Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 38 u. 39. (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage znr Israelitischen WochenMst. Magdeburg, den 12. September 1877. 8. Jahrgang. Belgien. Brüssel, 6. September. Dem „Frank. Journ." wird geschrieben: „Ganz Israel ist in Brüssel in Aufregung, seitdem Bürgermeister Anspach den israelitischen Friedhof für geschlossen erklärt und decretirt hat, daß fürder Katholiken, Protestanten, Juden und Freidenker in der Reihenfolge, wie sie sterben, nebeneinander auf dem gemeinsamen Gemeindekirchhof zu Evers die letzte Ruhe finden sollen. Es bleibt selbstverständlich der Geistlichkeit aller Culte unbenommen. ihre Todten zu beerdigen, wie es ihr beliebt; aber confessionelle Kirchhöfe bleiben abgeschafft, und ebenso memg können auf dem Friedhofe besondere Räume abgesteckt werden. Die Israeliten, welche bekanntlich auf Grund ihrer religiösen Satzungen die Ausgrabung der Leichen verpönen, haben vergebens Schritte gethan, um wenigstens Zeit zu gewinnen. Als sie sahen, daß selbst das katholische Ministerium, obgleich gegen diese von den Liberalen beliebte Auslegung des vseret du Prairial an XII., nicht einzuschreiten wagte, da der Bürgermeister seine Befugnisse nicht überschritten hat, wandten sie sich an die Verwaltungen der Vorstädte, wurden aber auch hier überall abschlägig beschieden. Das Brüsseler Consistorium wußte keinen anderen Ausweg mehr, als sich mit dem klerikalen Gemeinderath von Nivelles, 12 bis 15 Stunden von hier, zu verständigen; dieser räumte ihm auf dem dortigen katholischen Kirchhof einen kleinen abgegrenzten Raum ein, aber nur unter der Bedingung, daß für jede Beerdigung eines Israeliten der dortigen Stadt- Verwaltung 300 Franken bezahlt werden müssen. Auf die Dauer kann diese Last schwerlich von der jüdischen Gemeinde Brüssels getragen werden; dabei verstößt die ganze Convention gegen das Gesetz, das confessionelle Abkommen solcher Natur nur dort gestattet, wo wirklich Familien von der betreffenden Religions-Gesellschaft seßhaft sind. In Nivelles wohnt aber kein einziger Jude. Es wird schließlich den Israeliten nichts übrig bleiben, als sich ins Unvermeidliche zu fügen, und sie hätten klug gehandelt, wenn sie sich dazu ohne Weiteres entschlossen hätten. Sie wissen nämlich recht c ut, daß die in Gent und Brüssel jetzt durchgeführte Maßregel, welche sie so tief in ihren religiösen Ueberzeugungen verletzt, keineswegs dahin zielt, sie zu beeinträchtigen oder zu ärgern. Die Liberalen besitzen kein anderes Mittel gegen das von der katholischen Geistlichkeit sich angemaßte und politisch vielfach verwertete Recht, nach Willkür diesem oder jenem Katholiken ein Begräbniß in geweihter Erde zu verweigern, als die Einführung gemeinsamer Communal-Friedhöfe. Protestanten und Juden werden dadurch allerdings tief betroffen. Da sie aber nur verschwindende Minoritäten in Belgien bilden, so sollten sie sich bescheiden und eher stillschweigend das Gesetz der Majorität über sich ergehen lassen, als auch nur scheinbar mit den Ultramontanen Hand in Hand zu gehen. In einem Lande, wo, wie in Belgien, die bürgerliche und politische Gleichberechtigung aller Confessionen so entschieden und wahrhaft durchgeführt ist, sollten gerade die Israeliten am Allerwenigsten sich beschweren und lieber ihren Vorurtheilen und Ueberlieferungen Gewalt anthun, wäre es auch nur, uni darzuthun, daß sie für die freiheitliche Partei, der sie Alles danken, auch das schwerste Opfer zu bringen bereit sind." Die hier am Schluffe vorgebrachten Argumente sind schon mehrfach gegen die Juden gebraucht worden. So in Brüssel selbst, als Rabbiner Astruc sich in einem dem Ministerium erstatteten Gutachten gegen die Reihengräber aussprach. Ebenso vor