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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-09-19 · N° 38 u. 39. (19.9.1877) · p. Seite 302

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 38 u. 39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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— 302 cipalrath von Darabany aufgelöst worden. Es geht aus diesem, im Journal officiel von Bukarest veröffentlichten Document hervor, daß nicht ein einziges Mitglied desselben schreiben oder lesen konnte und daß man bei mehreren von ihnen Gegenstände, die den Israeliten gestohlen worden, gefunden hat. — Bekanntlich ist diesen Municipalräthen das Recht übertragen, den Israeliten die Erlaubniß zur Niederlassung in den ländlichen Gemeinden zu gewähren oder zu versagen. Aus Serbien wird berichtet: Obgleich unsere Petition von der großen Skuptschina nicht in Erwägung gezogen werden konnte, hoffte ich dennoch von der Sorgfalt der Regierung und der Dankbarkeit des serbischen Volkes eine anderweitige Erklärung unserer Rechte. Seitdem haben uns die Thatsachen eines befferen belehrt; die Regierung besitzt nicht Energie genug, um zu unseren Gunsten etwas zu thun, und das Volk ist gegen uns niemals schlimmer disponirt gewesen. Man hat den Israeliten von Semendria von Neuem den Erlaß zugeschickt, innerhalb 30 Tagen die Stadt zu verlaßen, und die Regierung hat nichts gethan, um dieser Willkürmaßregel zu begegnen. Wenn dieselbe und das Volk uns während des Krieges günstig gesinnt waren, so geschah er, weil ihre militärischen Verluste sie damals gegen Andere gerechter machten | und sie ihre Illusionen sowohl in Betreff des serbischen Heroismus, als in Betreff der behaupteten Feigheit anderer Nationen und namentlich der Juden verloren hatten. Angesichts des schönen Verhaltens der Israeliten während des Krieges erklärten sie, daß der Tag der Emancipation gekommen sei, und daß dieselben die Erlangung ihrer Rechte verdient hätten. Aber es waren Versprechungen, wie sie die Reisenden während des Sturmes machen und sie wieder vergessen, wenn die Gefahr vorüber. Die Rückkehr zu einer gerechten Regierung wird schwierig, ja sogar unmöglich sein, insofern man sie von der Skuptschina erwarten soll, da die kleinen Handelsleute im Innern des Landes und besonders von Belgrad sich niemals hiermit einverstanden erklären werden. Nur eine Pression von Außen wird nnsere Regierung bestimmen, der mächtigen Corporation der Turgowatz (Kaufleute) wie es der Fürst Milosch gethan hat, zu trotzen; denn was die Landleute betrifft, so sind sie uns stets zugethan gewesen. — Was dann weiter über den weiland Friedensschluß zwischen Serbien und der Türkei gesagt wird, ist natürlich längst zwecklos geworden. Von Wichtigkeit aber bleibt ein genaues namentliches Verzeichniß der Israeliten, welche während des Krieges in der serbischen Armee gedient haben. Es sind im Genie 3, Artillerie 10, Infanterie 7, Cavallerie 4, Freiwillige in der Legion der Fürstin Natalie 3, als Aerzte 2, im Train 26. Außerdem gehörten noch ca. 100 Mann zur Reserve, die in Folge dessen keinen activen Theil am Kriege genommen haben; es ist ferner zu bemerken, daß diejenigen, die zur Cavallerie und zum Train gehören, sich aus eigene Kosten equipiren und sich für ihr Geld Pferde und Wagen (!) kaufen müffen; und endlich sei erwähnt, daß bei Gelegenheit der letzten im Anfang dieses Monats vorgenommenen Rekrutirung die israelitische Gemeinde von Belgrad 17 israelitische junge Männer zur Aushebung bezeichnet hat und darunter 7, die durch ihre Statur aufftelen und in die Garde des Fürsten eingereiht worden. Türkei. In einem Berichte über den Gang seiner Schule (in Smyrna) und über seine Unterrichtsmethode äußert sich H. Cazös über die Bedeutung der türkischen Sprache für die israelitische Jugeud der Türkei in folgenden Worten: Vor etwa 50 Jahren war das türkische Reich, so zu sagen vollständig in den Händen der Juden Die Muselmänner, von Natur indolent, verließen sich gern auf die treuen Israeliten, auch Zölle, Verwaltung, Finanzen, Aemter aller Art, Alles befand sich in ihren Händen. Hätten sie sich damals mit der Erziehung ihrer Kinder beschäftigt, hätten sie die neue Generatton