Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 40. (3.10.1877)
- Date
- 1877-10-03
- Page
- Seite 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dem langen, bluttriefenden Register russisch-rumänischer Grausamkeiten gegen die Juden, brachte das Fremden-Blatt die Nachricht, daß man 600 rumänische jüdische Soldaten als erste Opfer von Plewna ins Feuer trieb, von welchen blos fünfzehn Mann zurückkamen. Unter diesem Eindruck schaltete unser sehr hochverehrter, für das Judenthum begeisterter Rabbiner Hr. S. R. Melli, bei der Todtenfeier am Versöhnungstage die nachfolgenden ergreifenden (aus dem Italienischen von mir übersetzten) Worte ein, denen sie in Ihrem gesch., hier vielgelesenen Blatte Aufnahme gewähren mögen, als ein Denkblatt für jene patriotischen Märtyrer! „Brüder! Dort auf den blutigen Gefilden, wo ein heuchlerischer und ungerechter Krieg wüthet, fallen zu Hunderten unsere Brüder; sie fallen aber nicht im loyalen Kampfe, sondern sie wurden von ihren barbarischen Unterdrückern, den Rumänen, den feindlichen Feuerschlünden direct preisgegeben, — während sie doch ausgezogen waren, um muthig ihr Leben im ehrlichen Kampfe zur Vertheidigung jener Hyänen in Menschengewand hinzugeben. Es ist daher unsere Pflicht, neben unseren theuern Hingeschiedenen auch jener Opfer solch unerhörter Barbarei zu gedenken. Wir fluchen nicht jenen Grausamen, denn heute ist ein Versöhnungstag, aber wir flehen zum Höchsten, er möge solche Barbarei und wilde Grausamkeit von der Erde verschwinden lassen!" Frankreich. Paris. Der Bericht der Alliance Jsr. Univ. für Sept. enthielt an der Spitze einen erneuten dringenden Aufruf zu Beiträgen für die nothleidenden Opfer des Krieges, die Juden in der Türkei. Die bisher eingegangenen Gaben sind anerkennens werth,*) aber noch ganz ungenügend. — Der Bericht enthält ganz genaue Angaben über die Leiden der Juden in Eski-Sagra, Kazanlik u. s. w. und Na mensverzeichniss e der Ermordeten,Verwundeten und Fortgeschleppten, während von den viehisch mißhandelten Frauen und Mädchen nur die Zahl, nicht die Namen aufgeführt werden. Wir behalten uns weitere Auszüge aus dem Bericht für das nächste Blatt vor. Paris. Die Beerdigung Thiers hat bekanntlich am ersten Tage Rosch-Haschana stattgefunden. Der Gottesdienst in den Synagogen wurde deshalb etwas früher als sonst üblich geschlossen. „Arch. Jsr." widmen dem Verstorbenen einige Worte warmer Anerkennung und heben von jüdischem Gesichtspunkt hervor, daß Thiers Belfort für Frankreich und damit dem französischen Judenthum einen Rabbinatsbezirk erhalten habe, und daß unter seiner Präsidentschaft alsbald zwei neue Consistorialsitze für die in Elsaß-Lothringen verlorenen geschaffen wurden. Darüber, daß Thiers im Jahre 1840 bei der Judenverfolgung in Damascus keine löbliche Rolle gespielt hat, ist nichts gesagt. Es ist edel und unsrer Religion angemessen, Unrecht zu vergeben und zu vergessen, der Wohlthaten aber, auch ziemlich geringfügiger, dankbar zu gedenken. — „Univ. Jsr." berichtet die von „Archives" gebrachte Nachricht über die Beförderung eines dritten Israeliten zum Brigadegeneral (s. Nr. 37); Lambert ist gar kein Jude. — Aus den Berichten über die neue Synagoge für den portugiesischen Ritus ist ersichtlich, daß auch in dieser sich eine Orgel befindet. — Der kürzlich verstorbene Hippolyte Worms, Schwiegervater des bei der Belagerung gefallenen Commandanten Franchetti, hat von dem seiner Frau und seiner Tochter hinterlassenen Vermögen fürstliche Legate ausgesetzt: den israel. *) Das Verzeichniß der bisher in Paris eingegangenen Gelder ist angefügt. Speciallisten sollen folgen. Wir haben hier erst am Jomtippur zu Gaben aufgefordert, und die Sammlung ist noch nicht beendet; so ist jedenfalls von vielen Orten noch das Meiste rückständig. Wohlthätigkeitsaustalten in Paris 62,000 Frcs, der Gemeinde Metz 100,000, dem 9. Arrondissement von Paris 11,000 u. s. w., zusammen ca. 440,000 Frcs. (Un. Jsr.) Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin, 27. September. Die hies. Commune wird durch die Munifizenz eines unserer Glaubensgenossen um eine großartige Stiftung reicher. Der Magistrat theilt der Stadtverordnetenversammlung folgende Zuschrift mit: „Bei meiner langjährigen Thätigkeit in der Armendirection, in der ich die Wohlthätigkeitsfonvs zu verwalten hatte, habe ich oft mit großem Bedauern gesehen, daß Damen von gebildetem Stande nicht unterstützt werden konnten, weil die Fonds, die zu diesem Zwecke disponibel sind, nur geringe Sumnien hergeben. Es war schon lange mein Wunsch, diesen Uebelstand zu verringern, und bin ich jetzt, wo meine unvergeßliche Mutter die Augen geschloffen hat, die stets bereit war, unverschuldete Roth zu lindern, bereit, eine Stiftung für diesen Zweck ins Leben zu rufen. In dem Statut, welches ich der Verwaltung dieser Stiftung zur Norm geben möchte, habe ich dem Magistrat Rechte, aber auch Pflichten übertragen. Indem ich dem Magistrat dieses Statut überreiche, bitte ich denselben, dasselbe zu genehmigen und die nöthigen Schritte zu thun, um die Stiftung ins Leben zu rufe,:, während ich mich verpflichte, nach erfolgter Genehmigung das Stiftungscapital von 300,000 Mk. dem Magistrat auszuhändigen. Berlin, 15. Sept. 1877. Löwe, Stadtrath." In §. 1 des Statuts wird als „Zweck" der Stiftung angegeben: „Unversorgten und unbescholtenen Töchtern gebildeten Standes, deren Einkommen zu einem anständigen Unterhalte nicht ausreicht, eine jährliche Rente zu gewähren. Bei der Verleihung der Rente macht die C o n f e s s i o n keinen Unterschied, die Empfängerin muß aber vaterlos und unverheiratet sein, das 40. Lebensjahr erreicht haben und in Berlin wohnhaft sein " Breslau. Am 2. und 3. October wird hier eine Versammlung der jüdischen Religionslehrer der höheren Lehranstalten Schlesiens und Posens stattfinden. Das einladende Comits zeigt an, daß folgende Gegenstände der Tagesordnung vorgeschlagen sind: Die Petition, den jüd. Religionsunterricht betreffend, die Simultanschule, Gymnasium und Religionsschule, Lehrbücher, der jüd. Religionsunterricht und die Abiturientenprüsung. Colberg. (Or.-Corr.) Durch Kabinetsordre vom 17. August sind dem hiesigen jüdischen Kurhospital auf Grund seines Statuts vom 25. Juni 1877 die Rechte einer juristischen Person verliehen morden. In Linz am Rhein starb vor Kurzem die Witlwe Vogel Mann in dem hohen Alter von 101 Jahren. Sie hinterließ eine zahlreiche Nachkommenschaft und war bis kurz vor ihrem Tode im Gebrauche ihrer Sinneskräfte. Mühlhausen (Elsaß). Hier erscheint vom I. October ab ein neues halbmonatliches Blatt unter dem Titel „L’A]sace Lorraine isra61ite“ theils in deutscher, theils in französischer Sprache. Thorn, 17. September. Die Thorner Geschworenen israelitischer Confession, welche für den Versöhnungs-Tag vergeblich Urlaub nachgesucht hatten, waren zu der heutigen Eröffnung des Schwurgerichts erschienen, ihre Strasburger Glaubensgenossen dagegen ausgeblieben. Der Gerichtshof beschloß die verantwortliche Vernehmung dieser Herren, welche somit wohl Gelegenheit erhalten werden, diese Frage in der obersten Instanz zum Austrage zu bringen. In Frankfurt a. M. wurde eine Zeugin, welche wegen des Versöhnungs-Tages nicht vor der Strafkammer erschien, in eine Geldbuße von 10 Mk. genommen. In dem Urtheil