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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-09-19 · N° 38 u. 39. (19.9.1877) · p. Seite 306

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 38 u. 39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 306 (sequence 10)
Language
German
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306 — zähle, was sich in den letzten Tagen noch zugetragen. Hoffentlich hat es Eure Billigung." Sie setzen sich alle Drei aufs Sopha und Moritz erzählte: „Als ich von Tante Esther gleich nach meiner Ankunft! Nosa's Geschick und Aufenthalt erfahren hatte, ließ ich letztere nicht mehr aus den Augen. Sie bedurfte einer starken Stütze im Hause der Gräfin von Rolandsau. denn sie war rings von Gefahren umgeben Aber Dank der kernhasten sittlichen Erziehung, die sie im Elternhause genossen, stand sie fest in Tugend und guter Sitte. Sie ertrug geduldig manche verletzende Blicke, und manche Zurücksetzung, die der „Jüdin" gegolten. Ich freute mich in der Seele, als ich bemerkte, daß sie in keiner Beziehung — trctz der oft gefährlichen Situationen — ihrem guten Namen, der Ehre ihres Stammes etwas vergab. So wußte sie sich Achtung von den hochnäsigen Adeligen abzuzwingen. Es mar kein Wunder, daß der junge Graf nach der Heimkehr von seinen Reisen, wohin die Mutter ihn gesandt, damit er Nosa's vergesse, noch innigere Liebe zu ihr hegte. O, ich beobachtete Alles, Niemand kannte ja meine nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Rosa. Da kam der verhängnißvolle Gesellschafts-Abend auf dem Schloße der Frau Gräfin, die Proclamation der Verlobung Alfreds mit der jungen Gräfin Clotilde v. Hohenwart. Rosa war tief erschüttert, so hatte sie umsonst das Elternhaus, den greisen Vater verlafien, nur weil sie dem Zuge ihres Herzens, der Liebe gefolgt war! Es war eine schwere Prüfungsstunde über sie gekommen, ich fürchtete um sie; in jener Nacht — ich fühlte es bei mir selbst, daß, sollte ihr jugendlich Herz nicht brechen, ein anderer heiliger Gegenstand an Stelle des verrätherischen Geliebten treten mußte — in jener Nacht, gab ich mich als ihren Bruder zu erkennen und sie war gerettet. Ich stellte inzwischen meine Nachforschungen über die -neue Verlobung Alfreds an, erfuhr, daß er ein Opfer seiner zerütteten Familienverbältnisse werden sollte, daß er gezwungen werde, von seiner Mutter gezwungen, mit der Gräfin Clotilde sich zu verbinden, um des Vermögens willen, das diese mitbringen würde. Ich erfuhr auch, daß Du, lieber Vater, ein ernstes Zwiegespräch mit der Gräfin Mutter hattest, in welchem Dein biederes Vaterherz für die Ehre Rosa's schlug; ich entnahm daraus, daß Du ihr nicht mehr zürntest, daß Du ihr verziehen hattest. O, wie glücklich war Rosa, als ich ihr diese Nachricht brachte. Sie wollte zu Dir eilen, sich Dir zu Füßen stürzen, danken, Abbitte thun. Ich hielt sie zurück — denn ich wußte in ihrem Herzen lebte noch die Liebe zu Alfred, und wie sollte sie mit diesem Geständniß vor Dich hintreten. So lange sie Alfred's nicht vergessen, oder Alfred nicht gekommen, um in ehrenvoller Weise sein Wort einzulösen, so lange durfte sie Dir nicht unter die Augen treten. Und nun höret! Die Lösung des Räthsels ist gekommen, Alfred war bei niir, er hat wie ein Ehrenmann mir erklärt, daß er sein Rosa gegebenes Wort treu halten werde, er sei nur ihr und keiner Anderen Bräutigam. Er schrieb dies auch seiner Mutter, die ihm statt jeder Antwort einen Brief von Clotildens Mutter übersandte, worin diese anzeigte, daß sie das „Geldgeschäft" durchschaue, das man durch die Verbindung mit ihrer Tochter machen wolle und den Verlobungsring zurücksandte. Alfred jubelte, als er den Brief gelesen. „Nun bin ich frei!" rief er, nun kann ich vor Rosa wieder hintreten, Niemand soll mich von Rosa trennen." Heute morgen erst war er bei mir, sein Entschluß ist gefaßt, er will mit mir nach Amerika . . ." „Wie? Du willst wieder zurück nach Amerika?" unterbrachen Lämchen