Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 8 (1877)
- Issue
- N° 38 u. 39. (19.9.1877)
- Date
- 1877-09-19
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 303 — Die erste Frage war: Ist die Affaire nicht zu klein und unbedeutend? Da fiel mir das Sprichwort ein: Der Reiter, der eine Ackerwerre (die die Pflanzwurzeln auffrißt) über den Weg kriechen sieht, der Reiter soll vom Pferde steigen und das Ungeziefer zertreten. Und als vor Kurzem der Coloradokäfer in Deutschland eingeschleppt war, bot die Regierung alle Mittel der Verwaltung und der Wissenschaft auf, um die verheerende Creatur sofort auszurotten. Aehnlich erscheint die genannte Thatsache. Sie schreiben mir, daß ich eine besondere Verpflichtung zu einer Kundgebung hätte, zunächst als Jude und dann, weil ich in meinen Schriften so vielfach eine weltgeschichtlich neue ideale Zukunft der Vereinigten Staaten Amerika's betonte. Als Jude? Daß noch Judenhaß besteht und daß er es wagen darf, sich kund zu geben, das ist für die Juden ein Schmerz, für die Christen eine Schmach. Lord Beaconsfteld D'Israeli schreibt an Herrn Hilton: „Christlicher Zeitgenosse und Bekenner der Religion der Liebe! Es war meine Absicht, bei einer Reise nach Amerika in Ihrem Gasthof Quartier zu nehmen; da Sie mir indeß meinen Glauben nicht an der Nase absehen können, wahrscheinlich aber meine Abstammung, so muß ich darauf verzichten. Ich erwarte, daß Ihre Mitbürger die Schmach erkennen, die Sie dem Vaterlande Benjamin Franklins angethan. Benjamin D'Jsraeli Beaconsfteld." So schreibt D'Jsraeli, oder vielmehr so sollte er schreiben. Und nicht nur die Christen jüdischer Abstammung, sondern auch die Christgeborenen Alle, die die Menschenwürde in sich fühlen und in Anderen erkennen, sollten dies erste Symptom einer neuen sittlichen Pest in der neuen Welt mit aller Energie ausrotten, sticht Juden, sondern Christen und nur Christen sollten Meetings abhalten, um ihre Entrüstung über die scheinbar so geringfügige, aber in ihrer empörenden Ruchlosigkeit ungeheuerliche Thatsache kund zu geben. Kein Geistlicher sollte die Kanzel besteigen, ohne auszurufen: Die erste Spur eines Greuels hat sich unter uns am Hellen Tage zu zeigen gewagt, wodurch die Religion der Liebe, als welche sich die unsere verkündet, zur Lüge wird. Wer kann noch das Wort „Vaterunser" sprechen, so lange er die Gotteskindschaft verleugnet, so lange er verleugnet, daß alle Menschen, aller Farbe, aller Bekenntnisse, Kinder Gottes sind? Das wäre Religion, und der Text dazu fände sich im Evangelium Matthäi, Kap. 25, Vers 40, 41, 42 und 43. Welcher Text sich aber den Eonfessionslosen aller Racen darböte, das bedarf keiner Andeutung. Sollte aber keine dieser Erwartungen sich erfüllen, so nun denn, so sage ich Ihnen, es mag eine besondere Mission der Juden sem, durch bald zwei Jahrtausende hindurch nie und nimmer — trotz aller Verunstaltungen der zur hohlen Phrase erniedrigten Liebesbotschaft — nie und nimmer an der erlösenden Kraft des einen Gedankens zu verzweifeln und dafür auszuharren. So lange ein Mensch andern Glaubens, anderer Abstammung, lieblos oder gar mit Haß betrachtet wrrd, ist keine wirkliche Religion in der Welt. Sie sagen mir, lieber Freund, daß der Herr Joseph Seeugmann ein angesehener und gemeinnützig thätiger Mann sei Und wäre er der Geringsten einer, das Weitere steht geschrieben Evangelium Matthäi Kap. 25, V. 40. Und nun noch ein Wort. Gewiß, es ist keine Frage, es ist viel zu tadeln an den Juden, diesseits und jenseits des Oceans. Vor Allem fehlt ihnen vielfach die stille Bildung, jenes sich selbst Genügen an der innern Veredelung und Erhöhung. Es herrscht eine Sucht zu Prunk und Schaugepränge, besonders unter den jüdischen Frauen. Es ist da „ zu arbeiten und zu mahnen, um Einfachheit, bescheidenen Bürgersinn zu pflanzen und zu heben. Ist aber nicht Aehnuches auch in