Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 40. (3.10.1877)
- Date
- 1877-10-03
- Page
- Seite 311 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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staltung des Statuts nothwendig sei. Beim §. 1 „Zweck' wurde beantragt, der Nr. 6 folgende Fassung zu geben: „Fürsorge für Fortbestand der Eiuzelgemeinden, namentlich für Errichtung und Erhaltung ihrer Religionsschulen und Ausbildung von Religionslehrern" Hr. Rabbiner vr. Dessauer wollte dem Bunde ein weiteres Ziel stecken; er stellte den Antrag: „Der D.-J. Gemeindebund macht es sich zur Aufgabe, die religiöse Gleichstellung des israelitischen Cultus mit dem der christl. Confessionen anzubahnen." Er wies auf Elsaß-Lothringen, Baden und Württemberg hin. Dennoch ließ man diesen Antrag blos als frommen Wunsch gellen. Die Juden Deutschlands sind immer noch zu schüchtern, wenn es gilt, die Schranken des Mittelalters mit energischer Kraft hinwegzuräumen und von den Negierungen das gleiche, unterschiedlose Recht in allen Punkten zu fordern. Weitere' wesentliche Veränderungen des Statuts sind: „Die Herabsetzung des Beitrages auf ein */a °/0 der zur Erhebung gelangenden direkten Gemeindesteuern; Ernennung von Delegirten an Orten, wo der Ausschuß es für nöthig erachtet, die sich der besondern Fürsorge für die Zwecke des Gemeindebundes in den ihnen zugetheilten Bezirken unterziehen; beständiger Sitz des Ausschusses wie des Gemeindetages bleibt Leipzig. Der Ausschuß besteht aus nicht weniger als fünf Mitgliedern, von welchen mindestens drei in Leipzig wohnhaft sein müssen. Die Debatte war lebhaft, es betheiligten sich an derselben u. A. Professor Lazarus, Rechtsanwalt ll^eyer, vr. Wachtel, Dr. Fürst-Leipzig, Dr. DessauerKöthen, Rothschild-Stadtoldendorf und Jsensee-Hildesheim. Ein Antrag des Präsidenten, daß der Kassirer des Gemeindebundes nicht nothwendig dem Ausschüsse angehöre, ferner daß der Ausschuß einen Kassenrevisor bestimme, der mindestens jährlich einmal eine Revision der Kasten vorzunehmen habe, wurde von der Versammlung einstimmig genehmigt. Zum Schlüsse entspann sich eine lebhafte Debatte über die Frage, wenn der Gemeindebund, was allerdings nicht zu erwarten ist, wegen mangelnder Betheiligung sich einmal auflösen sollte, wem dann die Erbschaft zufiele? Diese Frage, setzte Prof. Lazarus einander, dürfe uns nicht beunruhigen, es sei eine alte Erfahrung, daß derjenige länger lebe, wer sein Testament gemacht hat, vielleicht weil er ruhiger in die Zukunft blickt. RA. Meyer beantragte, den Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Leipzig für diesen Fall zum Erben einzusetzen. Rabbiner vr. Destauer plädirte aus logischen Gründen für die Alliance Israel. Universelle, mit der Bedingung, daß diese die Gelder nur zu Gunsten der deutschen Israeliten verwende. Ohne dem Vorstand der Leipziger Gemeinde in der Zukunft irgendwie nahe zu treten, fordere dies die Logik; löst sich, sagte er, der Gemeindebund eines einzelnen Staates auf, so ist die allgemeine Allianz die nächste Erbin. Dennoch bekämpfte Prof. Lazarus diesen Antrag auf das Entschiedenste und sprach für Leipzig, er erhielt die Majorität der Stimmen. Gegen 10 Uhr schloß der Präsident die Sitzung und empfing für seine Ausdauer und seinen Eifer den wärmsten Dank der Versammlung. j Bernburg, 27. September. Die Feier des bereits in letzter Nr. erwähnten fünfzigjährigen Amtsjubiläums unseres Landrabbiners vr. Herxheimer fand gestern in solenner herzerhebender Weise statt. Es war kein reclamenhaft in alle Welt hinausposauntes künstlich veranlaßtes Journalisten Jubiläum,—dergleichen hätte dem stillfriedlichen Wesen des Jubilars durchaus nicht convenirt, — sondern ein aus der freiwilligen Liebe und Verehrung seitens seiner Gemeinde hervorgegangenes, von dem Vorstande in gelungenster Weile arrangirles Gemeindefest, ja ein Familienfest im weitesten und schönsten Sinne des Wortes. Wir legen unserem Berichte den aus dem „Bernb. Tagebl." zu Grunde: Die Feier begann früh Morgens 10 