Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 40. (3.10.1877)
- Date
- 1877-10-03
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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310 — «*• N l k I 4 % mittelbaren Eindrücke der Verhandlungen zu beobachten, die gewaltige Erregung des Publikums, welches in seiner laienhaften Weise, d. h. nicht nach wirklichen Gründen, sondern nach allerlei Sympathien und Antipathien lebhaftesten Antheil nahm.*) Und dieselben Personen, die in diesem Jahre die Debatte geführt haben, standen auch damals im Vordergründe. Der jugendliche Privatdocent Hackel trat als begeisterter Apostel des Darwinismus vor den staunenden Zuhörern auf, Virchow fordert besonnene Prüfung der noch lange nicht spruchreifen Fragen. So damals. Seitdem hat der Darwinismus extensiv und intensiv gewaltige Fortschritte gemacht. Er hat in immer größere Kreise Eingang gefunden, überfluthet die Journalistik, die Belletristik, die (freilich nur in schnödestem Mißbrauch) s. g. populär-wissenschaftliche Literatur. Ebenso verbreitete er sich intensiv, es ist ja nicht die naturwissenschaftliche Theorie allein, um die es sich handelt, der Darwinismus soll den gesummten Bau des menschlichen Denkens, Wissens und — Handelns beherrschen, alles niederreißen und umgestalten. Das ist nun der Punkt, bei dem, wie die Einsichtigen voraussehen konnten, der Rückschlag eintreten muß. Denn wir können es den Naturforschern überlasten, zu prüfen, ob sich das Werden und das Sein der organischen und unorganischen Wesen, und wenn sie so wollen, der Gesammtbau des Universums aus der Darwinschen Hypothese heraus construiren läßt; aber daß es ihnen gelingen werde, den Bau einer geistigen und sittlichen Welt auf ihren Fundamenten aufzuführen, das ist unmöglich, und das ist der Punkt, bei dem mitzusprechen wir insgesammt vollberechtigt sind. Zerstören und Einreißen ist heutzutage wahrlich keine absonderliche Kunst mehr. Wie die „Wissenschaft" die Werkzeuge zum Zerstören realer Dinge in Hülle und Fülle und in glänzender Vollkommenheit liefert, so hat sie, als philosophische, theologische, historische rc. Kritik längst das Material geliefert, mit dem man alles Dagewesene, Vorhandene, Ueberlieferte, Gedachte, Geschriebene Umstürzen kann. Aber das Aufbauen!! Da hat Strauß, gewiß ein klarer im strengen Denken geschulter Kopf, es versucht, einen „neuen Glauben" aufzubauen. An die Stellen der alten Lehren will er, um die Menschen zu Menschen zu machen, etwas Darwinismus treten lassen, dann Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Universum, ferner Aesthetik, Beethoven'sche Symphonien u. drgl. m. Man hat diesem Theil seines Buches kaum der Ehre einer Widerlegung gewürdigt. Und nun kommt Häckel nnd verlangt, daß der Darwinismus in der Schule gelehrt, der gesammten Erziehung, der Moral, dem Staats- und Gesellschaftsbau zu Grunde gelegt werde. Wie das geschehen soll, darüber fehlt jede Andeutung. Er sagt nicht einmal, daß ihm eine Antwort darauf „vorschwebe"! Ein bewohntes, tüchtiges Haus soll niedergerissen werden, ehe auch nur ein Stein oder eine Idee zu einem Neubau vorhanden ist. Wir haben wohl nicht nöthig, aus der Gegenrede Virch ow's auch nur den kürzesten Auszug zu geben, sie ist ja schon in allen Zeitungen besprochen worden. Nicht nur die *) Wir waren damals veranlaßt, „die Grundlehren des Judenthums und die Naturwissenschaft" zum Gegenstand einer (veröffentlichten) Kol- Nidre-^rebigt zu machen; auch später noch mehrmals in die Debatte -einzutreten; doch ist von unserer Person hier nicht weiter zu reden. Ueberstürzung