und Esther den Erzähler, dessen Worten sie mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht. „Ja, meine Lieben, ich will's Euch nicht verhehlen, die Luft hier beengt meine Brust, ich kann in einem Lande, in welchem man die Menschen nach Religionen trennt, uns wegen unserer erhabenen Religion zurücksetzt, nicht weilen. Vater, die Ideale, die Du bezüglich der Religionsfreiheit im Herzen getragen, wofür Du geschwärmt in jüngeren Jahren, wofür Du unausgesetzt thätig gewesen, drüben im freien Amerika fand ich sie verwirklicht . . . Wer in dieser Luft einmal gelebt, der kann die hiesige nicht mehr athmen . . . Sollte es mir hier begegnen, daß niich Jemand meiner Religion wegen beschimpfte oder zurücksetzte, wahrlich ich könnte nicht an mich halten, Kreaturen wie Jäkel . . . doch ich will in dieser Stunde nicht jene Nachtbilder heraufbeschwören, die in ewige Vergestenheit versunken sein mögen " „Und Rosa? Was soll aus ihr?" Sie zieht mit uns. Drüben steht ihrer Verbindung mit Alfred kein Hinderniß im Wege.... Doch siehe, da kommen sie selbst, Alfred und Rosa, ich hatte sie auf heute Mittag hierhergeladen. Wir wollen Verlobung feiern. Als ich sie hierherlud, wußte ich noch nicht, daß inzwischen durch Jäkels Geständniß meine Unschuld so klar ans Tageslicht treten würde, da hatte ich blos an die Versöhnung des Vaters mit seinen Kindern gedacht, nun aber freut es mich doppelt, daß Du die Überzeugung von meiner Unschuld aus des Anklägers Mund selbst erhalten hast. „Sprechen wir nicht mehr davon" — unterbrach ihn Lämchen. Die Thür öffnete sich und herein stürzte Rosa, dem Vater zu Füßen, in Thränen aufgelöst. „Stehe auf mein Kind, kämm an mein Herz — ich habe für meine Härte hart gebüßt Du hast Dich wacker und brav geführt, Moritz hat mir Alles erzählt. Wo ist Alfred?" „Hier bin ich! Ich bin gekommen, zum zweiten Male um die Hand Rosa's anzuhalten. Vielleicht halten Sie mich heute derselben für würdiger." „Ihr seid Beide geprüft worden uud habt Euch bewährt. Ihr habt einander Treue bewährt, sie ist der Prüfstein der Liebe. Ihr seid ein Edelmann, Alfred, wenn Euere Mutter ihre Einwilligung Euch giebt, so will ich niit meinem Jawort auch nicht zurückhalten." „Meine Mutter ist geheilt! Hier diesen Brief an Euch hat sie mir heute morgen gegeben. Ich weiß was er enthält, sie schreibt, daß die Tochter ihres Wohlthäters, des Lebensretters meines sel. Vaters ihr als Schwiegertochter willkommen sein solle. Sie sowohl wie ich, wir haben die Religion schätzen und lieben gelernt, die solche Bekenner, solche edle Menschen zu erziehen weiß. In ihrem Geiste zu leben und zu wirken au Rosa's Seite soll meines Lebens Aufgabe, mein wahrer Adel sein." Lämchen reichte Alfred seine Hand, die dieser ehrfurchtsvoll küßte. Er ergriff hierauf Rosa's Hand und legte sie in Alfred's, Thränen rollten über seine Wangen Ob's Thränen reinen Glücks, lauterer Freude waren? Wer will's entscheiden. Lämchen wußte, daß er sich nicht im Einklang mit den Gesetzen der Religion befand, wenn er dieses Bündniß segnete, allein der Gedanke einer dereinstigen allgemeinen Menschenverbrüderung, den er in den Propheten so herrlich ausgemalt fand, hob ihn über alle Bedenken, die er doch noch haben mochte, hinweg. Er glaubte, durch solche Verbindung würde die Verwirklichung jenes Ideals herbeigeführt. Armer Lämchen! Wie warst Du da in Täuschung befangen? Deine Phantasie ließ Dich Jahrtausende überspringen. Auch im Reiche dieser Ideen gilt das Sprichwort: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!" Es wird noch viel Waffer ins Meer rinnen, bis daß das von den Propheten geschaute Menschheitsziel erreicht sein wird. Bis dahin bleibe Jeder seiner Religion treu. Lämchen blieb der „letzte Jude" in seiner Familie; ob seine Enkel, Nosa's und Alfred's Kinder, drüben überm Ocean den Namen „Juden" trugen? oder in welcher andern Religion sie erzogen wurden? — Er erfuhr darüber nichts.

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