Uhr. Vorstand und Repräsentanten überreichten dem Jubilar eine kalligraphirte vorzüglich gearbeitete Adresse und brachten ihm im Namen der Gemeinde die herzlichsten Glückwünsche dar. Nach jenen Herren erschien auch unser Oberbürgermeister, umgeben von seinen sämmtlichen Räthen, um im Namen der Stadt dem Jubelgreise zu gratuliren. Mittlerweile war die Zeit des Festgottesdienstes herangerückt. Den Jubilar holte der Vorstand aus seiner Wohnung ab. An der Schule hatten sich die Knaben aus der einen und die Mädchen in weißen Kleidern auf der anderen Seite aufgestellt. Sechs allerliebste kleine Mädchen gingen ihrem geliebten, verehrten Religions- Lehrer vorweg bis an die Kanzel des so herrlich mit Kränzen, lebenden Blumen und sehr passenden biblischen Inschriften decorirten Gotteshauses, Blumen auf den Pfad des Mannes streuend, der seiner Aufgabe, die Jugend auf den Weg der Tugend und wahren Gottesfurcht zu leiten, so hingebend ein halbes Jahrhundert nachgekommen. Nachdem der Choral: „Bis hierher hat mich Gott gebracht" unter Orgel- und Musikbegleitung ausgeführt war, hielt der Herr vr. Goldschmidt die Festpredigt. Dieser folgte ein nach Jesaias (52, 7 und 61, 10) verfaßte Motette, Composition des Dirigenten des israelitischen Gesangvereins, des Herrn Lehrers Böhm. Die Schlußrede hielt (an Stelle des durch Krankheit in der Familie behinderten Hrn. vr. Saalfeld in Dessau) Herr Rabbiner vr. Rahm er aus Magdeburg. Die zahlreichen Theilnehmer (unter denen wir die Spitzen sämmtlicher hiesigen Behörden, die des Reiches, des Staates und der Gemeinde, sowie auch viele dem Judenthum nicht angehörige Personen bemerkten) waren von der Feier in jeder Beziehung sehr erbaut. (Wir kommen auf den Inhalt der beiden Reden in nächster Nr. zurück.) Vor Beginn der Nachmittags um 2 Uhr festgesetzten Festtafel formirten sämmtliche Anwesenden einen Halbkreis im kleinen Zimmermann'schen Saale. Es erschien nun der Landessuperintendent vr. Walther und gleich darauf wurde der Rabbiner vr. Herxheimer vom Vorstande und den Repräsentanten eingeführt, vr. Walther hielt eine sehr treffende Ansprache an den Jubilar, hob deffen Wirken in seiner langen Thätigkeit hervor und heftete dem Jubilar im Namen Sr. Hoheit des Herzogs Friedrich die goldeneMedaille fürKunst und Wissenschaft an. (Schluß folgt.) Frankfurt a. M, 24. Sept. (Or.-Corr.) Wenn ich über den ferneren Verlauf der Austrittsangelegenheit, resp. den Hirsch-Bamberg'schen Federkrieg nicht weiter berichtet habe, so geschah dies, weil die Trennungsgeschichte mir zum Ekel geworden ist, so daß ich die letzten Broschüren nicht einmal lesen und noch viel weniger darüber schreiben mochte. Uebrigens sind die vom Hirsch'schen Sturme aufgewühlten Wogen zur Ruhe gekommen, und die frühern Trennungsgelüste sind ungesättigt unterdrückt worden. Die nunmehr zur Ausführung kommenden Zugeständniffe des Gemeinde-Vorstands tragen natürlich viel dazu bei. Ein prachtvolles Frauenbad (Baukosten 80,000 Mark) ist schon längst im Aufbau, und für die Anstellung eines talmudisch geschulten Dajans ist ein Gehalt von 4000 Mark nebst freier Wohnung ausgeworfen. Ausgeschrieben wird — wie ich glaube — diese Stelle nicht werden. Die Religionsgesellschaft hat sich bis jetzt noch vergeblich um Erlangung des Gemeinderechts bemüht, ohne welches sie kein Recht zur Eintreibung einer Gemeindesteuer hat und natürlich auch keine Anleihe aufnehmen kann. Die Stadtverordneten haben sich im Verlaufe einiger Wochen dreimal mit jüdischen Gemeindesachen zu beschäftigen gehabt. Zuerst über eine Eingabe des Gemeinde-Vorstandes wegen einzuführenden Religonsunterricht für die jüdischen Schüler, weiche die christlichen Schulen besuchen, was aus dem Grunde abgeschlagen wurde, weil keine solche Schule 30 jüdische Schüler hat. Ferner über die Reftituirung eines der Gemeinde angehörendenden Spritzenhauses, welche der Magistrat beantragte und die Stadtverordneten ablehnten. Die Rechtsfrage war zweifelhaft. Eine wichtigere Eingabe des Gemeinde-Vorstandes über die Verwaltungsordnung des Hei-