Häckels wurde mit schneidender (und wirklich gar nicht weit zu suchender) Ironie abgefertigt, sondern die ganze Unfehlbarkeits-Anmaßung der Darwin-Berauschten wurde von Virchow und dem Botaniker Nägeli zurückgewiesen, und abermals wurde von wirklich competenten Naturkundigen ausgesprochen, daß die Naturhistorie heut noch ebensowenig vom Ursprung der Dinge und vom Wesen des Geistes weiß, wie vor Jahrtausenden, daß unser angebliches Eindringen in die Tiefe des Weltenwesens immer nur die Oberfläche ritzt. Mehr als dies Bekenntmß verlangen wir nicht. Wir verlangen nicht, daß die Wissenschaft umkehren, sich den Lehren der Theologen unterwerfe und auf weiteres Forschen verzichte — aber die dreiste Art, mit der man sagt: „wir wissen", wo man nichts weiß, die ist verderblich und widerwärtig. Hoffen wir, daß in der That eine Wendung eintrete. Es ist bald Zeit dazu. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Leipzig. Deutsch-israelitischer Gemeindetag. Mittwoch, den 19. September wurde in der Synagoge zu Leipzig ein außerordentlicher Gemeindetag abgehallen. Die Vorbesprechungen der Deputirten fanden Dienstag, den 18. September und Mittwoch Mittag im Hause des derzeitigen Vorsitzenden des Gemeindebundes, Herrn Jakob N a ch o d, statt. Professor Lazarus aus Berlin eröffnete 6 Uhr Abends den Gemeindetag, der leider schwach beschickt war, mit einer ergreifenden Ansprache. Die Versammlung, sagte er, müsse zunächst zur Wahl eines Präsidenten schreiten. Die Seele des Bundes, sein „geborner Präsident" sei nicht mehr unter den Lebenden. Moritz Kohner war eine symbolische und typische Persönlichkeit. Aus fremdem Lande kommend, hat er durch eigene Kraft und Energie in dem fremden Lande, in der fremden Stadt zu hohem Ansehen und Vertrauen sich emporgeschwungen, was schon seine Ernennung zum Stadtrathe in Leipzig beweist. Auch das Volk Israel wandert so seit Jahrtausenden und begründete seine geachtete Stellung in den fremden Ländern durch Fleiß und Geisteskraft. Das ist symbolisch. Seine Person war aber auch typisch für den Gemeindebund.*) Als er noch gesund und kräftig war, blühte auch der Gemeindebund kräftig empor; mit seiner Krankheit begann auch dieser zu kränkeln. Professor Lazarus beantragte daher, Kohner wegen seiner hohen Verdienste um den Gemeindebund zum ewigen Ehrenmitgliede desselben zu ernennen. Die Anwesenden stimmten ihm in sichtlicher Ergriffenheit durch Aufstehen von ihren Sitzen vollständig bei. Es war ein feierlicher Augenblick, als Lazarus der pietätsvoll erhobenen Versammlung zurief: „Wie in Ihrer Erinnerung, so bleibe ewig in unserem Gedenkbuche der Name Kohners ehrenvoll verzeichnet!" — Die Versammlung wählte hierauf den Rechtsanwalt vr. Meyer aus Berlin zum Vorsitzenden, die HH. Nachod und Lazarus als Beisitzer. Den ersten Theil der Tagesordnung bildete der Bericht des Herrn Nachod über die Lage der Bundesangelegenheiten, die im Ganzen und Großen eine günstige zu nennen sei. Die vorhandenen Capitalien sichern schon zur Noth den Fortbestand des Bundes. , Die Berathung des neuen Statuts war der wesentlichste Punkt der Tagesordnung. Es hat sich dem Ausschüsse die Ueberzeugung aufgedrängt, daß zur Sicherung des Fortbestandes des deutsch-israelitischen Gemeindebundes eine Umge- *) Es ist nicht selten in der israelitischen Geschichte der Fall, daß ein Einziger die Geschicke Israels in jeinen Händen trug. Wlr brauchen blos die Richterzeit im Auge zu behalten, um zu sehen, wie daimmer nur ein Hervorragender das Volk aus der Lethargie weckte, ^me solche typische Ausprägung fand Kohners Wirken und Schaffen.