiflich in Erwägung gezogen und bei dem Unterrichtsgesetz verwerlhet worden. Berlin. Im vor. Blatte ist nach Berliner Blättern und nach eigenen Wahrnehmungen über die Zurücksetzung jüdischer Einjährig Freiwilliger in Beziehung auf Beförderung zu Gefreiten*) und Zulassung zum Officier-Examen gesprochen worden. In Bezug darauf theilt jetzt bie „Boss. Ztg." aus einer Zuschrift Folgendes mit: „Ich bin Jude, weder Mediciner noch Philologe, sondern einfach Kaufmann, habe vom 1. October 1875 bis ultimo September 1876 bei einem hiesigen Garde-Regiment mein Jahr abgedient, bin am 1. April 1875 zum Gefreiten und nach bestandenem Officier-Examen am 29. September 187 6 zum Unterofficier befördert, als solcher in diesem Herbst zur Uebung einberufen und vor 14 Tagen zum Vicefeldwebel ernannt. Ich gebe zu, daß auch ich bei meinem Eintritt die Befürchtung hegte, baß mein Glaube mir eine andere Behandlung seitens meiner Vorgesetzten zuziehen würde, als dies bei den Freiwilligen anderer Confessionen üblich, und habe mit *) Statt „den Kopf zu geben" ist daselbst natürlich zu lesen: Knopf (Abzeichen der Gefreiten.)