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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1877-09-19 · N° 38 u. 39. (19.9.1877) · p. Seite 300

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
8 (1877)
Issue
N° 38 u. 39. (19.9.1877)
Date
1877-09-19
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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— 300 — besänftigendem Wellenschläge barmherziger Liebe Raum zu geben. Steht doch dieser eben vollendete Bau heute vor uns als ein sichtbares Denkmal jener unvergeßlichen Tage, als ein unserem Auge gar rvohl gefälliger Werkstein menschlichen Edelsinnes, der sich nicht auf die kärgliche Abhülfe leiblicher Noth beschränkte, sondern auch reichliche Mittel gab zur Wiederaufnahme der Pflege geistigen Lebens und sittlicher Erhebung. Auch das misten wir, daß ein bemerkeuswerther" Theil dieser Mittel dem Manne zu verdanken ist, der sich unserer Stadt in den Stunden der Gefahr und Roth mit warmem Herzen und treulich sorgender Liebe angenommen hat. Und ich bin hoch erfreut, daß sich hier Gelegenheit bietet, diesem wohlwollenden Manne, der heute unter uns weilet, dem Herrn Staatsminister a. D. und Oberpräsidenlen der Provinz Sachsen Patow, für sein großherziges Bemühen und erfolgreiches Wirken öffentlich danken zu können. Wie dieser in der sorgsamen Förderung jeder Religionsübung, in edelsinniger Toleranz gegen Andersgläubige, uns heute ein schönes Beispiel giebt, so darf ich die Thatsache, daß zunächst wir, als dem Repräsentanten des politischen Communalverbandes der Schlüstel zu diesem Gotteshause eingehändigt wird, um denselben seiner Bestimmung näher zu führen — eine feinsinnige Mahnung, nämlich die symbolische Aufforderung an die bürgerliche Gemeinde erblicken: sich in gleichwilliger Duldsamkeit gegen verschiedene Religionsbekenntniffe, als die treue Hüterin der Stätten zu erweisen, wo geistiges Leben gehegt und sittliches Leben gepflegt wird. Nun denn, wir folgen dieser Aufforderung! Indem ich die Schlüstel in die Hände des Synagogenvorstandes lege, gelobe ich, Namens der Stadt, dieses Haus zu achten und zu hüten als eine Gott geweifte Stätte." v. Celle, 10. September. (Or.-Corr.) Sie haben die Spalten Ihres vielgelesenen Blattes stets geöffnet, wo es galt, Mißstände aus unserer Synagoge zu entfernen. Auch heute möchte ich darum Ihre Güte beanspruchen, denn es gilt etwas höchst Unpastendes und unseren Gottesdienst Störendes abzuschaffen, ich meine das Mischeberach-machcn. Ich kenne unsere Synagogenordnung nicht genau, weiß nicht, ob dieses Unzeitgemäße gänzlich abgeschafft, oder auf ein Minimum beschränkt ist, da es eben bei nns noch existirt, bedarf es vielleicht nur noch dieser Erwähnung, und es endlich ganz aus unserer Synagoge verbannt zu sehen. Nicht genug, daß da für Vater und Mutter, Frau und Kinder, Onkel und Tanten rc. Mischeberach gemacht wird, auch selbst die entferntesten Verwandten wüsten an die Reihe, das dauert oft eine ganze Zeit, und der andächtige Zuhörer ist verurtheilt, das mit anhören zu müssen wenn ihm auch das: Quousque tandem abutere patientia nostra aus der Zunge liegt. Noch nie hat diese Unsitte so mein Mißfallen erregt, als am diesjährigen Neujahrsfeste, und möchte ich gern, daß ich sie zum letzten Male habe ertragen müssen. (Die Synagogenordnung für das ehemalige Königreich Hannover, welche unsres Wissens durch die seitherigen Ereigniste nicht außer Kraft gesetzt worden ist, hat die Einzel-Mischeberach auf Casualfälle und Neujahr und Versöhnungstag «i n g e s ch r ä n k t, und die Zahl der zu benennenden Personen auf drei beschränkt. Der Wortlaut liegt uns nicht vor, aber der Inhalt wird Vorstehendem entsprechen. Red.) W. H. Neubrandenburg, 4. September. (Or. - Corr.) (Synagogen-Einwnhung) Der Fremde, welcher heute unsere Stadt betrat, merkte alsbald, daß die Bewohner sich in Festesfreude und Festesstimmung, die sich ausnahmlos auch auf unsere christliche Landleute erstreckte, befanden. Welch gewaltiger Fortschritt, welch ungeheure Umwandlung! Mecklenburg, das Land, das sich von religiöser Unduldsamkeit nicht am meisten freisprechen kann, dessen polnische Leitung nicht gerade stets vom confessionslosen Standpunkte den Innenentwicklungen zusah, hat — das hat uns