Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 40. (3.10.1877)
- Date
- 1877-10-03
- Page
- Seite 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ligengeistspitals, nach welchem den christlichen Dienstboten bei Juden nur gegen die Verpflegungskosten Aufnahme finden sollen, ging an die Siistungskommission zur weiteren Verhandlung. Genanntes Hospital ist eine christliche Privatstiftung mit einem Kapital von fast 10 Millionen Mark. *** Frankfurt a. M, 26. Septbr. Im Realschulgebäude der israelitischen Gemeinde fand gestern die von fünf zu fünf Jahren abzuhaltende ordentliche Generalversammlung des israelitischen Lehrerunterstützungsvereins „A ch a w a" unter zahlreicher Betheiligung der auswärtigen Mitglieder statt. Der Vorsitzende, Adolf Tebläe, erstattete den Bericht über die Wirksamkeit des Vereins in den letztverflossenen fünf Jahren, demzufolge das Vereinsvermögen bereits die Höhe von M. 70,000 erreicht hat. Einschließlich der demnächst zur Vertheilung kommenden Summe von ungefähr 5800 M. und der aus dem Reservefond verausgabten Summe von 620 M. sind seit dem Jahre 1865 über 42,000 M. an bedürftige Mitglieder und an deren Hinterbliebene verabreicht worden. Viele arme kranke und dienstunfähige Lehrer, viele Witlwen und Waisen segnen dankend das hilfreiche Wirken der „Achawa", deren Thätigkeit sich über alle Gauen unseres^Vaterlandes erstreckt. — Mit ehrender Anerkennung gedachte ferner der Vorsitzende der in den letzten Jahren durch den Tod abgerufenen Verwaltungsmitgliedes Leopold Beer und Jul. Phu. Bonn, sowie des um den Verein besonders hochverdienten verstorbenen Gustav Dann. — In Berücksichtigung der vom Verein angestrebten Corporationsrechte beauftragte die Versammlung den Vorstand, diejenigen Abänderungen der Statuten zu berathen, welche hierzu nothwendig erscheinen, und einer im Laufe des nächsten Jahres einzuberufenden außerordentlichen Generalversammlung zur Genehmigung vorzulegen. Dem Schulrathe der israel. Realschule dankte die Versammlung für die bereitwillige Ueberlassung des Locals; dem Vorlitzenden sprach Herr Director Dr. Bärwald in warmen Worten den Dank des Vereins aus. Zwei der austretenden Vermallungsmitglieder wurden wieder gewählt, an Stelle eines dritten Aüstretenden traf die Wahl den Lehrer Herrn I Blum dahier, welcher sofort das Amt eines Schriftführers übernahm. Hiermit schloß die 4. ordentliche Generalversammlung der „Achawa." Kobylin (Posen), 12. September. (Or.Corr)*) Als vor mehr denn zwei Jahren hier eine Rabbiner-Wahl stattfinden sollte, und unter sämmtlichen Candidaten Ihr gesch. Mitarbeiter, Herr Dr. I. S. Bloch, jetzt Bezirks-Rabbiner in Brüx, die meisten Sympathien hatte, erschienen — war es Absicht, war es Zufall? — grade zur selben Zeit einige Schmutz- und Schmähartikel im „Israelit" gegen ihn. Dieses Blatt wird seit je hier nicht gelesen, man war jedoch von gewissen Seiten großmüthig genug, uns jenes Blatt und gerade die bewußten Nummern unentgeltlich zur Ansicht zuzuschicken. Die Wirkung dieser Artikel war eine durchschlagende und überraschende, keine einzige Stimme fiel auf einen anderen Candidaten. Wir einfältigen Leute sagten uns: wenn das fragliche Blatt und seine Helfershelfer so sehr gegen den Mann aufgebracht sind, einen solch wüthenden Kampf gegen ihn führen, so wird das kein unbedeutender Mensch sein: den wollen wir haben! Unser Ealcul war richtig. Das einstimmige Urlheil der Gemeinde lautet jetzt nach zwei Jahren; einen solchen Redner und Gelehrten haben wir hier noch nie gehabt, nnd werden wir kaum je wieder bekommen. Nach zweijähriger Wirksamkeit hat uns unser Rabbiner verlassen, um die Bezirks-Rabbinerstelle in Brüx zu übernehmen. Wochenlang vorher hat unser Rabbiner schriftlich bei dem Vorstand und den Repräsentanten um Entlastung gebeten; Alles, Juden wie Christen, Deutsche wie Polen, die ihn kannten, fast jedes Kind wußte lange, daß unser Rabbiner nach Brüx abgehen werde; er hat nicht blos hier, sondern bei den Freunden in der ganzen Umgegend, der Stadt Posen, Koschmin, Jarotschin und Krotoschin Abschieds-Visiten gemacht, acht Tage vorher. Er hat