bekannt gemacht mit Allem, was dieselbe mit der Bevölkerung, unter der sie lebten, assimiliren konnte, hätten sie nicht an ihrem spagnolischen Dialect so festgehalten und hätten sie sich die Landessprache angeeignet, kein Zweifel, daß die Israeliten noch heute in den verschiedenen Verwaltungen des ottomanischen Reiches die höchsten Stellen einnahmen. Leider haben sie sich aber ihrem ephemeren Glück ganz hingegeben, sind stehen geblieben, während ein anderes Volk das armenische, neben ihnen sich den türkischen Muselmännern assimilirte, ihre Costüme und ihre Sprache annahm und es mit einer ungewöhnlichen geistigen Geschmeidigkeit und durchaus bewährten Ausdauer dahinbrachte, die Israeliten zu verdrängen und die Posten einzunehmen, die diese nicht mehr zu behaupten vermochten. Heutzutage muß man sich bemühen, die Armenier nicht zu ersetzen, sondern theilzunehmen an den Vortheilen, welche dieselben genießen, und die Position zu gewinnen, welche unseren Glaubensgenossen gebührt. Die ottomanische Regierung hat allen Bürgern ihres Reiches die Gleichberechtigung gewährt, und läßt sie zu allen Carrieren, selbst den militärischen, der nobelsten des Landes, zu. Der Kampf ist also eröffnet, ein Kampf, dessen Waffe die Bildung und hauptsächlich die Kenntniß der Landessprache ist. Was nun die Schulen betrifft, so sind diese begreiflicherweise durch den Krieg nicht frei von Störungen geblieben. Die in Rustschuk ist durch das Bombardement und die Flucht der Israeliten aufgelöst. Anfangs war noch eine Anzahl armer Kinder in der Stadt geblieben, mit denen Herr Pariente den Unterricht fortsetzte. Die Bibliothek und die Archive der Schule sind von Herrn Pariente an die Herren Gebrüder Tedeschi nach Varna geschickt worden, welche dieselben in einem ihrer aus Steinen errichteten Magazine im Depot halten werden. — Das noch nicht bezogene neue Schulgebäude wird auf Vorschlag des Herrn Pariente als Ambulanz benützt werden, und ist dieser Bestimmung gemäß durch eine weiße Fahne mit rothem Halbmond kenntlich gemacht. — Frau Jusselin, Vorsteherin der Mädchenschule, hat sich nach Varna geflüchtet, wo sie bei Herrn Tedeschi, dem Consul für Belgien, die herzlichste Gastlichkeit gefunden. Sie hat den Unterricht daselbst mit denjenigen ihrer Zöglinge, die gleichfalls nach Varna gekommen, und den Brüdern derselben, Zöglingen des Herrn Pariente, begonnen. — In einem späteren Berichte heißt es nun aus Varna. DasComit6 erhält über die von Frau Jusselin provisorisch eröffnete Schule folgende Mittheilung: Die Schule wurde am 18. Juni in Gegenwart der Hrn. Geb. Tedeschi und Sr. Exz. Ali-Bay, des Stadtgouverneurs, eröffnet. Letzterer führte ihr selbst seine kleine sechsjährige Tochter als Schülerin zu, und seitdem hat Frau Jusselin noch 2 muselmännische Kinder, das eine die Tochter des General-Eisenbahn-Commissärs, Teoftle-Bey, und die Tochter eines Jngeneuvs, in ihrer Schule ausgenommen?) Die Gesammtzahl der Zöglinge beträgt 40, wovon 16 Mädchen und 24 Knaben sind; 28 zahlen 14 Piaster (3 Fr.) monatlich, 8 sind unentgeltlich und die i übrigen auswärtige (nicht israelitisch.) Am ersten Tage haben die griechischen Kinder des Stadtviertels die Schüler insultirt und wollten sie schlagen, als der Rabbiner sie in guter Ordnung zur Schule führte; aber der Gouverneur gab sofort sehr strengen Befehl, daß die Schutzleute des Stadtviertels Tag und Nacht die Schule bewachen sollen. Nordamerika. New-Aork. Mit Bezug auf die bekannte Affaire Hilton- Seligmann veröffentlicht die „Illinois Staatszeitung" folgenden Brief des bekannten Schriftstellers, Berthold Auerbach: „Tarasp (Engadin, Schweiz), den 19. Juli 1877. Vom Riesengebirge nach den Graubündner Alpen schicken Sie, lieber Kapp, mir einen Mahnruf, ich müsse ein Wort sagen über die monströse Geschichte, daß der Wirth Hilton im Grand Union Hotel in Saratoga den Banquier Joseph Seeligmann nicht in seinen Gasthof aufnahm, weil er — ein Jude ist. Sie legen mir Ausschnitte aus amerikanischen Zeitungen bei, die die Sache des Näheren beleuchten. *) Spricht das nicht mehr, als ein ganzes Buch, für die Bildung und Vorurtheilslosigkeit der gebildeten Türken?

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