zwei Jahren gegen die Juden in Wien. Beide Male k?e liberalen außer sich darüber, daß die Juden einer vollständigen Nivellirung und dem Aufgeben jeder religiösen Bewnderheit widerstrebten. Man wird unwillkürlich an eine alte Anekdote erinnert. Es hatte sich irgendwo ereignet, daß zu gleicher Zeit oder bald nach einander ein Katholik und ein Protestant hingerichtet worden waren; da meinte nun Jemand, es wäre gut, wenn jetzt auch ein Jude gehängt würde, damit bte Gleichberechtigung der Confessionen zu faktischer Geltung käme. Also weil man dem katholischen Klerus ein Bein stellen will, darum müssen wir mit zu Falle kommen, und weil dieser sich dies und jenes anmaßt, müssen wir, die wir durch unsere Separatgrabstätten und auf ihnen gewiß keinen Menschen kränken, auf unsere heiligsten Gefühle der Pietät verzichten. Feuilleton. Der letzte Jude. (Schluß) Jäckel wankte hinaus. Als derselbe sich entfernt hatte, wandte sich Lämchen an Esther, welche in Thränen aufgelöst dastand. „Hast Du es gehört, Esther, mein Kind ist unschuldig! „Ick kann mein Haupt frei erheben, mein Sohn ist kein Dieb gewesen." „O, ich wußte es stets," rief Esther, die Thränen trocknend, „aber Du in Deiner Verblendung hast ihn auf den bösen Schein hin, trotzdem das Gericht ihn freigesprochen, dennoch hinaus gestoßen, und Dein armes Weib, — Gott Hab sie selig — dadurch in's Grab gebracht. — Freilich, damals hieß es immer, wenn ich Moritz vertheitigte: „Schweig! Ihr Frauenzimmer redet wie ihr's versteht." Heute steht der Allerwellskluge vor demselben Frauenzimmer, das damals nicht verstand, was sie sprach und si h: nun ein, daß er unsinnig gehandelt." „Du hast Recht Esther, o wüßte ich nur, wo in aller Welt Moritz weilt, mit meinen alten Füßenwürde ich zu ihm eilen, um ihn an mein versöhntes Vaterherz zu drücken. „Vater, mein Vater!" ertönte es jetzt hinter ihm. Lämchen traute seinen Ohren nicht, er blickt um sich, da steht am Eingang der offenen Thür Master Capten, beide Arme ihm entgegenstreckend. „Wie? Wart Ihr's, der den süßen Namen jetzt hier gerufen, den mein Ohr schon lange nicht vernommen?" fragte er mit vor Freuden zitternder, thränenerstickter Stimme. Statt aller Antwort eilt Moritz auf ihn zu und wirft sich an seine Brust. „Vater, theurer Vater! erkennst Du Deinen Sohn nicht wieder? Ich bin Moritz. Ich habe mich nicht früher Dir zu erkennen geben wollen, als bis Du die Ueberzeugung von meiner vollständigen Unschuld gewonnen. Da ich eben bei meinem Eintritt ins Haus den Stadtschreiber Jäkel aus demselben so verstört treten sah und dann Eure Schlußworte vernahm, da war's mir sofort klar, daß derselbe endlich das Bekenntniß seiner schwarzen Seele vor Euch abgelegt habe, da konnte ich auch nicht länger an mich halten. Ihr könnt nun ohne zu errölhen, Euren Sohn vor aller Welt zeigen." Lange hielt der Vater den Sohn umschlungen. „Ja hier an meinem Herzen, von dem man Dich frevelnd losgerissen, ist Dein Platz —" sagte er unter Schluchzen. Dann die Thränen sich aus den Augen wischend betrachtete er ihn nochmals staunend: „Also Master Caplen ist... Moritz, mein Sohn ... mein verloren geglaubter. Ich muß mich erst in die neue Situation hineinfinden Ja aber wollte Master Capten mir nicht heute Vormittag nähere Mrttheilungen über Rosa machen. Moritz was ist aus Deiner Schwester geworden? wo ist sie? was macht sie? O könnte ich auch sie an mein Vaterherz drücken." „Vater — das sollst Du heute noch. Rosa ist nicht verloren, sie ist treu ihrem Glauben aber auch treu der Liebe geblieben, sie ist in sicherer Obhut, bei keinem andern, als bei ihrem Bruder; sie wdhnt bei mir und wird auch jetzt nicht lange warten laffen. Doch komm, laß uns niedersetzen, damit ich Dir und der lieben Tante, ausführlich er-