auch dem Vorstand schriftlich, andern Ge- *) Für die vorige (Doppel-) Nummer zu spät eingegangen. (Red.) meindemitgliedern mündlich den Tag seines Abganges vorher angezeigt. Da lesen wir wiederum in der jüdischen Presse Nr. 36 einen Artikel angeblich aus Kobylin: „Daß die polnischen Schnorrer oftmals „ihr" sitzen lassen, ist bekannt; daß aber auch ein Seelsorger, ganz unbesorgt um die anverirauten Seelen, plötzlich verduften kann, das haben wir leider an uns selber erfahren müssen. Herr Dr. Bloch hat sich dieser Tage, ohne jeden Abschied von der Gemeinde, durch einen kühnen SaUo mortale aus unserer Mitte nach Brüx in Böhmen versetzt, eine Handlungsweise, die kein Recht denkender wird billigen können." Daß ein Redakteur solche Schmähung aufnimmt, ohne sich zuerst von der Wahrheit zu überzeugen, kennzeichnet genugsam die Sauberkeit dieser Orthodoxie, kennzeichnet den Grad von Haß, den man in diesem Kreise gegen unfern frühern Rabbiner hegt, (der übrigens kein Breslauer, sondern ein ehemaliger Schüler Hildesheimers ist.) Seinen auswärtigen Freunden, die es etwa nicht wissen sollten, können wir jedoch versichern, daß er starke Schultern hat, um Alles das und noch Aehnliches, das kommen sollte, mit Gleichmuth und dem wünschenswerthen Humor zu tragen. Ich bitte Sie, geehrter Herr Redakteur, diese Zeilen im Interesse der Wahrheit abdrucken zu wollen. Ein G e m e i n d e m i t g l i e d. Aus Baden, 13. Sept. (Or-Corr.)*) Sie haben zwar in Nr. 37 der Wochenschrift der Broschüre „Der alte und der neue Glaube im Judenthum" bereits die Marke ausgeprägt, erlauben mir aber wohl, da ich auf das Schriftchen schon „hereingefallen" war, noch eine genauere Charakteristik, um so mehr, als, wie gezeigt werden soll, der Gegenstand noch einen weiteren Hintergrund hat. Weß Geistes Kind der Verfasser ist, sollen zunächst seine eigenen Worte bezeugen. Nachdem er vorgeschlagen, alle Feste nach Abschaffung des lunarischen Kalenders jeweils am Samstag und Sonntag zu feiern, fährt er fort: „fürchte nichts lieber orthodoxer Leser, der du stumm vor Entietzen bist beim Anblick dieser Zeilen und dem Verfasser eine aufrichtige miss meschine an den Hals werfen möchtest. Fürchte nichts, es wird nicht so weit kommen, dazu ist selbst der schweinefleischestende Neologe viel zu conservativ." In der That dürfte sich unter den so bezeichneten Juden kaum noch ein zweites Exemplar von der Qualität des Verfassers des Schriftchens finden, denn dazu gehört nicht ein wenn auch noch so weit gehender Radicalismus, sondern eine seltene Schamlosigkeit. Lehren und Gebräuche des Judenthums werden mit einem rohen Hohn und giftigen Geifer dargestellt, dessen die Eisenmenger und Schudt, die Rohling und Rabbert, unfähig waren. Die schönsten Aeußerungen desselben werden zum Ergötzen eines johlenden Pöbels durch den Koth gezogen, die schamhaftesten, keusch sich verhüllenden Seiten werden von diesem Menschen, der in Wahrheit die Scham seines Vaters entblößet, aufgedeckt und zuchtlosem Spotte preisgegeben, das Alles in einem Stiele, für den ich aus Achtung vor den Hunden die Bezeichnung „cynisch" vermeide. Mit besonderer Behaglichkeit werden einzelne Witzworte, die Heine, dem ungezogenen Liebling der Grazien, in übermüthigen Momenten entschlüpft sind, angeführt, während die wahrhaft erhabenen Worte, die in dessen „Geständnissen" und in den „hebräischen Melodien" lich finden und die Heine's wahre Herzensmeinung darstellen, todtgeschwiegen werden. Natürlich, sagt doch Heine selbst von dieser Sorte seiner Verehrer: „Selten habt ihr mich verstanden, selten auch verstanden ich euch, nur, wenn wir im Koth uns fanden, da verstanden wir uns gleich." Dem Verfasser ist das ganze nachbiblische Judenthum nichts als Götzendienst, Aberglauben und Heuchelei; Schleiden, der für dasselbe seine Verehrung aussprach, „hat nur tendenziöse Winkelschriften benützt und sich von diesen blenden lassen." Aber auch von *) Die Schreibweise dieses Artikels ist zwar nicht die sonst in unserm Blatte übliche, aber der Zorn, der sie dem Herrn Vers, eingegeben hat, ist diesmal ein vollständig berechtigter. (Red.)