der festliche Glanz des heutigen Tages bewiesen — mit seinen alten Traditionen gebrochen. Es war dem jüdischen Gemüthe eine wahrhaft belehrende Erquickung, wenn man bereits zu den Proben des Festgesanges alle sangeskundigen Kehlen, ohne Unterschied der Confession. wetteifern sah mit dem Wunsche, auch ihrestheils zur Verherrlichung des der Gottesverehrung ihrer Mitbürger geweihten Hanfes beizutragen. An dieser Verträglichkeit unter den Confessionen haben aber auch die hiesigen jüdischen Familien ihren Äntheil. Ohne die Prinzipien des Judenthums und feine Formen aufzugeben, haben sie es verstanden, sich mit hineinzuleben in die großen Zeitaufgaben, bei deren Mitarbeit der Gedankenunterschied zwischen den Confessiouen schwindet. Für die Angehörigen des Judenthums hat das neue geöffnete Gotteshaus noch eine wesentliche Bedeutung. Anstatt im ehemalig gemielheten Locale sammeln sich die Gemeindemitglieder numehr in einem modernen Gotteshause, in einem Prachtbau, besten Eleganz und Zierlichkeit meiner Beschreibung doch nur spotten werde. Es existirt nunmehr ein Gotteshaus, herrlich und glanzvoll; ruhte bisher der Schwerpunkt des hierläudischen Judenthums in der Mecklenburg-Strelitz'schen Hauptstadt, so ist er jetzt nach Neubrandenburg, nicht nur durch die Zahl der Gemeindemitglieder, sondern auch durch das monumentale Gotteshaus verlegt. Zwar weilt dort noch der Landrabbiner Dr Hamburger, der aber auch hier öfter predigen wird. Die Emweihungsfeier war eine großartige, für unsere Stadt sehr großartig, deren Beschreibung aber den Zweck dieser Zeilen überschritte, die den ideellen Werth beleuchten sollten. Ein Handschreiben des Großherzogs übermittelte den Festversammelten den landesherrlichen Segen. Eine stattliche Anzahl von Geschenken erwies die Theilnahme der Fernerstehenden in glanzvoller Weise. Das Fest verlief in schönster Weise und im allgemeinen Festesjubel. Ein Mann, der das Alles fast allein geschaffen, auf dessen Schultern das großartige Werk fast gänzlich ruhte, der Borsiand der Gemeinde, Herr Sylvester Löwenhaupt, darf auf sein Wirken mit voller Befriedigung zurückschauen. In überraschender Weise wurde ihm durch Darbringung eines Ständchens und Ueberreichung eines Pokals die Anerkennung für sein Schaffen zu Theil. Eine gemüthliche Tafelrunde und Tanzgenuß beschloß die seltene Feier. Oesterreich. Lemberg. Ein Correspondent des „Lemb. Jsr." berichtet folgende Thatsachen, die keines Commentars bedürfen: Die Behandlungsweise, welche jüdische Irren in der Jrrenbewahranstalt zu Kulparkow erfahren, gehört eben nicht zu den bestbeleumundeten. Herben Tadel verdient aber diejenige, die dem dahingeschiedenen jüd. Geisteskranken zu Theil wird. Es pflegte in den v o r kulparkower Zeiten Brauch zu sein, daß man den Tod eines jüd. Irren sofort anzeigte, um ihm rituell einen Leichenwächter beizustellen, ferner wurde die Sektion nicht mittelst des Kreuzschnittes, sondern ausschließlich durch den Längsschnitt vollsührt. Schreiber dieser Zeilen war hiervon viele Mal Augenzeuge — denn, sagte das damalige ärztliche Personal, dem Menschen soll nicht künstlich nach dem Tode das Kreuz eingeschnitten werden, welches er im Leben nicht angebetet. Diese pietätvolle Denkart pflanzte sich bis auf die Leichendiener fort und diese hatten selbst für die Sektion in jener Art gesorgt, und die Aerzte darauf aufmerksam gemacht, daß es ein jüdischer Leichnam sei. Anders aber heute —die Sektion wird am jüd. Todten ebenfalls mittelst Kreuzschnitts vollzogen, und bleibt der Leichnam dort 3 Tage in der mit christl. Emblemen geschmückten Todtenkammer. Nun kommt noch das Beste. Soll ein derartig gekreuzigter Jude endlich erlöst werden aus jener Heilanstalt, um seiner ewigen Ruhestätte zugeführt zu werden, da beginnt ein neuer Schacher seitens des Leichendieners „mit Judenblut". Für einen Topf Judenblut des Secirten ist wohl ein Gulden eine Bagatelle. So mußten die trostlosen Verwandten eines hiesigen in Kulparkow für immer Geheckten gegen 2 fl. für den Topf zydowskiej krwi zahlen, und man mußte es wohl zahlen, wollten die Verwandten das Blut des ihnen so theueren Leichnams nicht in eine Kloake verschüttet wissen. Glücklicherweise sterben

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