den entsprechenden Schichten der zu Reichthum gelangten Christen? Jedenfalls hat ein Mensch wie Herr Hstton nicht den Beruf, hier erziehend einzuwirken. Sollte aber die Maßnahme des Genannten in der Thal auf einer testamentarischen Verordnung beruhen, so wird kern auf sittlicher Grundlage beruhender Staat Schützer und Vollstrecker eines die ewigen Normen des Moralgesetzes verletzenden Testaments sein dürfen. An die Juden in Amerika wäre noch die Mahnung zu richten, sich durch den alles höhere Leben verhöhnenden Versuch nicht abhalten zu lassen, die Saat des Guten auszustreuen in ihrem neuen Vaterland und sich würdig zu erweisen, freie Bürger zu sein; vor Allem aber dürfen sie sich nicht erbittern lassen, wenn, was ja leicht möglich ist, die christlichen Mitbürger nicht der Verpflichtung Nachkommen, gegen den ersten Keim einer sittlichen Pest mit aller Energie aufzutreten. Dies lieber Freund, ist es, was ich Ihnen aus den Alpen auf Ihren Zuruf aus dem Riesengebirge in aller Flüchtigkeit antworten kann. Unentwegt Ihr Berthold Auerbach. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin, im Sept. Hiesige Blätter bringen folgende Notiz: „Der Minister vr. Falk kehrt am 14. d. M. von seiner Urlaubsreise zurück und wird sogleich die Amlsgeichäste iu vollem Umfange wieder übernehmen und dabei vermuthlich in erster Reihe sich der Weiterförderung des Unterrichlsgesetzes annehmen, auf dessen Zurücklegung officiöserseits hingedeutet worden ist, so daß nicht überall die Neigung vorhanden zu sein scheint, das wichtige Gesetz thunlichst zu beschleunigen. Dagegen wird derselbe Minister den Gesetzentwurf wegen Regelung des Begräbuißwesens endlich vorlegen, der, wie es heißt, den Kirchengesellschafien ihr jetziges Eigenthum beläßt und den bürgerlichen Gemeinden die Verpflichtung auferlegt, für die Begräbnißplätze zu sorgeu und dieselben zu erhallen. Den bürgerlichen Gemeinden würde dann volle Freiheit bleiben, etwaigen coufessionellen Wünschen Rücksicht zu gewähren. Der, auf Gutachten von Oberpräsidenlen, Regierungen u. s. w. ruhende Gesetzentwurf ist von dem Minister des Innern gebilligt." Eine Nachricht ähnlichen Inhalts ging schon vor etwa 3 Wochen durch die Blätter. Es war da noch näher und bestimmter angegeben, das neue Gesetz werde die jetzt bestehenden confessionellen Begräbmßplätze iu ihrem Raum- und Besitzstände belassen, aber für die Zukunft das Anlegen neuer oder der Erweiterung alter Separatfriedhöfe untersagen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Gesetz in diesem Sinne zu Stande kommen wird, Man wird in Preußen nicht soweit gehen, wie in Belgien (siehe unter Brüssel!) aber die Aufrechterhaltung des bis jetzt Geltenden steht nicht in Aussicht. Also in Zukunft auch keine Vergrößerung jetzt bestehender jüdischer Friedhöfe! Daraus ergibt sich die Mahnung, daß die Synagogengemeinden, wo sich irgend Gelegenbeit und Möglichkeit bietet, für die Zukunft sorgen und die Frist noch benutzen! (So ist es hier in Stettin geschehen. Es hat sich so gefügt — man kann wohl sagen KfllTDa — daß der Gemeinde Gelegenheit geboten wurde, den Friedhof arrondireu und um 5jt Morgen zu vergrößern. Man hat sich nicht besonnen, das Opfer zu bringen, obgleich erst vor 8 Jahren eine erhebliche Vergrößerung stattgefunden hat, und das damals gekaufte Areal noch kaum iu Benutzung genommen ist. Das neue Kaufgeschäft ist soeben von der Negierung genehmigt, also vielleicht nahe vor Thorschluß — und die hiesige Gemeinde hat demnach für mehrere Jahrzehnte Fürsorge getroffen. Bernburg. Unser Landrabbiner Hr. Dr. Herxheim er begeht am 26. d. Mts. sein 50jähriges Amts-Jubiläum. Die Gemeinde hat beschlossen, diesen seltenen Ehrentag durch besondern Festgottesdienst (um II Uhr Vormittag) und Festmahl (Nachmittags 2 Uhr) zu feiern. Außer an die Spitzen der Behörden sind an die Rabbiner aus Hannover, Magdeburg